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Etappe 111-120

3
Dez
2006

Etappe 111-120

111. Tag: Freitag, 27.8.04: Rhônebrücke bei Fully (461m) – P. 1300m bei Les Assets

Trotz der Umstände, die einem Clochard zu Ehre gereichen würden, schlafe ich bestens. Lediglich der sandige Untergrund nervt, er verteilt sich in Ruck- und Schlafsack sowie in meiner Kleidung und kratzt am ganzen Körper. Im nahen Martigny (465m), einer Stadt mit 30.000 EinwohnerInnen, versorge ich mich mit einer neuen Teleskopstockspitze und mit neuen Schuheinlagen, suche einen Waschsalon auf und finde eine aus Neapel stammende Schneiderin, die sich bereit erklärt, die Löcher an meiner bereits vielfach geflickten Hose verschwinden zu lassen. Das Straßenbild erinnert an Frankreich, überall Cafés, Alleen sowie arabisch- bzw. afrikanischstämmige MigrantInnen. Während die Waschmaschine ihren Dienst verrichtet, warte ich lesend auf dem Marktplatz und werde sowohl von Jesus-Jüngern als auch von einer ebenfalls Jesus nahestehenden älteren Dame angesprochen, die mir aus Mitleid etwas löslichen Kaffee schenkt und mir sogar Geld geben will, was ich dankend ablehne. Welch erbarmungswürdige Gestalt mag sie in mir erblickt haben? Des weiteren genieße ich den ersten Salat seit einer Ewigkeit. Auch in der geringstfrequentierten McDonalds-Filiale, die mir jemals vor Augen kam, fällt ein Almosen ab: Ich erstehe ein kostenloses Joghurt, dessen Haltbarkeitsdatum freilich abgelaufen ist. Um fünf Uhr nachmittags verabschiede ich mich von diesem beschaulichen Städtchen, streife durch schöne alte Gassen und wandere der Bahnstrecke entlang nach Le Borgeaud (603m).
Gässchen in Martigny (465m)
Hier unterläuft mir ein folgenreicher Fehler: Ich folge der Teerstraße auf der für mich „falschen“ Seite der Durnand-Schlucht. Nach einiger Zeit bemerke ich mein Malheur und beschließe, die 500 Höhenmeter Mehranstieg in Kauf zu nehmen, da auf meiner Seite der Schlucht keine Menschenseele unterwegs ist und die Wahrscheinlichkeit größer sein wird, einen versteckten Schlafplatz im Freien zu finden. Der Himmel ist wolkenlos, ich bette mich schließlich auf 1300 Metern Höhe am Ende des Fahrwegs in einer kleinen Sackgasse und schlafe sehr gut.

Exakte Routenführung: Rhônebrücke bei Fully (461m) – Martigny (465m) – Le Borgeaud (603m) - P. 1300m bei Les Assets
Höhenunterschied: Aufstieg: 850m; Abstieg: 0m
Distanz: 12 km
Reale Gehzeit: 4 Std

