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Etappe 101-110

27
Nov
2006

Etappe 101-110

101. Tag: Dienstag, 17.8.04: Rifugio Capanna Castiglioni (1631m) - Rifugio Citta di Arona (1771m)

Erneut folge ich auf einer Etappe dem Verlauf des großen Weitwanderweges GTA. Kurz vor Acht ist der Himmel stark bewölkt, und es nieselt. Der Weg durchquert einfaches Terrain in sanft ansteigender Weidelandschaft. Nach einiger Zeit erreiche ich das erste Joch, die Scatta d’Orogna (2461m), kurz danach gelange ich in dichtem Nebel zum Passo di Valtendra (2431m).
Scatta d'Orogna (2461m)
Es beginnt stärker zu regnen, die dicken Tropfen durchnässen mich bis zum Etappenziel, dem Rifugio Citta di Arona (1771m) auf der Alpe Veglio. Das Ausmaß dieser Hochebene bleibt mir wegen des Nebels verschlossen. Ich entledige mich meiner nassen Kleidungsstücke und nehme eine wohltuend heiße Dusche. Anschließend wage ich ein sündhaft teures Handy-Telefonat mit der persönlichen Wetterinformation des Wetterdienstes Innsbruck, um mich nach den Aussichten für meine morgen geplante Besteigung des Monte Leone (3553m) zu erkundigen. Sie sind ernüchternd: Die Witterung soll labil bleiben, mit Schauern ist jederzeit zu rechnen, die Nullgradgrenze wird auf 4000 Metern liegen.

Exakte Routenführung: Rifugio Capanna Castiglioni (1631m ) - Scatta d’Orogna (2461m) – P. 2330m - Passo di Valtendra (2431m) - Rifugio Citta di Arona/Alpe Veglio (1771m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 950m; Abstieg: 800m
Distanz: 12 km
Reale Gehzeit: 5 Std

Rifugio Citta di Arona (1771m)

102. Tag: Mittwoch, 18.8.04: Rifugio Citta di Arona (1771m) – P. 1800m neben Simplonpassstraße

Leider bestätigt sich die gestrige Wetterprognose bei einem frühmorgendlichen Blick nach draußen: Die dunklen Wolken hängen sehr tief, wenngleich es nicht regnet. Ich lasse mir die Option, eine Besteigung des Monte Leone (3553m) doch zu versuchen, bis Valle (1792m) offen, und entscheide mich dort dagegen. Ein richtiger Entschluss, denn tagsüber nieselt es immer wieder, zudem lichten sich die tiefen Wolken kein einziges Mal. Um nach Valle zu gelangen, steige ich einige Kilometer auf einem Fahrweg ab, ehe ein scharf nach rechts abzweigender Pfad mit dem GTA-Hinweisschild „gefährlicher Weg“ die Richtung vorgibt. Der mehrmals mit Ketten gesicherte Steig quert steile Hänge und erreicht schließlich das erwähnte Valle (direkt unter der kleinen Siedlung verläuft der Simplon-Eisenbahntunnel), wo ich schweren Herzens beschließe, den Monte Leone (3553m) lediglich zu umrunden. Damit ist für den Rest des Tages schlechte Laune vorprogrammiert, hatte ich doch bereits auf den Campo Tencia (3071m) sowie den Pizzo Tambo (3279m) verzichtet. Über den Passo delle Balmellle (2309m) pirsche ich mich wieder an die deutschsprachige Schweiz heran und betrete sie hinter der Alpe Vallescia (2063m). An einer der vielen Almen treffe ich auf deutsche Jugendliche, die im Rahmen des „International Workcamp Switzerland“ eine alte Hütte wieder aufbauen. Wegtechnisch bleibt mir nichts anderes übrig, als zur „Alten Kaserne“ (1157m) an der viel befahrenen Simplonpassstraße abzusteigen. Das ehemalige, von Napoleon erbaute Militärgebäude beherbergt heute eine Ausstellung über die Geschichte des Passes. Den Rest des Tages folge ich dem parallel zur Straße verlaufenden „Stockalperweg“, einem alten Saumpfad, den Kaspar Jodok von Stockalper im 17. Jahrhundert für den Warentransport zwischen Lyon und Mailand ausbauen ließ. In Simplon (1472m) frische ich meine Vorräte auf und erwerbe mangels Alternativen ein Kicker-Sportmagazin.
Simmplon (1472m)
Den Simplonpass (2006m) anvisierend halte ich Ausschau nach einem überdachten Nächtigungsort und werde in 1800 Metern Höhe fündig: Ich verbringe die Nacht in einer rätselhaften Felshöhle, im Inneren befindet sich eine Art Ofen, dessen Zweck sich mir nicht erschließt. Aber sie gewährt Unterschlupf und bewahrt vor Nässe und Kälte...

