Etappe 1-10
1. Tag: Sonntag, 9.5.04: Wien (260m) – Unterstand in der Nähe des Höllensteinhauses (550m)
Um 7.45 Uhr erreicht mein Nachtzug aus Berlin den Wiener Westbahnhof. Die für lange Zeit letzte Großstadt lockt mit ihren Sehenswürdigkeiten, und so deponiere ich mein schweres Gepäck im Schließfach am Bahnhof. Ich flaniere entlang ausgewählter Orte der österreichischen Hauptstadt, wie etwa des Stephansplatzes, der Donau, des Rathauses, des Parlaments oder des Burgtheaters. Zwar lacht die Sonne vom Himmel, jedoch lässt die schwüle Luft eine Abkühlung befürchten, die prompt am Nachmittag in Form eines heftigen Gewitters eintritt, just in dem Augenblick, als ich, mit der Tram Nummer 60 bis Rodaun gefahren, losmarschieren will. Sogar Hagelschauer verfinstern den Tag und zwingen mich, über eine Stunde an der Endhaltestelle auszuharren, ehe die ersten Sonnenstrahlen auftauchen und ich aufbrechen kann. Meist auf Fahrwegen bewege ich mich zum Höllensteinhaus (645m) und genehmige mir ein heißes Süppchen. Wie befürchtet eröffnet mir die Wirtin, dass am morgigen Montag Ruhetag sei und ich daher nicht in der Hütte übernachten könne. Daher steige ich bis zu einer Weggabelung ab, in deren Nähe sich ein hölzerner Brotzeitunterstand mit Tisch und Bänken befindet, dessen harter Betonboden meiner Isomatte als Unterlage dient: Immerhin ein Dach über dem Kopf...
Exakte Routenführung: Wien-Rodaun Straßenbahnendhaltestelle (260m) – Höllenstein (645 m) – Unterstand (550m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 450m; Abstieg: 150m
Distanz: 10 km
Reale Gehzeit: 2,5 Std;
2. Tag: Montag, 10.5.04: Unterstand in der Nähe des Höllensteinhauses (550m) – Draußen neben Peilsteinhütte (620m)
Auf dem harten, ungemütlichen Boden des Unterstandes finde ich keinen bequemen Schlaf, zudem verursachen starke Windböen einen Höllenlärm. Bereits kurz nach fünf Uhr räume ich mein Nachtlager. Nach dem Frühstück (wenn möglich nehme ich stets Müsli in rauhen Mengen zu mir, was den Vorteil hat, dass mein Körper relativ lange von keinem Hungergefühl gepiesackt wird) führt mich meine Route über Sittendorf und, eine Autobahn unterquerend, Heiligenkreuz nach Mayerling. Mayerling war früher ein beliebtes Jagdrevier für die kaiserlich-königlichen Herrschaften aus Wien. Im Ort bezirzt mich eine Angebotstafel mit der Aufschrift „Menü 3,90 €“. Die Spargelcremesuppe sowie der anschließende Schweinebraten rechtfertigen die Wahl. Derart gestärkt schlendere ich durch ein Dorf mit dem wunderlichen Namen „Maria Raisenmarkt“ (371m), ehe der Weg einen rasanten Aufschwung nimmt. Vorbei an schönen Kletterfelsen mit vielen Bohrhaken und riesigen Höhlen erscheint bald das mächtig-klobige Peilsteinhaus auf dem plateauartigen Gipfel desselben (716m), mit ebenso mächtig – bärtigem, aber freundlichem Wirt, der mir mitteilt, dass wegen des morgigen Ruhetags heute leider keine Übernachtung möglich sei. Nach diesem Déja-Vu steige ich bis zur ebenfalls geschlossenen Peilsteinhütte (620m) ab, vor der ich biwakiere. Der Himmel gestaltet sich zwar stark bewölkt, und einige wenige Tropfen entweichen, jedoch bleibe ich insgesamt trocken. In Gefahr und größter Not hätte ich mich unter das Vordach einer kleinen Materialhütte nach nebenan flüchten können.
Exakte Routenführung: Unterstand in der Nähe des Höllensteinhauses (550m) – Sittendorf (370m) – Heiligenkreuz (312m) – Maria Raisenmarkt (371m) – Peilstein (716m) – Peilsteinhütte (620m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 665m; Abstieg: 600m
Distanz: 21 km
Reale Gehzeit: 6 Std

3. Tag: Dienstag, 11.5.04: Draußen neben Peilsteinhütte (620m) – Enzianhütte/Kieneck (1107m)
Zwar fegt nachts ein stürmischer Wind über mich hinweg, eine wirkliche Herausforderung für meinen Daunenschlafsack (der laut Hersteller bis minus 15 Grad zu benutzen ist) sieht dann aber doch anders aus... Von der Peilsteinhütte steige ich nach Altenmarkt an der Triesting (410m) ab, wo ich Lebensmittelvorräte wie Zeckenschutzimpfung auffrische. In der dafür zuständigen Landarztpraxis wird anwesenden „Asylanten“ nach telefonischer Rücksprache mit den Behörden die Behandlung verweigert („wird nicht finanziert“). Stärkerer Regen lässt mich für längere Zeit in einem Bushäuschen Unterschlupf suchen, und begleitet mich in Schüben während des Aufstiegs zum Hocheck-Schutzhaus (1037m), wo ich mit erhabener Geste das erste Mal die 1000m-Marke überschreite. Von Leberknödelsuppe und Topfkuchen gestärkt stellen mich die vier Stunden Fußmarsch über den Kamm bis zur Enzianhütte auf dem Kieneck-Gipfelplateau (1107m) nicht groß auf die Probe. Als problematisch erweist sich lediglich die Wassersituation, es gibt nämlich keins, denn: Wie nicht anders zu erwarten war, gestatten sich auch die Wirtsleute dieser Hütte ausgerechnet heute ihren zweifellos wohlverdienten Ruhetag. Wenigstens besteht die Möglichkeit, in einer Scheune, dem „Notlager“, auf einer Matratze zu nächtigen: Durchaus ein Zugewinn an Komfort, nimmt man die ersten beiden Nächte zum Maßstab...
Exakte Routenführung: Peilsteinhütte (620m) – Altenmarkt/ Triesting (410m) – Hocheck (1037m) – Enzianhütte/Kieneck (1107m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 985m; Abstieg: 585m
Distanz: 25 km
Reale Gehzeit: 7 Std

