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Etappe 11-20

17
Nov
2006

Etappe 11-20

11. Tag: Mittwoch, 19.5.04: Voisthaler Hütte (1654m) – Sonnschienhütte (1526m)

Bei Null Sicht und reichlich Schnee steigen wir zum Schiestlhaus (2153m) empor. Dieser bereits im 19. Jahrhundert errichtete Bau dürfte eine der ältesten Hütten sein, auf denen ich im Laufe meiner Tour verweile. Nebenan entsteht ein „energieautarker“ Neubau, der als Vorzeigeprojekt für solares und ökologisches Bauen in alpinen Regionen konzipiert wurde. Jedoch sind die Bauarbeiter nicht zum ersten Mal frustriert ins Tal geflohen, da sie gegen die niedrigen Temperaturen nichts ausrichten können. Zur Zeit wird die alte Hütte nur provisorisch bewirtschaftet. Als wir uns bei starkem, eisigem Wind Richtung Hochschwab-Gipfel (2277m) aufmachen, klart der Himmel endlich auf. Der weitere Weg über das Fleischerbiwak (2153m) und die Häuslalm (1526m) zur Sonnschienhütte (1526m) fordert nur wenig, zieht sich aber sehr in die Länge.

Exakte Routenführung: Voisthaler Hütte (1654m) – Hochschwab (2277m) – Fleischerbiwak (2153m) - Häuslalm (1526m) - Sonnschienhütte (1526m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 675m; Abstieg: 775m
Distanz: 17 km
Reale Gehzeit: 6 Std

Hochschwab-Gipfel (2277m)

12. Tag: Donnerstag, 20.5.04: Sonnschienhütte (1526m) – Eisenerz (736m)

Obwohl die Sonne vom Himmel lacht, fühle ich mich unwohl, Blähungen und Appetitlosigkeit, deren Ursachen sich mir nicht erschließen, piesacken mich. Mein Vater, davon verschont geblieben, erklimmt frühmorgens den Ebenstein (2123m), während ich mich zu regenerieren versuche. Während des Abstiegs nach Eisenerz (736m) verschlechtert sich mein Zustand, ein übler Durchfall hat von mir Besitz ergriffen. Eine Ration „Immodium“ verschafft etwas Linderung. Letztlich gelangen wir zu einer Bushaltestelle (932m) an der Straße zwischen Präbichl (1240m) und Eisenerz. Tatsächlich hält nach fünf Minuten ein Bus an (welch Geschenk des Himmels!) und befördert uns ins Tal. Auf diese Weise verstoße ich erstmals gegen mein ehernes Prinzip, meine gesamte Wegstrecke zu Fuß zurück zu legen, aber meine körperliche Befindlichkeit möge mir diese Grenzüberschreitung gestatten. Im Ort ist uns zum zweiten Male das Glück hold: Da dieses Wochenende in Eisenerz ein internationales Enduro-Rennspektakel ausgetragen wird (die Motorräder erklimmen dabei auf spektakuläre Weise den Erzberg), erweist sich die Unterkunftssituation als äußerst angespannt, eine reguläre Unterkunft ist nicht mehr zu bekommen. Wir landen schließlich in den oberen Stockwerken einer Pizzeria, in denen einst Fremdenzimmer eingerichtet waren, die jetzt nicht mehr als solche genutzt werden. Aber das Geschäft ruft, es wird improvisiert, und flugs sind wir einquartiert. Mir geht es saumäßig übel.

Exakte Routenführung: Sonnschienhütte (1526m) – Kulmalm (1424m) – Neuwaldeggsattel (1575m) – Straßenkehre (932m) – mit Bus bis Eisenerz (736m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 210m; Abstieg: 800m (Rest per Bus)
Distanz: 14 km (Rest per Bus)
Reale Gehzeit: 4 Std

Ebenstein (2123m)

13. Tag: Freitag, 21.5.04: Eisenerz (736m)


Wegen meines jämmerlichen Zustandes legen wir heute einen Ruhetag ein. Auch das Wetter hätte einen solchen nahe gelegt, es regnet sehr stark und Gewitter treiben ihr Unwesen. Zum Zwecke der Auskurierung meines Leidens schlucke ich etliche Pillen, doch meine Ignoranz verleitet mich dazu, zu Abend eine Pizza mit Orangensaft zu goutieren, so dass der Effekt der Heilmittel verpufft und das ganze Elend von neuem beginnt.