Exakte Routenführung: Rifugio Citta di Arona (1771m) – Abstieg Fahrweg P. 1700m – P. 1919m – Valle 1792m – Passo delle Balmelle (2309m) – Alpe Corvetsch (2024m) – Alte Kaserne (1157m) – Simplon (1472m) - P. 1800m neben Simplonpassstraße
Höhenunterschied: Aufstieg: 1400m; Abstieg: 1400m
Distanz: 22 km
Reale Gehzeit: 8,25 Std

Übernachtungs"höhle" (1800m)

103. Tag: Donnerstag, 19.8.04: P. 1800m neben Simplonpassstraße – Tunnel unter der Eisenbahn oberhalb von Brigerbad (800m)

Trotz gegenteiliger Ankündigungen wird der Tag sonnig und angenehm. Leider verleiteten mich ebendiese falsche Wetterprognosen, auf die vorgesehene Überquerung des Sirrvoltesattels (2621m) zu verzichten. Stattdessen folge ich dem Stockalperweg unschwierig über den Simplonpass (2006m) bis Brig (680m).
Simplonpass (2006m)
Der Weg führt nicht geradewegs bergab, sondern man ist genötigt, vom Grund (1071m) aus mehr als 200 Höhenmeter Gegenanstieg bis Schallberg (1316m) in Kauf zu nehmen. Im Rhône-Tal stoße ich auf die mit Abstand größten Siedlungen, seitdem ich Wien hinter mir gelassen habe.
Brig (680m)
Ich genieße das urbane Flair, suche einen Waschsalon, flaniere durch die Stadt und gehe shoppen. Erst um sechs Uhr setze ich meine Wanderung fort, stets die Blicke schweifen lassend, um potenzielle Nächtigungsmöglichkeiten aufzuspüren. Auf einem Rad- und Wanderweg spaziere ich an der Rhône entlang nach Brigerbad (652m), wo ein steiler Pfad in Richtung Norden den Hang erklimmt. 200 Meter oberhalb des Talgrundes führt eine Bahnlinie entlang, die der Steig mit Hilfe einer Brücke unterquert. Genau hier schlage ich mein Nachtquartier auf. Das Dach über dem Kopf erweist sich als unverzichtbar, in der Nacht regnet es heftig. Zwar ist der Untergrund meiner Unterkunft ziemlich abschüssig, und die passierenden Züge sowie der Verkehr im Tal verursachen einen Höllenlärm, doch in puncto Preis muss sie keine Konkurrenz fürchten...

Exakte Routenführung: P. 1800m neben Simplonpassstraße – Simplonpass (2006m) – Grund (1071m) – Schallberg (1316m) – Brig (680m) – Brigerbad (652m) - Tunnel unter der Eisenbahn oberhalb von Brigerbad (800m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 600m; Abstieg: 1600m
Distanz: 21 km
Reale Gehzeit: 6,25 Std