4. Tag: Mittwoch, 12.5.04: Enzianhütte/Kieneck (1107m) – Öhler-Schutzhaus (1028m)
Die erste Nacht auf einer echten, wenngleich viel zu weichen Matratze koste ich dermaßen aus, dass ich den Wecker überhöre: Um halb Sieben reißen mich Bauarbeiter aus dem Schlaf, die mit ihrer Firmenpritsche vorfahren, um an der Schutzhütte herumzuwerkeln. Ich frühstücke kaum (zu wenig Wasser), sondern wandere gleich weiter in Richtung des urigen Unterberg-Schutzhauses (1170m), das inmitten von Skipisten wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten wirkt. Leider sind die Preise nicht ganz so urig: Selbst ein halber Liter Mineralwasser für 2,40 € kann meinen Wassermangel nicht gänzlich beheben kann, dies vermag erst ein beim Abstieg nach Gutenstein (481m) plötzlich auftauchender Bach. Mittlerweile habe ich den Wienerwald durchquert und befinde mich in den „Gutensteiner Alpen“, die sich nicht wesentlich von ersterem unterscheiden: Auch hier dominieren waldbewachsene Hügel die Szenerie, nur überschreiten sie die 1000m-Marke. In Gutenstein verführt mich ein Schild mit der Aufschrift „Tafelspitz“. Noch nie in meinem langen Leben habe ich einen solchen verzehrt, daher kann ich nicht widerstehen. Zu meiner großen Überraschung (und meinem Bedauern) wird er kalt serviert und ist in reichlich Öl und Zwiebeln (welche so ziemlich das Gegenteil meiner Leibspeise repräsentieren) getränkt. Inzwischen habe ich gelernt, dass Tafelspitz nicht zwangsläufig kalt gegessen werden muss. Schon seit längerem braut sich unter lautem Grummeln ein Gewitter zusammen, das pünktlich nach dem Dessert losschlägt, so dass ich noch eine Weile festsitze. Bald lichtet sich der Himmel, und ich nehme das Öhler-Schutzhaus (1027m) ins Visier. Trotz seiner Stattlichkeit, die auf regen Besucherverkehr schließen lässt, bleibe ich der einzige Übernachtungsgast. Das Schutzhaus selbst ist geschlossen (es wird nur an Wochenenden bewirtschaftet), deswegen verbringe ich die Nacht auf dem Boden des sehr dunklen „Wetterschutzraumes“, was in puncto Matratzen einen Rückschritt zum Vorabend bedeutet. Wenigstens wird dem Erfrierungstod vorgebeugt: Zwei Decken liegen zum Gebrauch bereit.
Exakte Routenführung: Enzianhütte/Kieneck (1107m) – Unterberg-Schutzhaus (1170m) – Gutenstein (481m) – Öhler-Schutzhaus (1028m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 900m; Abstieg: 1000m;
Distanz: 23 km
Reale Gehzeit: 6,5 Std

5. Tag: Donnerstag, 13.5.04: Öhler-Schutzhaus (1028m) – Fischerhütte (2049m)
Als ich mich um Viertel nach Fünf aus den Federn erhebe, desillusioniert mich der Blick nach draußen: Es regnet, eine wahrhaftige Kaltfront (von denen noch viele über mich herfallen werden, jedes Mal aufs neue lassen sie meine Laune auf den Nullpunkt und darunter sinken) hat sich extra herbeibemüht, um mir das Leben schwer zu machen. Nach längerer Zwangspause lassen es die äußeren Umstände zu, den Abstieg nach Puchberg (585m) am Schneeberg, der von dichten Wolkenschleiern verhüllt ist, in Angriff zu nehmen. Die Konsumfreuden, die mir der Spar-Markt bereitet, gewähren Ablenkung, und der kostenlose Internet-Anschluss in der lokalen Raiffeisenbank verspricht Kommunikation mit netten Menschen, jedoch folgt die Ernüchterung auf dem Fuße: Die Homepages der großen Mailserver sind gesperrt (aus Sicherheitsgründen, wie mir bedauernd mitgeteilt wird!). Bei ziemlichem Sauwetter starte ich die 1500 Höhenmeter zum Gipfelplateau des Schneebergs (2049m). Ein gütiger Mensch erichtete auf halbem Weg die Edelweißhütte (1235m). Es versteht sich, dass ich der einzige Gast bin (die BergfreundInnen von heute stehen Unbilden des Wetters relativ ablehnend gegenüber). Ich konsumiere einen heißen Tee, eine Leberknödelsuppe sowie einen Apfelstrudel. Der Hüttenwirt erzählt, dass es letzten Winter sehr viel Schnee gegeben habe, und dass sich der diesjährige Frühling nicht gerade durch Kaiserwetter und hohe Temperaturen auszeichne, was sich in erheblichen Altschneemengen niederschlage. Letztere sind glücklicherweise im steilen Fadensteig zur Fischerhütte (2049m) nur mehr rudimentär vorhanden. Ich befinde mich in einer einzigen Nebelsuppe, so dass ich das große Schneeberg-Plateau, der Gipfel wird Klosterwappen genannt (zum ersten Mal habe ich stolzen Schrittes die 2000m-Marke erklommen), gar nicht als solches wahrnehmen kann. Bereits an mein Dasein als einziger Übernachtungsgast gewöhnt, werde ich durch das erneute Betätigen der Eingangstüre der Fischerhütte aufgeschreckt. Doch es sind nicht etwa „gewöhnliche“ BergfreundInnen, die sich hierher verirrt haben, sondern vier Soldaten des österreichischen Bundesheeres, im Dienst, wie ich bald erfahre. Ihre Aufgabe besteht darin, durch Österreich zu tingeln und an unterschiedlichen Standorten Kommunikationsanlagen zu warten. Eine davon hält hier oben die Stellung (was mir ob der Nebelsuppe entgangen war). Bald entspinnt sich eine angeregte Unterhaltung, als Diplom-Politologe werde ich genötigt, fachmännisch zu den unterschiedlichsten politischen Themen Farbe zu bekennen (vom Irak-Krieg bis zur EU-Osterweiterung). Jedenfalls nimmt ein feucht-fröhlicher Abend seinen Lauf... Auch die Wirtin (seit 23 Jahren auf der Hütte) gesellt sich dazu, am Ende habe ich drei Schnäpse und einen gespritzten Rotwein intus. Die Kollegen vom Bundesheer stellen ihre soldatische Trinkfestigkeit unter Beweis und ordern ein „Spritzerl“ (auf deutsch: Weinschorle) nach dem anderen.
Exakte Routenführung: Öhler-Schutzhaus (1028m) – Puchberg (585m) – Fischerhütte (2049m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1500m; Abstieg: 450m
Distanz: 18 km
Reale Gehzeit: 5,25 Std