Mein Schlafplatz (1300m) bei Les Assets

112. Tag: Samstag, 28.8.04: P. 1300m bei Les Assets – La Fouly (1592m)

In der Nacht entwickelte sich fast kein Tau (die ihn hervorrufenden Gesetzmäßigkeiten bleiben mir ein Rätsel), und auch tagsüber herrscht eitel Sonnenschein. Den befürchteten Wassermangel vermeide ich durch eine unverhofft auftauchende und in keiner Karte verzeichnete Quelle, die verbleibenden 700 Meter Aufstieg meistert mein Körper problemlos. Oben verblüfft mich ein Mann mit der Bemerkung, dass ja bald die ersten Läufer kommen würden... Die verschiedentlich befestigten rot-weißen Bänder waren mir nicht verborgen geblieben. Sie markieren die Wegstrecke für den alljährlich stattfindenden Ultra-Trail Chamonix-Chamonix, der auf insgesamt 155 km den Montblanc umrundet und für die 1600 Teilnehmenden ein Maximum an körperlichen Strapazen impliziert.
Verpflegungsstelle Ultra-Trail (1470m)
Dem Parcours dieses Trails folge ich zufällig bis zu meinem heutigen Zielpunkt in La Fouly (1592m). Die Spitzenreiter begegnen mir in Champex (1466m), die Letzten erreichen La Fouly, als ich schon tief und sanft schlummere. Bevor ich dort ankomme, durchquere ich hübsche Dörfer mit alten Gebäuden, wobei ich immer wieder auf vereinzelte oder grüppchenweise Teilnehmer (der überwiegende Teil ist männlich) des Trails treffe. Ich grüße sie stets höflich, meist erhalte ich eine Antwort. Noch nie in meinem Leben entwich innerhalb weniger Stunden das kleine Wörtchen „Bonjour“ derart oft meinen Lippen. In La Fouly steuere ich das erstbeste Hotel mit Lagern an („Le glacier“) und bestelle zur Feier des Abends (meine letzte Nacht auf Schweizer Boden) Halbpension. Zudem genieße ich die erste Dusche seit elf Tagen (!!), damals im Rifugio Citta di Arona auf der Alpe Veglio. Mein letztes Schweizer Münzgeld tausche ich gegen einen Eisbecher und ausgiebige Telefonate.

Exakte Routenführung: P. 1300m bei Les Assets – P. 1987m – Plan de l’Au (1330m) – Champex (1466m) – Issert (1055m) – La Fouly (1592m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1400m; Abstieg: 1100m
Distanz: 21 km
Reale Gehzeit: 7,75 Std

Champex (1466m)

113. Tag: Sonntag, 29.8.04: La Fouly (1592m) – Baustellencontainer (2000m) unterhalb des Colle di S. Rhemy (2560m)

Um Punkt sieben Uhr nehme ich als erster am Frühstückstisch Platz. Es herrscht Selbstbedienung, was mir den Konsum von acht Scheiben Weißbrot ermöglicht. Inzwischen ist eine größere Gruppe Sachsen eingetroffen, so dass mein übergroßer Hunger nicht auffällt oder gar Peinlichkeiten auslöst. Kurz hinter La Fouly (1592m) verlasse ich den vielbegangenen Montblanc - Rundweg und wende mich in unschwierigem Terrain dem Fenêtre de Ferret (2698m) zu.
Fenêtre de Ferret (2698m)
Hier kehre ich der Schweiz nach beinahe vierzig Tagen endgültig den Rücken, einige Abstecher auf italienisches Territorium habe ich ja bereits unternommen. Im Abstieg gelange ich bald zur Passstraße auf den großen Sankt Bernhard. Mittlerweile existiert ein Tunnel, der Übergang wird nur noch von Touristen befahren. Nach einigen hundert Metern entferne ich mich von der Straße und folge einer gelben Markierung, von der ich hoffe, dass sie mich über den Colle di S. Rhemy (2560m) geleiten wird, was sie auch tut. In den nächsten Wochen werde ich auf die äußerst schlechten und unpräzisen italienischen 1:50.000 – Wanderkarten des „Istituto Geografico Centrale“ angewiesen sein, die nicht selten mit bösen Überraschungen aufwarten. Knapp hinter dem Colle zwingt mich ein plötzlich auftretender Regenschauer, kurz in meinem Biwaksack Zuflucht zu suchen. Es wird Zeit, nach einer Nächtigungsmöglichkeit Ausschau zu halten. Einige verfallene Almhütten bieten sich an, verursachen aber keine Begeisterungsstürme. Schließlich entdecke ich die Lösung: einen herrenlosen Baucontainer auf 2000 Metern über dem Meeresspiegel, der innen zwar streng riecht und nicht gerade sauber ist, aber sogar abgeschlossen werden kann!! Scheinbar wurden hier einst Bauarbeiten durchgeführt und der Container danach sich selbst überlassen. Wegen des penetranten Nieselregens begebe ich mich sofort hinein.