Schlafplatz Eisenbahntunnel (800m) über Brigerbad

104. Tag: Freitag, 20.8.04: Tunnel unter der Eisenbahn oberhalb von Brigerbad (800m) – Holzhütte bei Tschingere (1200m)

Meinen ungemütlichen Schlafplatz verlasse ich um neun Uhr. Entlang der Schienen wurde ein Panoramaweg eingerichtet, den ich bis Ausserberg (950m) entlang gehe. Dort wechsle ich auf einen neu angelegten, Weinberge durchquerenden Kulturweg über St. German (757m) nach Raron (639m).
Visp (650m)
Früher, als die Rhône noch das ganze Tal überflutete, bildete dieser Weg die einzige Verbindung zwischen den Ortschaften. Ab Raron wandere ich direkt am Rhône-Ufer entlang, bis der Uferweg plötzlich gesperrt ist. Das alljährlich stattfindende Gampel-Open-Air-Festival hat sich des Areals bemächtigt, heute Abend geben die Toten Hosen ein großes Konzert.
 Gampel-Rockfestival (630m)
Geschlaucht von meiner Mammutetappe erreiche ich Leuk (731m) und verlasse den Talgrund. Gegen halb Sieben setze ich den Weg Richtung Leukerbad (1400m) fort und suche nach einem Schlafplatz. Oberhalb von Tschingere werde ich auf 1200 Metern fündig: Ein gut verstecktes, von Bäumen umwuchertes Holzgebäude steht unten offen, der Boden ist mit Stroh bestreut. Ein beinahe perfektes Nachtquartier!

Exakte Routenführung: Tunnel unter der Eisenbahn oberhalb von Brigerbad (800m) – Ausserberg (950m) – Raron (639m) – Susten (624m) – Leuk (731m) – Holzhütte bei Tschingere (1200m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 700m; Abstieg: 300m
Distanz: 24 km
Reale Gehzeit: 7,25 Std

Meine Holzhüttenunterkunft bei Tschingere (1200m)

105. Tag: Samstag, 21.8.04: Holzhütte bei Tschingere (1200m) – Lämmerenhütte (2501m)

Endlich nähere ich mich wieder hochalpineren Gefilden, doch einige Hürden sind noch zu überwinden: Am Vormittag muss ich eine Stunde in einem Straßentunnel ausharren, um dem strömenden Regen zu entfliehen. Im alten Kurort Leukerbad (1400m), der seine besten Zeiten hinter sich hat, gegenwärtig bankrott ist und einen riesigen Schuldenberg akkumuliert hat, mache ich letzte Besorgungen, um dann den steilen Aufstieg zum Gemmipass (2322m) in Angriff zu nehmen. Der Pfad wurde dem steilen Fels in mühevoller Sprengarbeit abgerungen. Wer sich diese Anstrengungen ersparen möchte, kann alternativ auf die Gondelbahn ausweichen, die bequem von Leukerbad zum Berghotel Wildstrubel am Gemmipass führt. Hinter dem Pass erstreckt sich der Lämmerenboden, ein felsiges Hochplateau. Erst kurz vor der Lämmerenhütte (2501m) steigt der Weg wieder an. In der Hütte wird mir mitgeteilt, dass ich den letzten Schlafplatz ergattert hätte, was ich freudig zur Kenntnis nehme. Weniger Freude erregt die Nachricht, dass die Hütte über keine Dusche verfügt, denn eine solche wäre eigentlich überfällig. Draußen rieseln einige Flocken vom Himmel.

Exakte Routenführung: Holzhütte bei Tschingere (1200m) – Leukerbad (1400m) – Gemmipass (2322m) - Lämmerenhütte (2501m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1400m; Abstieg: 0m
Distanz: 12 km
Reale Gehzeit: 5 Std

Gemmipass (2322m)