6. Tag: Freitag, 14.5.04: Fischerhütte (2049m) – Otto-Schutzhaus (1644m)
Um sechs Uhr morgens tobt draußen ein heftiger Sturm mit leichtem Schneefall. Die eisige Kälte hat aus dem Nebel wunderschöne Rauhreifformationen entstehen lassen. Mühsam nach dem Weg fahndend gelange ich zunächst zu den Zechbrüdern von gestern, die mir den Weg weisen. Der üppig vorhandene Schnee versteckt die Markierungen, und so wähle ich die „Direttissima“ nach unten. Die geschlossene Kienthaler Hütte (1380m) lasse ich links liegen, während ich im Weichtalhaus (563m) der Naturfreunde, dem tiefsten Punkt heute, ein Glas Zitronenmelisse mit Wasser schlürfe. Auch der Regen hat sich endlich davongemacht, vereinzelte Sonnenstrahlen wärmen mich während meines Anstieg durch das Höllental, das dem Wandersmann verschiedenste Steige unterschiedlicher Couleur offeriert. Unbefangen wähle ich den Geißlochsteig, leider eine schlechte Wahl, wie sich zeigt: Weiter oben ist der Weg von einer frischen Gerölllawine unbrauchbar gemacht worden, und im weiteren Aufstieg durch bei Nässe ziemlich heikle Passagen (Seilsicherungen + Leiter) im sehr steilen Gelände ergießen sich richtige Wasserfälle über mich. Zudem gelangt man nach diesem Hindernis in einen bewaldeten Talkessel, in dem selbst auf 1300m noch sehr viel Altschnee das Vorwärtskommen erschwert. Anschließend passiere ich die Wolfgang-Dirnbacher-Hütte (1477m), einen Bretterverschlag ohne Boden, und beschließe, dort aus Gründen mangelnden Komforts nicht zu übernachten, ebensowenig in der Gloggnitzer Hütte (1584m), wie eigentlich geplant, da der Weg zum Klobentörl wegen einer schneegefüllten Rinne zu heikel aussieht. Meine Wahl fällt schließlich auf das Otto-Schutzhaus (1642m), wo außer mir nur ein älteres Ehepaar logiert. Ein schmackhaftes Erdäpfelgulasch am Abend erfreut meinen leidgeprüften Gaumen.
Exakte Routenführung: Fischerhütte (2049m) – Weichtalhaus (563m) – Geißlochsteig - Otto-Schutzhaus (1642m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1150m; Abstieg: 1550m
Distanz: 20 km
Reale Gehzeit: 6 Std

7. Tag: Samstag, 15.5.04: Otto-Schutzhaus (1644m) – Schneealpenhaus (1782m)
Schlaftrunken verliere ich auf dem Weg Richtung Seehütte (1648m) im tiefen Schnee die Markierung und gelange so auf einen (glücklicherweise reizvolleren und ausgeaperten) Umweg über den Grat. Nach dem Queren einiger Schneefelder halte ich in die Karl-Ludwig-Hütte (1804m) Einzug (es ist saukalt, die Quecksilbersäule rankt sich um den Gefrierpunkt, und der Wind pfeift gehörig) und konsumiere eine „Fritatensuppe“ (wie der Österreicher sagt, andere würden den Terminus „Pfannkuchensuppe“ präferieren). Derartig gestärkt promeniere ich über den höchsten Punkt des Raxplateaus, die Heukuppe (2007m), und erneut lassen die Wolken keinerlei Fernsicht zu. Der Übergang zum Schneealpenhaus (1784m) über den Nasskamm erfordert zunächst 800m Abstieg über den sehr steilen, seilgesicherten und zum Glück fast komplett schneefreien Gamsecksteig. Unterwegs revoltiert einer meiner beiden Teleskopstöcke, er ist nicht mehr richtig zu fixieren. Der Wirt des Schneealpenhauses versucht, ihn notdürftig zu verarzten, aber dennoch werde ich ihn in den nächsten Monaten (bis ich ihn in Martigny im Rhône-Tal endgültig ersetzen werde) nur mehr bis zur Hälfte zusammenschieben können. Da ich der einzige Nächtigungsgast bin (welch Überraschung!), trete ich rasch mit den drei Wirtsleuten in Dialog: Sie absolvieren die erste Saison auf der Hütte und stammen aus der Gegend um Linz. Mir wird aufgetragen, dem Franz (dem Wirt des Meran-Hauses) viele Grüße zu bestellen, was ich liebend gerne gemacht hätte, nur das liebe Wetter hatte andere Pläne mit mir...
Exakte Routenführung: Otto-Schutzhaus (1644m) – Heukuppe (2007m) – Nasskamm (bis 1210m) – Schneealpenhaus (1784m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1100m; Abstieg: 960m
Distanz: 26 km
Reale Gehzeit: 6,75 Std