Exakte Routenführung: Ruhetag
Höhenunterschied: Aufstieg: 0m; Abstieg: 0m
Distanz: 0 km
Reale Gehzeit: 0 Std

Bushaltestelle in Eisenerz (736m)

14. Tag: Samstag, 22.5.04: Eisenerz (736m) – Radmer/Stube (729m)

Am Morgen esse ich ausschließlich trockenes Brot. Trotz meiner eingeschränkten Leistungsfähigkeit bewegen wir uns danach bei permanentem Nieselregen, der manchmal etwas anschwillt, über den Radmerhals (1305m) nach Radmer an der Stube (729m), wo uns das Gasthaus „Zur Mühle“ Unterschlupf gewährt. Am Abend konsumiere ich eine Kinderportion mageres Putenschnitzel sowie ein Glas Wasser. Alles scheint gut, bis um Mitternacht der nächste „Absturz“ erfolgt und mich aufs stille Örtchen zwingt. Ich beschließe, am Montag einen Arzt aufzusuchen, falls bis dahin keine Verbesserung eingetreten ist.

Exakte Routenführung: Eisenerz (736m) – Radmerhals (1305m) – Radmer/Stube (729m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 600m; Abstieg: 600m
Distanz: 19 km
Reale Gehzeit: 5 Std

Radmerhals (1305m)

15. Tag: Sonntag, 23.5.04: Radmer/Stube (729m)

Am Frühstückstisch fällen wir die Entscheidung, wegen meines Unwohlseins noch eine Nacht im schönen Radmer zu verbringen. Mein Vater bewegt sich frühmorgens Richtung Lugauer (2217m), steigt bis 1500 Meter auf und kehrt wieder um, da es ihm weiter oben zu gefährlich ist, nicht zuletzt wegen der schlechten Witterung. Ich begebe mich sofort wieder zu Bette, schlafe bis Mittag, esse Zwieback und Apfel und träume von der Wiederherstellung meines Verdauungstraktes. Am Abend kapriziere ich mich auf kulinarische Köstlichkeiten wie Haferflockensuppe, Salzstangen, Cola oder schwarzen Tee. Zusammen mit den Eltern und Fans des GAK (Grazer AK) – Spielers Joachim Standfest, der auch österreichischer Nationalspieler ist und aus Radmer stammt, führen wir uns das österreichische Pokalfinale der Grazer gegen Austria Wien zu Gemüte, welches der GAK im Elfmeterschießen gewinnt (auch Herr Standfest junior verwandelt seinen Elfmeter souverän). Zum Ausklang des Abends sitzen wir mit den anderen Gästen am Wirtshausstammtisch, und ich verspreche, nach meiner Ankunft in Nizza eine Postkarte zu schicken. Selbstverständlich habe ich dieses Versprechen eingehalten...

Exakte Routenführung: Ruhetag
Höhenunterschied: Aufstieg: 0m; Abstieg: 0m
Distanz: 0 km
Reale Gehzeit: 0 Std

Zimmer im Gasthaus "Zur Mühle" in Radmer an der Stube (729m)

16. Tag: Montag, 24.5.04: Radmer/Stube (729m) – Johnsbach (760m)

Mein Zustand hat sich über Nacht gebessert, so dass ich auf einen Arztbesuch verzichte. Unsere Etappe führt uns über Hinterradmer (889m) und den Neuburgsattel (1439m) meist auf Fahrwegen hinab ins Bergsteigerdorf Johnsbach im Gesäuse (760m). Die Temperaturen sind sehr niedrig, ab und an streifen uns einige Schneeflocken. Etwas oberhalb von Johnsbach werden wir kurz von Waldarbeitern aufgehalten, die mit einer riesigen Seilwinde ganze Bäume, von einem gewaltigen Sturm wie Streichhölzer umgeknickt, über sehr große und vor allem steile Wegstrecken transportieren. Als Übernachtungsstätte fällt unsere Wahl auf den Gasthof Donnerwirt, wo gesalzene 28 € pro Person und Nacht inklusive Frühstück zu entrichten sind. Nebenan besuchen wir die barocke Bergkirche mit dem berühmten Bergsteigerfriedhof, auf dem bekannte Alpinisten ihre letzte Ruhe gefunden haben. Eine 1810 einsetzende Verunglücktenliste zählt Namen von Bergsteigern auf, die im Gesäuse ihr Leben gelassen haben. Am Abend kann ich endlich wieder nach Herzenslust schlemmen, ohne körperlich ins Schwimmen zu geraten. Dieser Alptraum wäre fürs erste beendet...