Exakte Routenführung: La Fouly (1592m) – Fenêtre de Ferret (2698m) – P. 2200m – Colle di S. Rhemy (2560m) - Baustellencontainer (2000m) unterhalb des Colle di S. Rhemy (2560m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1500m; Abstieg: 1100m
Distanz: 18 km
Reale Gehzeit: 7,75 Std

Mein Schlafcontainer (2000m) unterhalb des Colle di S. Rhemy (2560m)

114. Tag: Montag, 30.8.04: Baustellencontainer (2000m) unterhalb des Colle di S. Rhemy (2560m) – Wiese unterhalb von Cerellaz (1200m)

Staubig war die Luft im Container zweifellos, aber trocken! Die Regenwolken haben über Nacht das Weite gesucht, es scheint ein sonniger Tag zu werden. Zunächst steige ich 200 Meter ab, um im Anschluss 800 Meter zum Col Serena (2547m) aufzusteigen. Die Karte gibt hinsichtlich der Wegfindung einige Rätsel auf, doch das Gelände ist so übersichtlich, dass ein Verirren etliches Geschick in dieser Hinsicht erfordern würde. Der grasige Untergrund im Auf- und Abstieg eröffnet keine besonderen Herausforderungen. Die beiden „faux cols“ („falsche Scharten“) beim Aufstieg nerven, jedes Mal nähren sie falsche Hoffnungen.
Col Serena (2547m) aus nördlicher Richtung
Nach einiger Zeit passiere ich Planavalle (1750m) und folge der Straße bis Morge (1625m) sowie dem Fahrweg nach Challancin (1610m). Missbilligend kommentiere ich die 150 Meter Gegenanstieg, die zu überwinden sind, will man nach Charvaz (1512m) gelangen. Denselben Ärger verursacht der Übergang nach Vedun (1525m), meine Laune verfinstert sich. Der Blick ins tiefgelegene Aosta-Tal (800m) entschädigt für die erlittenen Unbilden. Wie die meisten Dörfer in der Umgebung fasziniert auch Vedun: Die Häuser stehen dicht an dicht, viele verfallen und sind unbewohnt, einige wenige wurden fein herausgeputzt. In jedem Dorf steht eine Kapelle, deren Bemalungen sich gleichen wie ein Ei dem anderen. Von Vedun aus wandere ich der Straße entlang nach Cerellaz (1264m), wo die Unterkunftssuche von neuem beginnt. Das Wetter spielt mit, und ich entscheide mich erneut für eine Nacht unter freiem Himmel. Meine Wahl fällt auf eine neben der Straße befindliche Wiese unterhalb von Cerellaz, die von jener aber durch dichtes Gebüsch getrennt ist, so dass sie nicht eingesehen werden kann.

Exakte Routenführung: Baustellencontainer (2000m) unterhalb des Colle di S. Rhemy (2560m) – Alpe di Sez (1784m) – Col Serena (2547m) – Planavalle (1750m) – Challancin (1610m) – P. 1760m – Charvaz (1512m) – Montagnola (1594m) – Vedun (1525m) - Wiese unterhalb von Cerellaz (1200m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1000m; Abstieg: 1800m
Distanz: 21 km
Reale Gehzeit: 8 Std

Biwakplatz unterhalb von Cerellaz (1200m)