8. Tag: Sonntag, 16.5.04: Schneealpenhaus (1782m) – Mürzsteg (782m)
So angenehm eine Nacht im warmen Schlafsack im kalten Lager, ganz alleine und ungestört, den Körper quer über mehrere Matratzen geschlängelt, sein kann, so unangenehm ist oftmals der morgendliche Blick nach draußen: Diesmal hat die angekündigte Kaltfront „eiskalt“ zugeschlagen und uns 15 cm Neuschnee beschert, zudem tobt ein veritabler Schneesturm, die Schneegrenze dürfte bei etwa 1400m liegen. Zwar verlege ich meinen Starttermin auf neun Uhr, aber vor weiteren Schnee- bzw. Regenschauern bewahrt mich auch dieser taktische Schachzug nicht. In dichtem Waschküchennebel folge ich den Stangenmarkierungen und dem Sträßchen, das unter dem vielen Neuschnee nur erahnt werden kann, ins Tal hinab. Im weiteren Tagesverlauf öffnet der Himmel des öfteren in bester Aprilmanier seine Schleusen, was mich in Neuberg (730m) für einige Zeit in ein Bushäuschen flüchten lässt, später verstecke ich mich im Gebüsch. Angesichts derartiger Umstände sowie physischer Problemchen (mein ausgemergelter Körper bedarf einer Reanimierung, zudem ist mein linker Knöchel unangenehm dick geworden) reift in mir der Entschluss, nicht zum Meran-Haus aufzusteigen (und somit dem Franz auch keine Grüße zu bestellen), sondern, immer der Teerstraße entlang, in Mürzsteg (782m) beim altehrwürdigen Kaiserwirt zu nächtigen. Dadurch wird mir der unbeschreibliche Genuss einer heißen Dusche, der ersten seit über einer Woche, zuteil. Meinen finanziellen Rahmen überdehnend gebe ich den Verlockungen einer Halbpension nach. Während des Abendessens verzückt mich der bajuwarische Slang von Hans Söllner, für einen „Kaiserwirt“ zweifellos eine ungewöhnliche musikalische Umrahmung. Nachdem er zwei Stücke zum besten geben durfte, erschallt dann doch wieder „richtige“ Volksmusik.
Exakte Routenführung: Schneealpenhaus (1782m) – Neuberg (730m) – Mürzsteg (782m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 152m; Abstieg: 1152m
Distanz: 18 km
Reale Gehzeit: 7,25 Std

9. Tag: Montag, 17.5.04: Mürzsteg (782m) – Seewiesen (968m)
Bei Nieselregen und tiefhängenden Wolken folge ich seit dem Morgen stets der Teerstraße über den Niederalpl-Pass (1220m) nach Wegscheid (818m). Obwohl Wandern auf Teerstraßen bei mir stets zu erheblicher Mißstimmung führt, bleibt mir keine Wahl: Von Wegscheid aus schlängle ich mich der vielbefahrenen Hauptstraße entlang, die den bekannten Wallfahrtsort Mariazell mit Kapfenberg verbindet, auf den Seebergsattel (1246m). In Mariazell trafen sich am Wochenende Tausende von KatholikInnen aus ganz Europa, inklusive höchster Würdenträger aus Staat und Kirche, doch Petrus kannte keine Gnade: Knietief liess er seine Jünger im Schlamm versinken. Am erwähnten Seebergsattel kreuzen sich Unmengen von Weitwanderwegen, wie ein Schilderbündel an einer Birke zu verstehen gibt. Das letzte Stück vor Seewiesen (974m) führt wieder durch ruhigere Gefilde. Für heute Abend hat sich mein Vater angesagt, der mich für eineinhalb Wochen begleiten wird, um mir die Einsamkeit zu vertreiben. Ich geleite ihn von der Bushaltestelle zu unserer Unterkunft im Gasthaus Schuster. Mit 28 € pro Person (ÜN + Frühstück) dürfte sie den Rekord halten, wenn ich die gesamten fünf Monate Revue passieren lasse, und wenn man die in dieser Hinsicht konkurrenzlose Schweiz außer acht lässt. Immerhin steht uns die Möglichkeit offen, vor einem Bildschirm bescheidener Größe einen Fernsehabend zu verbringen, und der Wirt, der auch stellvertretender Bürgermeister ist, spendiert uns nach dem Nachtessen ein Gläschen Schnaps nach dem anderen, wobei er gleichzeitig monologisierend über die Kunst des Geschäftemachens (Fragestellung: „Wie entledige ich andere Menschen ihres Geldes?“) doziert...
Exakte Routenführung: Mürzsteg (782m) – Niederalpl (1221m) – Wegscheid (818m) – Seebergsattel (1246m) – Seewiesen (974m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 900m; Abstieg: 700m
Distanz: 26 km
Reale Gehzeit: 6,5 Std

10. Tag: Dienstag, 18.5.04: Seewiesen (974m) – Voisthaler Hütte (1654m)
Auf meinen Wanderungen ordere ich eigentlich nie ein Frühstück, zum einen aus finanziellen Gründen, zum anderen wegen meines immensen Hungers, dem eigentlich nur ein Frühstücksbüffet abhelfen kann. Ein solches wird uns heute serviert, und ich nutzte es weidlich. Ansonsten dient die heutige, kurze Etappe mit zwei Stunden Gehzeit vor allem der Erholung. Der Knöchel will bandagiert, die Kräfte regeneriert werden. Beim Aufstieg zur Voisthaler Hütte (1654m) herrscht ab 1400 Metern tiefster Winter, sprich eine geschlossene Schneedecke. Der Wirt der Hütte ist auch als Bergführer unterwegs und trägt seinen langen Rauschebart monstranzartig vor sich her. Zu unserer Verblüffung sind wir nicht allein: Eine weitere Person nächtigt auf der Hütte...
Exakte Routenführung: Seewiesen (974m) – Voisthaler Hütte (1654m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 700m; Abstieg: 0m
Distanz: 7 km
Reale Gehzeit: 2 Std