Exakte Routenführung: Radmer/Stube (729m) – Neuburgsattel (1439m) – Johnsbach (760m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 700m; Abstieg: 700m
Distanz: 17 km
Reale Gehzeit: 5 Std

Neuburgsattel (1439m)

17. Tag: Dienstag, 25.5.04: Johnsbach (760m) – Mödlinger Hütte (1532m)

Eher langweilig beginnt der heutige Tag, ein breiter Fahrweg geleitet uns zur Mödlinger Hütte (1532m). Am Nachmittag wagen wir eine anspruchsvollere Unternehmung, wir wollen einen Abstecher auf den Admonter Reichenstein (2251m) unternehmen. Trotz des Einsatzes von Pickel und Steigeisen beenden wir den Versuch vor der langen, steilen Querung knapp unterhalb der 2000 Meter – Marke, da die Steinschlag- und Lawinengefahr zu groß ist. Die Hüttenwirtin fügt an, dass dieses Jahr noch keine Menschenseele auf dem Gipfel gewesen sei. Erneut sind wir die einzigen Übernachtungsgäste.

Exakte Routenführung: Johnsbach (760m) – Mödlinger Hütte (1532m) – Punkt 1950m – Mödlinger Hütte (1532m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1200m; Abstieg: 430m
Distanz: 11 km
Reale Gehzeit: 4,5 Std

Großer Ödstein (2335m) im Hintergrund

18. Tag: Mittwoch, 26.5.04: Mödlinger Hütte (1532m) – Treglwang (745m)

Bei wunderschönem Wetter erfüllt es das Bergsteigerherz mit Freude, auf dem noch nicht gänzlich ausgeaperten Höhenweg in sanften Schwüngen über den Spielkogel (1731m), das Blaseneck (1969m) und den Leobner (2036m) zur Aigelsbrunner Alm (1526m) zu gleiten, die leider ihren Winterschlaf noch nicht beendet hat. Daher steigen wir auf Umwegen ins Paltental nach Treglwang (745m) ab. Unterwegs passieren wir vom November-Sturm 2002 kahlrasierte Wälder und durchwaten tiefen Schlamm. In Treglwang quartieren wir uns im Fremdenzimmer eines Bauernhofs ein, die 17 € pro Person inkl. Frühstück sind zweifellos ein Schnäppchen, wohl aber auch der naheliegenden Autobahn geschuldet, die nicht unbedingt zu einer touristischen Aufwertung des Ortes beigetragen hat. Abends erfreuen wir uns an der taktischen Finesse des FC Porto, der mit einer starken Defensivleistung den AS Monaco im Champions League – Finale auf Distanz halten kann.

Exakte Routenführung: Mödlinger Hütte (1532m) – Spielkogel (1731m) – P. 1550m – Blaseneck (1969m) – P. 1800m – Leobner (2036m) – Treglwang (745m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 800m; Abstieg: 1600m
Distanz: 22 km
Reale Gehzeit: 8,5 Std

Spielkogel-Gipfel (1731m)