106. Tag: Sonntag, 22.8.04: Lämmerenhütte (2501m) – Wildstrubelhütten (2793m)

Im Schlafraum wimmelt es von Schnarchern übelsten Kalibers, aber auf die Ohrenstöpsel ist Verlass. Nach langer Zeit mit heftigen Entzugserscheinungen steht endlich wieder ein Gipfel auf dem Programm, und sogar das Wetter zeigt sich von seiner besten Seite.
Ich auf dem Wildstrubel-Gipfel (3243m)
Um sechs Uhr starte ich zusammen mit mehreren Gruppen, die das Wochenende für eine kleine Gipfeltour nutzen. Anders als diese Gruppen umgehe ich den nicht spaltenlosen Wildstrubelgletscher, indem ich den Grat schon am Strubeljoch (3098m) erklettere. Auf dem mittleren Wildstrubel-Gipfel (3243m) treffe ich die anderen wieder. Zum ersten Mal schweift mein Blick auf das Reich der Walliser 4000er sowie auf den Montblanc. Beides bleibt mir dieses Jahr verwehrt, da es im Alleingang ein Vabanque-Spiel wäre, sich auf derartige Gefahren einzulassen.
Wildstrubel-Gipfelpanorama (3243m)
Nach einer längeren Gipfelrast begebe ich mich auf den kurzen Übergang zum westlichen Wildstrubelgipfel (ebenfalls 3243m), auf dem sich eine Gruppe von 18 Schwaben niedergelassen. Im Abstieg überquere ich den fast spaltenlosen, brettebenen und riesigen Glacier de la Plaine Morte (3000m). In Sichtweite liegt die Bergstation einer Gondelbahn, die nach Crans Montana verkehrt. Die beiden hochgelegenen Wildstrubelhütten (2793m) wirken urig. Die Toilette besteht aus einem kleinen Holzhäuschen, die Fäkalien werden direkt in den Abgrund geleitet, was üble Geruchsbelästigungen zur Folge hat. Zur Zeit werden moderne Toilettenanlagen gebaut. Trinkwasser (bzw. Wasser überhaupt) gibt es hier nicht bzw. nur so spärlich, dass ich 8 SFR in eine große Wasserflasche investieren muss. Von einer Besteigung des anvisierten Wildhorns (3248m) wird mir wegen der Gletscherspalten abgeraten, ich werde morgen eine Alternativroute wählen. Abends sitze ich separiert von den beiden Halbpensionstischen, die internationale Besetzung aufweisen (Gäste aus Spanien, Dänemark, der USA etc.). Mir tut es im Herzen weh, mit ansehen zu müssen, welche Leckereien vom Essenstisch zurück gehen und anschließend in einer viel beachteten Zeremonie vor der Hütte einem arg zerzausten Fuchs zum Fraße vorgeworfen werden.

Exakte Routenführung: Lämmerenhütte (2501m) – Strubeljoch (3098m) – Mittlerer Gipfel (3243m) – Wildstrubel (3243m) – Glacier de la Plaine Morte (2800m) – Wildstrubelhütten (2793m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 950m; Abstieg: 650m
Distanz: 12 km
Reale Gehzeit: 6,5 Std

Glacier de la Plaine Morte (2800m)

107. Tag: Montag, 23.8.04: Wildstrubelhütten (2793m) – Felsvorsprung unterhalb von Dorbagnon (1900m)

Einer Militärseilbahn folgend erreiche ich rasch den Rawilpass (2429m). Es schließt sich eine schier endlose Querung in hügeligem Dolinengelände an, ehe ich den Col des Eaux Froides (2648m) erreiche.
Lac und Cabane des Audannes (2500m)
Weiter geht‘s im Auf und Ab: Auf 200 Meter Abstieg folgen einige Meter Aufstieg zur Cabane des Audannes (2508m), dann steige ich nochmals 400 Meter zum Col des Audannes (2886m) auf, zwar nicht die tiefste Einsattelung, jedoch ist wegen der Steilheit des Geländes nur hier ein Übergang möglich.
Col des Audannes (2886m)
Jenseits der Scharte verläuft die Abstiegsroute in sehr steilem und brüchigem Schuttgelände. Auf einem schlecht markierten Weg wandere ich zur Passstraße hinab und gelange zum Weiler Dorbagnon (1950m), der sich vor allem aus kleinen Ferienhäusern zusammen setzt. Auf der Suche nach einem Schlafplatz werde ich 50 Höhenmeter unterhalb des Ortes fündig: Unter einem Felsvorsprung bietet sich genügend Platz, um der angekündigten Kaltfront zu trotzen. Zwar muss ich erst mit Hilfe meines Eispickels die wuchernden Brennesseln plätten, und aufrechtes Sitzen ist auch unmöglich, aber ich werde trocken bleiben, wie auch immer das Unwetter ausfallen wird...