Um 7.45 Uhr erreicht mein Nachtzug aus Berlin den Wiener Westbahnhof. Die für lange Zeit letzte Großstadt lockt mit ihren Sehenswürdigkeiten, und so deponiere ich mein schweres Gepäck im Schließfach am Bahnhof. Ich flaniere entlang ausgewählter Orte der österreichischen Hauptstadt, wie etwa des Stephansplatzes, der Donau, des Rathauses, des Parlaments oder des Burgtheaters. Zwar lacht die Sonne vom Himmel, jedoch lässt die schwüle Luft eine Abkühlung befürchten, die prompt am Nachmittag in Form eines heftigen Gewitters eintritt, just in dem Augenblick, als ich, mit der Tram Nummer 60 bis Rodaun gefahren, losmarschieren will. Sogar Hagelschauer verfinstern den Tag und zwingen mich, über eine Stunde an der Endhaltestelle auszuharren, ehe die ersten Sonnenstrahlen auftauchen und ich aufbrechen kann. Meist auf Fahrwegen bewege ich mich zum Höllensteinhaus (645m) und genehmige mir ein heißes Süppchen. Wie befürchtet eröffnet mir die Wirtin, dass am morgigen Montag Ruhetag sei und ich daher nicht in der Hütte übernachten könne. Daher steige ich bis zu einer Weggabelung ab, in deren Nähe sich ein hölzerner Brotzeitunterstand mit Tisch und Bänken befindet, dessen harter Betonboden meiner Isomatte als Unterlage dient: Immerhin ein Dach über dem Kopf...
Exakte Routenführung: Wien-Rodaun Straßenbahnendhaltestelle (260m) – Höllenstein (645 m) – Unterstand (550m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 450m; Abstieg: 150m
Distanz: 10 km
Reale Gehzeit: 2,5 Std;
2. Tag: Montag, 10.5.04: Unterstand in der Nähe des Höllensteinhauses (550m) – Draußen neben Peilsteinhütte (620m)
Auf dem harten, ungemütlichen Boden des Unterstandes finde ich keinen bequemen Schlaf, zudem verursachen starke Windböen einen Höllenlärm. Bereits kurz nach fünf Uhr räume ich mein Nachtlager. Nach dem Frühstück (wenn möglich nehme ich stets Müsli in rauhen Mengen zu mir, was den Vorteil hat, dass mein Körper relativ lange von keinem Hungergefühl gepiesackt wird) führt mich meine Route über Sittendorf und, eine Autobahn unterquerend, Heiligenkreuz nach Mayerling. Mayerling war früher ein beliebtes Jagdrevier für die kaiserlich-königlichen Herrschaften aus Wien. Im Ort bezirzt mich eine Angebotstafel mit der Aufschrift „Menü 3,90 €“. Die Spargelcremesuppe sowie der anschließende Schweinebraten rechtfertigen die Wahl. Derart gestärkt schlendere ich durch ein Dorf mit dem wunderlichen Namen „Maria Raisenmarkt“ (371m), ehe der Weg einen rasanten Aufschwung nimmt. Vorbei an schönen Kletterfelsen mit vielen Bohrhaken und riesigen Höhlen erscheint bald das mächtig-klobige Peilsteinhaus auf dem plateauartigen Gipfel desselben (716m), mit ebenso mächtig – bärtigem, aber freundlichem Wirt, der mir mitteilt, dass wegen des morgigen Ruhetags heute leider keine Übernachtung möglich sei. Nach diesem Déja-Vu steige ich bis zur ebenfalls geschlossenen Peilsteinhütte (620m) ab, vor der ich biwakiere. Der Himmel gestaltet sich zwar stark bewölkt, und einige wenige Tropfen entweichen, jedoch bleibe ich insgesamt trocken. In Gefahr und größter Not hätte ich mich unter das Vordach einer kleinen Materialhütte nach nebenan flüchten können.
Exakte Routenführung: Unterstand in der Nähe des Höllensteinhauses (550m) – Sittendorf (370m) – Heiligenkreuz (312m) – Maria Raisenmarkt (371m) – Peilstein (716m) – Peilsteinhütte (620m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 665m; Abstieg: 600m
Distanz: 21 km
Reale Gehzeit: 6 Std

3. Tag: Dienstag, 11.5.04: Draußen neben Peilsteinhütte (620m) – Enzianhütte/Kieneck (1107m)
Zwar fegt nachts ein stürmischer Wind über mich hinweg, eine wirkliche Herausforderung für meinen Daunenschlafsack (der laut Hersteller bis minus 15 Grad zu benutzen ist) sieht dann aber doch anders aus... Von der Peilsteinhütte steige ich nach Altenmarkt an der Triesting (410m) ab, wo ich Lebensmittelvorräte wie Zeckenschutzimpfung auffrische. In der dafür zuständigen Landarztpraxis wird anwesenden „Asylanten“ nach telefonischer Rücksprache mit den Behörden die Behandlung verweigert („wird nicht finanziert“). Stärkerer Regen lässt mich für längere Zeit in einem Bushäuschen Unterschlupf suchen, und begleitet mich in Schüben während des Aufstiegs zum Hocheck-Schutzhaus (1037m), wo ich mit erhabener Geste das erste Mal die 1000m-Marke überschreite. Von Leberknödelsuppe und Topfkuchen gestärkt stellen mich die vier Stunden Fußmarsch über den Kamm bis zur Enzianhütte auf dem Kieneck-Gipfelplateau (1107m) nicht groß auf die Probe. Als problematisch erweist sich lediglich die Wassersituation, es gibt nämlich keins, denn: Wie nicht anders zu erwarten war, gestatten sich auch die Wirtsleute dieser Hütte ausgerechnet heute ihren zweifellos wohlverdienten Ruhetag. Wenigstens besteht die Möglichkeit, in einer Scheune, dem „Notlager“, auf einer Matratze zu nächtigen: Durchaus ein Zugewinn an Komfort, nimmt man die ersten beiden Nächte zum Maßstab...
Exakte Routenführung: Peilsteinhütte (620m) – Altenmarkt/ Triesting (410m) – Hocheck (1037m) – Enzianhütte/Kieneck (1107m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 985m; Abstieg: 585m
Distanz: 25 km
Reale Gehzeit: 7 Std