115. Tag: Dienstag, 31.8.04: Wiese unterhalb von Cerellaz (1200m) – P. 1800m bei Romperein

Nach einer herrlich sternenklaren Nacht im Freien, umhüllt von einem wohlig warmen Schlafsack, ohne den lästigen Tau am Morgen folge ich nach dem Frühstück der Straße bis Avise (775m) im Aostatal. Das Val d’Aosta verfügt als autonome italienische Region über einen Sonderstatus. In der Disziplin „Wandern auf Teerstraßen“ markiere ich heute in Ermangelung von Alternativen unfreiwillig einen neuen Rekord. Die ebenfalls parallel im Tal verlaufende Autobahn ist größtenteils unsichtbar in Tunneln versteckt. Als nächstes passiere ich den hübschen kleinen Ort Arvier (780m). In Villeneuve (665m) erwacht in mir die Idee, per Bus einen Abstecher in die Provinzhauptstadt Aosta (580m) zu unternehmen.
Aosta (580m)
Mit ihren 32.000 BewohnerInnen bildet Aosta die größte Stadt in der Umgebung, Turin liegt neunzig Kilometer entfernt. Nach den üblichen Besorgungen nehme ich den Bus zurück nach Villeneuve. Bis Aymavilles (662m) schlendere ich die nächste Teerstraße entlang, lasse sie dort mit einem Seufzer der Erleichterung hinter mir und lege einige Meter auf einem unbefestigten Weg zurück, ehe dieser erneut die Straße kreuzt. Laut Karte sollte er sich auf der anderen Seite fortsetzen, aber trotz intensiver Suche entdecke ich keinen Pfad. Daher bin ich gezwungen, in endlosen Serpentinen auf der Straße nach Ozein (1363m) aufzusteigen.
Ozein (1363m)
Die enorme Hitze setzt mir zu, selten seit Wien habe ich an einem Tag so viel Flüssigkeit verloren. Wegen des schönen Wetters übernachte ich erneut unter freiem Himmel, diesmal auf 1800 Metern etwas unterhalb von Romperein. Der Untergrund ist leicht abschüssig, ich rutsche etwas ab. Nachts beleuchtet der Vollmond die Landschaft, und von Zeit zu Zeit kommen Kuhglocken bedrohlich nahe, die Tiere bleiben aber außer Sichtweite.

Exakte Routenführung: Wiese unterhalb von Cerellaz (1200m) – Avise (775m) – Villeneuve (665m) – Bus nach Aosta (580m) und zurück - Aymavilles (662m) – Ozein (1363m) - P. 1800m bei Romperein
Höhenunterschied: Aufstieg: 1300m; Abstieg: 700m
Distanz: 19 km
Reale Gehzeit: 6,75 Std

Biwakplatz bei Romperein (1800m)

116. Tag: Mittwoch, 1.9.04: P. 1800m bei Romperein – Cogne (1534m)

Am Morgen bedeckt eine leichte Tauschicht meinen Schlafsack. Um Acht breche ich auf, fieberhaft nach einer Wasserquelle Ausschau haltend, meine Flüssigkeitsvorräte sind beinahe aufgebraucht und in der Karte ist keine Wasserquelle mehr vermerkt. Freudig überrascht fülle ich meine Wasserflasche am ersten und einzigen Bach, den ich in den nächsten Stunden kreuze. Der weitere Aufstieg verläuft über grasdurchsetzten Almboden auf die Punta del Drinc (2663m). Von nun an geht es in stetigem Auf und Ab trotz einiger Seilsicherungen unschwierig den Grat entlang.
Blick von der Punta de la Pierre (2653m) auf dem Montblanc (4808m)
Die Liftanlagen des Skigebiets in Richtung Aosta reichen bis an den Kamm heran, zudem beherbergt das auf meiner Karte nicht eingezeichnete Bivacco Arno (2662m). Den höchsten Punkt heute erklimme ich am Col Tza-Setze (2820m), der gleichzeitig den nicht unerheblichen Abstieg über Gimillan (1787m) nach Cogne (1534m) am Fuße des Gran Paradiso – Massivs einleitet. In der Touristeninformation erfahre ich, dass es im Ort keine Massenunterkünfte gibt. Ich suche den zum Hotel de la Vallée gehörenden Campinglatz auf, um nach den Konditionen einer Übernachtung unter freiem Himmel zu fragen. Die überaus zuvorkommende Besitzerin erbarmt sich meiner und bietet mir an, umsonst in einer Kammer im Keller auf einer Matratze zu nächtigen; ich willige dankbar ein. Sie erzählt von einer Gruppe, die im März in drei Monaten mit Skiern und Schneeschuhen die Strecke von Wien nach Nizza absolviert hätte. Cogne ist geprägt vom Massentourismus, jede Art von Kommerz existiert in dutzendfacher Ausprägung. Im Cinema Gran Paradiso endet die Saison Ende August, ich bin exakt einen Tag zu spät gekommen. Am Nachmittag werde ich von einem alten Italiener angesprochen, er erzählt mir von seiner Kriegsgefangenschaft in Kassel, verleiht seiner Freude Ausdruck, dass dieser Schrecken nun vorbei sei, und schüttelt mir ergriffen die Hand.