Exakte Routenführung: Wildstrubelhütten (2793m) – P. 2379m – Rawilpass (2429m) – Plan des Roses (2322m) – Col des Eaux Froides (2648m) – Lac des Audannes (2453m) – Cabane des Audannes (2508m) – Col des Audannes (2886m) - Felsvorsprung unterhalb von Dorbagnon (1900m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 900m; Abstieg: 1800m
Distanz: 17 km
Reale Gehzeit: 7 Std

Mein Schlafplatz nahe Dorbagnon (1900m)

108. Tag: Dienstag, 24.8.04: Felsvorsprung unterhalb von Dorbagnon (1900m) – Derborence (1449m)

Mitten in der Nacht war der von kräftigen Gewittern begleitete Regen losgebrochen, am Morgen ist ein Ende nicht abzusehen. Ich bleibe unter meinen Felsvorsprung gekauert und vertreibe mir die Zeit mit Lesen, bis der Lesestoff zu Neige geht, ich lasse mir per SMS Neuigkeiten aus aller Welt übermitteln und erfahre z.B., dass in Israel ein Selbstmordanschlag verübt wurde. Als auch diese Option ausgeschöpft ist, rekapituliere ich den bisherigen Verlauf meiner Tour und verfluche das schlechte Wetter, dem ich nicht zum ersten Mal ausgeliefert bin. Um halb Vier hat sich der Himmel soweit beruhigt, dass ich mich auf den Weg machen kann. Beim Abstieg nach Tsarein (1645m) perlt das Wasser vom hochgewachsenen Gras und von den Ästen an mir ab. Absurderweise ist meine Trinkflasche trotz der omnipräsenten Feuchtigkeit fast leer. Die Bäche sind zwar zu reißenden Strömen angeschwollen, aber genau darin liegt das Problem: Das Wasser ist von der mitgerissenen Erde eklig braun eingefärbt und nicht genießbar.
Nach einem Unwetter bei Tsarein (1645m)
Erst an der Alpage Geneviève gelange ich an trinkbares Wasser. In einem der Gebäude wurde ein Unterkunftsraum für Wanderer errichtet, der mit den Jahren etwas heruntergekommen ist. Trotz dieser Offerte ziehe ich es vor, meinen eben erst begonnenen Weg noch eine Weile fortzusetzen, obwohl mich immer wieder auftretende kleine Schauer nötigen, unter Bäumen Zuflucht zu suchen. In dichtem Nebel erreiche ich den Col (2315m), die Orientierung ist alles andere als leicht. Große Erleichterung befällt mich, als ein Wegweiser mit der Aufschrift meines heutigen Zielortes „Derborence“ auftaucht. Der Pfad wird plötzlich steil und „difficile“, seilgesicherte Passagen und einige Leitern gilt es zu überwinden, unter normalen Bedingungen harmlose kleine Bäche erweisen sich heute als schwierige Hindernisse. Allmählich wird es dunkel, ich ziehe meine Stirnlampe auf, und erst gegen neun Uhr erreiche ich die Herberge in Derborence (1449m). Das Glück ist mir hold, die Wirtin ist gerade dabei, abzuschließen. Großzügig weist sie mir vorher noch einen wohlverdienten Platz im verwaisten Lager. Zwar verfüge ich über warmes Wasser, Duschen existieren aber nicht.

Exakte Routenführung: Felsvorsprung unterhalb von Dorbagnon (1900m) – Tsarein (1645m) – Col (2315m) – Chaux de Mie (2094m) - Derborence (1449m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 700m; Abstieg: 1150m
Distanz: 8 km
Reale Gehzeit: 4,5 Std

Abstieg nach Derborence (ca. 2000m)

109. Tag: Mittwoch, 25.8.04: Derborence (1449m) – Cabane Rambert (2580m)

Das bereitgestellte Frühstück mit seinen drei Scheiben Brot vermag mich nicht zu sättigen, der bald wieder einsetzende Hunger muss mittels Müsliriegel vertrieben werden. Bei traumhaftem Wetter mache ich mich an den langen, zähen und unschwierigen Aufstieg zum Col de la Forcla (2547m).
Col de la Forcla (2547m)
Zu meinem Verdruss muss man von der Scharte, um zur annähernd gleich hoch gelegenen Rambert-Hütte (2580m) zu gelangen, erst 200 Meter absteigen, die man anschließend schikanöserweise wieder aufsteigen darf, welch Laune der Natur... An der Hütte hört eine mit Ghettoblaster ausgestattete Gruppe Jugendlicher laute Reggae-Musik. Die Toilette besteht wie schon auf den Wildstrubelhütten aus einem externen Klohäuschen mit Rohr in Richtung Abgrund, nur dass es hier großzügigerweise gestattet ist, das verwendete Toilettenpapier mit zu entsorgen. Zur Krönung meiner heutigen Etappe wage ich abschließend den nicht anspruchslosen Aufstieg auf den Grand Muveran (3051m). Zu Beginn muss eine Passage im II. Schwierigkeitsgrad überwunden werden, die restliche Route besteht aus einer langen Querung in höchst abschüssigem Gelände. Auf halber Strecke haben sich vier Steinböcke mitten in den Weg gelegt und räumen ihn nur widerwillig fauchend, wegen der Enge kann ich nicht ausweichen.
Aufstieg zum Grand Muveran (3051m)
Die Gipfelsicht ist atemberaubend, der Montblanc rückt näher. Zurück in der Hütte bin ich nunmehr der einzige Gast, mein Abendessen besteht wie üblich aus wässriger Suppe mit Brot. Leider ist der Gastraum unbeheizt, zumindest steht die Tür zur warmen Küche offen. Mittlerweile sind Wolken aufgezogen, und Punkt sieben Uhr fängt es an zu regnen bzw. zu graupeln.