4. Tag: Mittwoch, 12.5.04: Enzianhütte/Kieneck (1107m) – Öhler-Schutzhaus (1028m)
Die erste Nacht auf einer echten, wenngleich viel zu weichen Matratze koste ich dermaßen aus, dass ich den Wecker überhöre: Um halb Sieben reißen mich Bauarbeiter aus dem Schlaf, die mit ihrer Firmenpritsche vorfahren, um an der Schutzhütte herumzuwerkeln. Ich frühstücke kaum (zu wenig Wasser), sondern wandere gleich weiter in Richtung des urigen Unterberg-Schutzhauses (1170m), das inmitten von Skipisten wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten wirkt. Leider sind die Preise nicht ganz so urig: Selbst ein halber Liter Mineralwasser für 2,40 € kann meinen Wassermangel nicht gänzlich beheben kann, dies vermag erst ein beim Abstieg nach Gutenstein (481m) plötzlich auftauchender Bach. Mittlerweile habe ich den Wienerwald durchquert und befinde mich in den „Gutensteiner Alpen“, die sich nicht wesentlich von ersterem unterscheiden: Auch hier dominieren waldbewachsene Hügel die Szenerie, nur überschreiten sie die 1000m-Marke. In Gutenstein verführt mich ein Schild mit der Aufschrift „Tafelspitz“. Noch nie in meinem langen Leben habe ich einen solchen verzehrt, daher kann ich nicht widerstehen. Zu meiner großen Überraschung (und meinem Bedauern) wird er kalt serviert und ist in reichlich Öl und Zwiebeln (welche so ziemlich das Gegenteil meiner Leibspeise repräsentieren) getränkt. Inzwischen habe ich gelernt, dass Tafelspitz nicht zwangsläufig kalt gegessen werden muss. Schon seit längerem braut sich unter lautem Grummeln ein Gewitter zusammen, das pünktlich nach dem Dessert losschlägt, so dass ich noch eine Weile festsitze. Bald lichtet sich der Himmel, und ich nehme das Öhler-Schutzhaus (1027m) ins Visier. Trotz seiner Stattlichkeit, die auf regen Besucherverkehr schließen lässt, bleibe ich der einzige Übernachtungsgast. Das Schutzhaus selbst ist geschlossen (es wird nur an Wochenenden bewirtschaftet), deswegen verbringe ich die Nacht auf dem Boden des sehr dunklen „Wetterschutzraumes“, was in puncto Matratzen einen Rückschritt zum Vorabend bedeutet. Wenigstens wird dem Erfrierungstod vorgebeugt: Zwei Decken liegen zum Gebrauch bereit.
Exakte Routenführung: Enzianhütte/Kieneck (1107m) – Unterberg-Schutzhaus (1170m) – Gutenstein (481m) – Öhler-Schutzhaus (1028m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 900m; Abstieg: 1000m;
Distanz: 23 km
Reale Gehzeit: 6,5 Std

5. Tag: Donnerstag, 13.5.04: Öhler-Schutzhaus (1028m) – Fischerhütte (2049m)
Als ich mich um Viertel nach Fünf aus den Federn erhebe, desillusioniert mich der Blick nach draußen: Es regnet, eine wahrhaftige Kaltfront (von denen noch viele über mich herfallen werden, jedes Mal aufs neue lassen sie meine Laune auf den Nullpunkt und darunter sinken) hat sich extra herbeibemüht, um mir das Leben schwer zu machen. Nach längerer Zwangspause lassen es die äußeren Umstände zu, den Abstieg nach Puchberg (585m) am Schneeberg, der von dichten Wolkenschleiern verhüllt ist, in Angriff zu nehmen. Die Konsumfreuden, die mir der Spar-Markt bereitet, gewähren Ablenkung, und der kostenlose Internet-Anschluss in der lokalen Raiffeisenbank verspricht Kommunikation mit netten Menschen, jedoch folgt die Ernüchterung auf dem Fuße: Die Homepages der großen Mailserver sind gesperrt (aus Sicherheitsgründen, wie mir bedauernd mitgeteilt wird!). Bei ziemlichem Sauwetter starte ich die 1500 Höhenmeter zum Gipfelplateau des Schneebergs (2049m). Ein gütiger Mensch erichtete auf halbem Weg die Edelweißhütte (1235m). Es versteht sich, dass ich der einzige Gast bin (die BergfreundInnen von heute stehen Unbilden des Wetters relativ ablehnend gegenüber). Ich konsumiere einen heißen Tee, eine Leberknödelsuppe sowie einen Apfelstrudel. Der Hüttenwirt erzählt, dass es letzten Winter sehr viel Schnee gegeben habe, und dass sich der diesjährige Frühling nicht gerade durch Kaiserwetter und hohe Temperaturen auszeichne, was sich in erheblichen Altschneemengen niederschlage. Letztere sind glücklicherweise im steilen Fadensteig zur Fischerhütte (2049m) nur mehr rudimentär vorhanden. Ich befinde mich in einer einzigen Nebelsuppe, so dass ich das große Schneeberg-Plateau, der Gipfel wird Klosterwappen genannt (zum ersten Mal habe ich stolzen Schrittes die 2000m-Marke erklommen), gar nicht als solches wahrnehmen kann. Bereits an mein Dasein als einziger Übernachtungsgast gewöhnt, werde ich durch das erneute Betätigen der Eingangstüre der Fischerhütte aufgeschreckt. Doch es sind nicht etwa „gewöhnliche“ BergfreundInnen, die sich hierher verirrt haben, sondern vier Soldaten des österreichischen Bundesheeres, im Dienst, wie ich bald erfahre. Ihre Aufgabe besteht darin, durch Österreich zu tingeln und an unterschiedlichen Standorten Kommunikationsanlagen zu warten. Eine davon hält hier oben die Stellung (was mir ob der Nebelsuppe entgangen war). Bald entspinnt sich eine angeregte Unterhaltung, als Diplom-Politologe werde ich genötigt, fachmännisch zu den unterschiedlichsten politischen Themen Farbe zu bekennen (vom Irak-Krieg bis zur EU-Osterweiterung). Jedenfalls nimmt ein feucht-fröhlicher Abend seinen Lauf... Auch die Wirtin (seit 23 Jahren auf der Hütte) gesellt sich dazu, am Ende habe ich drei Schnäpse und einen gespritzten Rotwein intus. Die Kollegen vom Bundesheer stellen ihre soldatische Trinkfestigkeit unter Beweis und ordern ein „Spritzerl“ (auf deutsch: Weinschorle) nach dem anderen.
Exakte Routenführung: Öhler-Schutzhaus (1028m) – Puchberg (585m) – Fischerhütte (2049m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1500m; Abstieg: 450m
Distanz: 18 km
Reale Gehzeit: 5,25 Std