19. Tag: Donnerstag, 27.5.04: Treglwang (745m) – Hochreichart-Schutzhaus (1483m)


Mein Vater verlässt mich heute für die nächsten sechs Wochen, da nicht ein jeder über das Privileg von fünf ununterbrochene Monaten an Freizeit verfügt, sondern die Mehrzahl der Menschen genötigt ist, zum Zwecke der eigenen Reproduktion Lohnarbeit zu verrichten, so auch er. Am nahegelegenen Bahnhof nehmen wir voneinander Abschied. Da meine Vorräte aufgebraucht sind, lasse ich mich von der österreichischen Bundesbahn einige Kilometer nach Mautern im Liesingtal (712m) transportieren, um dort das nötigste käuflich zu erwerben. Vor dem ADEG-Kaufhaus bietet mir ein älterer Mann an, mich per Auto nach Liesingau (718m) zu befördern, was mir eine Stunde Fussweg ersparen würde. Von soviel Freundlichkeit überwältigt kann ich nicht anders, als sein Angebot anzunehmen und so wieder etwas zu „schummeln“.
Die mich beim Aufstieg zum Hochreichart-Schutzhaus (1483m) begleitenden Regentropfen mutieren bald zu einem leichten Gewitterguss, wovor ich unter einem Baum Schutz finde. Nach Beendigung dieses unbedeutenden Geplänkels schreite ich hoffnungsvoll weiter, doch etwa 30 Minuten unterhalb der Hütte folgt die Bescherung in Form eines Starkregens. Im Gebüsch ausharrend hoffe ich zunächst mindestens eineinhalb Stunden lang auf Besserung. Doch es macht wenig Sinn, bei einer Kaltfront auf Gnade zu hoffen. Ich kühle langsam aus und werde auch in meinem Versteck durchnässt. Mir bleibt keine Wahl, als im strömenden Regen zur Hütte aufzusteigen. Sie ist geschlossen, aber im Nebengebäude wurde ein schönes Notlager für zwei Personen eingerichtet, das jedoch ein gravierendes Manko aufweist: Es existiert keine Heizmöglichkeit, so dass meine nassen Kleidungsstücke nicht trocknen und ich morgen früh in unangenehm feuchte Hosen, Hemden und Jacken werde schlüpfen müssen...

Exakte Routenführung: Treglwang (745m) – mit Zug bis Mautern (712m) – mit Auto bis Liesingau (718m) – Hochreichart-Schutzhaus (1483m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 780m; Abstieg: 0m
Distanz: 8 km
Reale Gehzeit: 3 Std

Winterraum des Hochreichhart-Schutzhauses (1483m)

20. Tag: Freitag, 28.5.04: Hochreichart-Schutzhaus (1483m) – Gasthof Beisteiner (1220m)

Um fünf Uhr morgens reisst mich mein Wecker aus dem Schlaf, draußen herrscht Tristesse pur, starker, endloser Regen prasselt an die Fensterscheiben. Gegen halb Zehn haben sich bereits Schneeflocken unter die Regentropfen gemogelt, was die Lösung meines Problems nicht eben erleichtert: Um morgen einkaufen zu können, muss ich heute eine gewisse Wegstrecke zurücklegen, ansonsten sind die Geschäfte wegen des Pfingstwochenendes erst wieder am Dienstag geöffnet. Nach endlosen weiteren Stunden im Daunenschlafsack lässt gegen halb Zwei der Niederschlag etwas nach, ich wage mich nach draußen. Bald bin ich wieder von starkem Schneegestöber umzingelt, ab 1600 Metern ist die Schneedecke geschlossen, das zu überquerende Stubentörl befindet sich auf 1863m, von Sicht ist nicht zu reden, der Weg nicht zu erkennen. Am Törl angekommen setze ich auf der anderen Seite meinen Weg einfach geradewegs bergab fort, laut Landkarte treffe ich irgendwann auf einen Fahrweg, der mich sicher zum einsam gelegenen Gasthof Beisteiner (1220m) geleitet. Dieser wird noch sehr urtümlich bewirtschaftet, die Haupteinkünfte stammen aus der Landwirtschaft. In meinem Kämmerchen befindet sich sogar ein Fernseher, wenngleich mit sehr limitierter Programmzahl. Passend zum Thema erkundet dort Jean Reno gerade riesige Gletscherspalten, im französischen Blockbuster „Die purpurnen Flüsse“.

Exakte Routenführung: Hochreichart-Schutzhaus (1483m) – Stubentörl (1863m) – Gasthof Beisteiner (1220m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 450m; Abstieg: 700m
Distanz: 13 km
Reale Gehzeit: 4 Std

Stubentörl (1863m) im Schneetreiben
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