Exakte Routenführung: Derborence (1449m) – Col de la Forcla (2547m) – Punkt 2340m - Cabane Rambert (2580m) - Grand Muveran (3051m) – Cabane Rambert (2580m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1800m; Abstieg: 650m
Distanz: 12 km
Reale Gehzeit: 7,5 Std

Ich auf dem Grand Muveran (3051m), im Hintergrund der Montblanc (4808m)

110. Tag: Donnerstag, 26.8.04: Cabane Rambert (2580m) – Rhônebrücke bei Fully (461m)

Beim morgendlichen Blick aus dem Fenster sinkt meine Laune erheblich: Eine neue Kaltfront ist hereingebrochen und hat uns oberhalb von 2000 Metern Schnee beschert. Um sieben Uhr lässt der Schneefall etwas nach, ich verabschiede mich und steige auf dem glitschigen Pfad in Richtung Rhône-Tal ab.
Wintereinbruch (ca. 2400m) unterhalb der Cabane Rambert (2580m)
Als ich auf 2100 Metern eine Steinhütte passiere, wird der Schneeregen heftiger, so dass ich mich eineinhalb Stunden unterstelle und ziemlich auskühle. Aber es lohnt sich: Ich gehe trocken weiter, sogar einige wenige Sonnenstrahlen machen sich breit, doch bald fängt es wieder heftig an zu regnen. Diesmal finde ich unter einem Felsen Zuflucht, wiederum mehr als eine Stunde lang. Doch Petrus kennt kein Erbarmen: Ich habe die Schnauze voll von der unbequemen Kauerstellung und nehme stinksauer die Herausforderung einer heftigen Regendusche an. Erst in Ovronnaz (1332m) beendet der Himmel für heute sein wüstes Treiben. Angesichts dieser Kapriolen bin ich froh, ins Rhône-Tal auf 460 Meter abzusteigen, die Temperaturen liegen angenehm über dem Gefrierpunkt.
Rhône-Tal (500m)
Durch Weinberge hindurch gelange ich nach Saillon (510m) und folge dem „Chemin du Vignoble“, der mich sicher durch Obst- und Gemüseanbaugebiete geleitet. Einige weitere Dörfer durchquerend nähere ich mich Fully (461m). Da die Gegend dicht besiedelt ist und Züge eines sozialen Brennpunktes aufweist, beschließe ich, mir ein billiges Zimmer zu nehmen. Nachdem zwei Versuche fehlschlagen, die Unterkünfte sind jeweils ausgebucht, erfasst mich eine Woge des Trotzes, und ich suche unter freiem Himmel nach passenden Alternativen. Bei Einbruch der Dunkelheit wähle ich als Standort für die Nacht einen Flecken unter der Rhône-Brücke (461m) bei Fully. Zwar veranstalten die nicht wenigen Autos über mir einen ziemlichen Lärm, aber ich bleibe im Trockenen...

Exakte Routenführung: Cabane Rambert (2580m) – Ovronnaz (1332m) – Saillon (510m) - Rhônebrücke bei Fully (461m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 0m; Abstieg: 2100m
Distanz: 20 km
Reale Gehzeit: 6,5 Std

Mein Schlafplatz unter der Rhônebrücke (461m)
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