6. Tag: Freitag, 14.5.04: Fischerhütte (2049m) – Otto-Schutzhaus (1644m)
Um sechs Uhr morgens tobt draußen ein heftiger Sturm mit leichtem Schneefall. Die eisige Kälte hat aus dem Nebel wunderschöne Rauhreifformationen entstehen lassen. Mühsam nach dem Weg fahndend gelange ich zunächst zu den Zechbrüdern von gestern, die mir den Weg weisen. Der üppig vorhandene Schnee versteckt die Markierungen, und so wähle ich die „Direttissima“ nach unten. Die geschlossene Kienthaler Hütte (1380m) lasse ich links liegen, während ich im Weichtalhaus (563m) der Naturfreunde, dem tiefsten Punkt heute, ein Glas Zitronenmelisse mit Wasser schlürfe. Auch der Regen hat sich endlich davongemacht, vereinzelte Sonnenstrahlen wärmen mich während meines Anstieg durch das Höllental, das dem Wandersmann verschiedenste Steige unterschiedlicher Couleur offeriert. Unbefangen wähle ich den Geißlochsteig, leider eine schlechte Wahl, wie sich zeigt: Weiter oben ist der Weg von einer frischen Gerölllawine unbrauchbar gemacht worden, und im weiteren Aufstieg durch bei Nässe ziemlich heikle Passagen (Seilsicherungen + Leiter) im sehr steilen Gelände ergießen sich richtige Wasserfälle über mich. Zudem gelangt man nach diesem Hindernis in einen bewaldeten Talkessel, in dem selbst auf 1300m noch sehr viel Altschnee das Vorwärtskommen erschwert. Anschließend passiere ich die Wolfgang-Dirnbacher-Hütte (1477m), einen Bretterverschlag ohne Boden, und beschließe, dort aus Gründen mangelnden Komforts nicht zu übernachten, ebensowenig in der Gloggnitzer Hütte (1584m), wie eigentlich geplant, da der Weg zum Klobentörl wegen einer schneegefüllten Rinne zu heikel aussieht. Meine Wahl fällt schließlich auf das Otto-Schutzhaus (1642m), wo außer mir nur ein älteres Ehepaar logiert. Ein schmackhaftes Erdäpfelgulasch am Abend erfreut meinen leidgeprüften Gaumen.
Exakte Routenführung: Fischerhütte (2049m) – Weichtalhaus (563m) – Geißlochsteig - Otto-Schutzhaus (1642m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1150m; Abstieg: 1550m
Distanz: 20 km
Reale Gehzeit: 6 Std

7. Tag: Samstag, 15.5.04: Otto-Schutzhaus (1644m) – Schneealpenhaus (1782m)
Schlaftrunken verliere ich auf dem Weg Richtung Seehütte (1648m) im tiefen Schnee die Markierung und gelange so auf einen (glücklicherweise reizvolleren und ausgeaperten) Umweg über den Grat. Nach dem Queren einiger Schneefelder halte ich in die Karl-Ludwig-Hütte (1804m) Einzug (es ist saukalt, die Quecksilbersäule rankt sich um den Gefrierpunkt, und der Wind pfeift gehörig) und konsumiere eine „Fritatensuppe“ (wie der Österreicher sagt, andere würden den Terminus „Pfannkuchensuppe“ präferieren). Derartig gestärkt promeniere ich über den höchsten Punkt des Raxplateaus, die Heukuppe (2007m), und erneut lassen die Wolken keinerlei Fernsicht zu. Der Übergang zum Schneealpenhaus (1784m) über den Nasskamm erfordert zunächst 800m Abstieg über den sehr steilen, seilgesicherten und zum Glück fast komplett schneefreien Gamsecksteig. Unterwegs revoltiert einer meiner beiden Teleskopstöcke, er ist nicht mehr richtig zu fixieren. Der Wirt des Schneealpenhauses versucht, ihn notdürftig zu verarzten, aber dennoch werde ich ihn in den nächsten Monaten (bis ich ihn in Martigny im Rhône-Tal endgültig ersetzen werde) nur mehr bis zur Hälfte zusammenschieben können. Da ich der einzige Nächtigungsgast bin (welch Überraschung!), trete ich rasch mit den drei Wirtsleuten in Dialog: Sie absolvieren die erste Saison auf der Hütte und stammen aus der Gegend um Linz. Mir wird aufgetragen, dem Franz (dem Wirt des Meran-Hauses) viele Grüße zu bestellen, was ich liebend gerne gemacht hätte, nur das liebe Wetter hatte andere Pläne mit mir...
Exakte Routenführung: Otto-Schutzhaus (1644m) – Heukuppe (2007m) – Nasskamm (bis 1210m) – Schneealpenhaus (1784m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1100m; Abstieg: 960m
Distanz: 26 km
Reale Gehzeit: 6,75 Std

8. Tag: Sonntag, 16.5.04: Schneealpenhaus (1782m) – Mürzsteg (782m)
So angenehm eine Nacht im warmen Schlafsack im kalten Lager, ganz alleine und ungestört, den Körper quer über mehrere Matratzen geschlängelt, sein kann, so unangenehm ist oftmals der morgendliche Blick nach draußen: Diesmal hat die angekündigte Kaltfront „eiskalt“ zugeschlagen und uns 15 cm Neuschnee beschert, zudem tobt ein veritabler Schneesturm, die Schneegrenze dürfte bei etwa 1400m liegen. Zwar verlege ich meinen Starttermin auf neun Uhr, aber vor weiteren Schnee- bzw. Regenschauern bewahrt mich auch dieser taktische Schachzug nicht. In dichtem Waschküchennebel folge ich den Stangenmarkierungen und dem Sträßchen, das unter dem vielen Neuschnee nur erahnt werden kann, ins Tal hinab. Im weiteren Tagesverlauf öffnet der Himmel des öfteren in bester Aprilmanier seine Schleusen, was mich in Neuberg (730m) für einige Zeit in ein Bushäuschen flüchten lässt, später verstecke ich mich im Gebüsch. Angesichts derartiger Umstände sowie physischer Problemchen (mein ausgemergelter Körper bedarf einer Reanimierung, zudem ist mein linker Knöchel unangenehm dick geworden) reift in mir der Entschluss, nicht zum Meran-Haus aufzusteigen (und somit dem Franz auch keine Grüße zu bestellen), sondern, immer der Teerstraße entlang, in Mürzsteg (782m) beim altehrwürdigen Kaiserwirt zu nächtigen. Dadurch wird mir der unbeschreibliche Genuss einer heißen Dusche, der ersten seit über einer Woche, zuteil. Meinen finanziellen Rahmen überdehnend gebe ich den Verlockungen einer Halbpension nach. Während des Abendessens verzückt mich der bajuwarische Slang von Hans Söllner, für einen „Kaiserwirt“ zweifellos eine ungewöhnliche musikalische Umrahmung. Nachdem er zwei Stücke zum besten geben durfte, erschallt dann doch wieder „richtige“ Volksmusik.
Exakte Routenführung: Schneealpenhaus (1782m) – Neuberg (730m) – Mürzsteg (782m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 152m; Abstieg: 1152m
Distanz: 18 km
Reale Gehzeit: 7,25 Std

9. Tag: Montag, 17.5.04: Mürzsteg (782m) – Seewiesen (968m)
Bei Nieselregen und tiefhängenden Wolken folge ich seit dem Morgen stets der Teerstraße über den Niederalpl-Pass (1220m) nach Wegscheid (818m). Obwohl Wandern auf Teerstraßen bei mir stets zu erheblicher Mißstimmung führt, bleibt mir keine Wahl: Von Wegscheid aus schlängle ich mich der vielbefahrenen Hauptstraße entlang, die den bekannten Wallfahrtsort Mariazell mit Kapfenberg verbindet, auf den Seebergsattel (1246m). In Mariazell trafen sich am Wochenende Tausende von KatholikInnen aus ganz Europa, inklusive höchster Würdenträger aus Staat und Kirche, doch Petrus kannte keine Gnade: Knietief liess er seine Jünger im Schlamm versinken. Am erwähnten Seebergsattel kreuzen sich Unmengen von Weitwanderwegen, wie ein Schilderbündel an einer Birke zu verstehen gibt. Das letzte Stück vor Seewiesen (974m) führt wieder durch ruhigere Gefilde. Für heute Abend hat sich mein Vater angesagt, der mich für eineinhalb Wochen begleiten wird, um mir die Einsamkeit zu vertreiben. Ich geleite ihn von der Bushaltestelle zu unserer Unterkunft im Gasthaus Schuster. Mit 28 € pro Person (ÜN + Frühstück) dürfte sie den Rekord halten, wenn ich die gesamten fünf Monate Revue passieren lasse, und wenn man die in dieser Hinsicht konkurrenzlose Schweiz außer acht lässt. Immerhin steht uns die Möglichkeit offen, vor einem Bildschirm bescheidener Größe einen Fernsehabend zu verbringen, und der Wirt, der auch stellvertretender Bürgermeister ist, spendiert uns nach dem Nachtessen ein Gläschen Schnaps nach dem anderen, wobei er gleichzeitig monologisierend über die Kunst des Geschäftemachens (Fragestellung: „Wie entledige ich andere Menschen ihres Geldes?“) doziert...
Exakte Routenführung: Mürzsteg (782m) – Niederalpl (1221m) – Wegscheid (818m) – Seebergsattel (1246m) – Seewiesen (974m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 900m; Abstieg: 700m
Distanz: 26 km
Reale Gehzeit: 6,5 Std

10. Tag: Dienstag, 18.5.04: Seewiesen (974m) – Voisthaler Hütte (1654m)
Auf meinen Wanderungen ordere ich eigentlich nie ein Frühstück, zum einen aus finanziellen Gründen, zum anderen wegen meines immensen Hungers, dem eigentlich nur ein Frühstücksbüffet abhelfen kann. Ein solches wird uns heute serviert, und ich nutzte es weidlich. Ansonsten dient die heutige, kurze Etappe mit zwei Stunden Gehzeit vor allem der Erholung. Der Knöchel will bandagiert, die Kräfte regeneriert werden. Beim Aufstieg zur Voisthaler Hütte (1654m) herrscht ab 1400 Metern tiefster Winter, sprich eine geschlossene Schneedecke. Der Wirt der Hütte ist auch als Bergführer unterwegs und trägt seinen langen Rauschebart monstranzartig vor sich her. Zu unserer Verblüffung sind wir nicht allein: Eine weitere Person nächtigt auf der Hütte...
Exakte Routenführung: Seewiesen (974m) – Voisthaler Hütte (1654m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 700m; Abstieg: 0m
Distanz: 7 km
Reale Gehzeit: 2 Std

Almoehi - 16. Nov, 19:12