Exakte Routenführung: P. 1800m bei Romperein – Punta del Drinc (2663m) – Col del Drinc (2558m) – Punta di Mompers (2793m) – Col Tza-Setze (2820m) – Col (2780m) - Gimillan (1787m) - Cogne (1534m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1250m; Abstieg: 1500m
Distanz: 16 km
Reale Gehzeit: 7,5 Std

Bivacco Arno (2662m)

117. Tag: Donnerstag, 2.9.04: Cogne (1534m) – Rifugio Vittorio Sella (2584m)

Nachts war die Luft in meiner Kammer stickig, die Temperaturen hoch, zudem rauschte permanent Abwasser durch die Rohre, so dass ich meine Ohren verstopfen musste. Eigentlich besteht kein Anlass zur Klage: Ich verbrachte eine Nacht umsonst im Warmen und Trockenen. Zum Mittagessen lädt mich die Hausherrin an den Personaltisch in die Küche ein, ich darf große Mengen an Spaghetti und Fleisch mit Kartoffeln vertilgen. Nach dieser großzügigen Geste werde ich mit dem Auto nach Valnontey (1666m) chauffiert, wodurch sich mein Aufstieg zur Sella-Hütte (2584m) um eine Stunde verkürzt. Zwar verstößt dieses Vorgehen gegen mein ehernes Prinzip, die ganze Wegstrecke zu Fuß zu absolvieren, aber eine Ablehnung des Angebots wäre mir als grobe Unhöflichkeit ausgelegt worden. In knapp zwei Stunden absolviere ich die 900 Höhenmeter zur Hütte auf einem breiten, viel begangenen Pfad. Abends sitze ich mit Onkel und Neffe Meyer aus Fribourg am Tisch. Der Neffe erlernt das Optikerhandwerk und biegt mir meine Brille zurecht (mir war zwar nicht bewusst, dass sie schief saß, aber nun passt sie wie angegossen). Wegen körperlichen Unwohlseins gehe ich früh schlafen...

Exakte Routenführung: Cogne (1534m) – mit dem Auto bis Valnontey (1666m) – Rifugio Vittorio Sella (2584m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 900m Abstieg: 0m
Distanz: 4 km
Reale Gehzeit: 2,75 Std

Rifugio Vittorio Sella (2584m)

118. Tag: Freitag, 3.9.04: Rifugio Vittorio Sella (2584m) – Punta Nera (3683m) - Rifugio Vittorio Sella (2584m)

Ein weiterer Höhepunkt meiner Expedition steht heute auf dem Programm: Die Besteigung von Punta Nera (3683m) und Punta Bianca, mit ihren 3793 Metern fast ebenso hoch wie der Großglockner.
Blick von der Punta Nera (3683m) auf die Punta Bianca (3793m)
Mir geht es immer noch schlecht, ich kann nur wenige Bissen zu mir nehmen und verspüre dennoch kein Hungergefühl, ein eindeutiges Indiz, dass körperliche Turbulenzen vorliegen. Den Großteil meines Gepäcks deponiere ich auf der Hütte und breche mit dem Allernotwendigsten bepackt um Sechs auf. Zunächst peile ich den Col de la Rousse (3195m) an, einige Meter unterhalb biege ich nach links ab, verzettele mich etwas (was mit einer besseren Karte nicht passiert wäre), und erklimme in einer steilen Schuttrinne unter Zuhilfenahme meiner Steigeisen den Col de la Noire (3491m). Direkt gegenüber ragt die Grivola mit ihren 3969 Metern majestätisch empor, unter mir schimmert das Blankeis des großen Trajoz-Gletschers. Die Gratpassage vom Col de la Noire zur Punta Nera (3683m), dem bislang zweithöchsten Punkt meiner Tour, ist Gehgelände, eine kleine Madonna hält Gipfelwache.
Punta Nera (3683m)
Ich setze meinen Weg auf dem Grat zur Scharte zwischen Punta Nera und Punta Bianca fort, das Gelände wird heikler, etwas Neuschnee hat die Felsen gefährlich rutschig gemacht. Angesichts meiner körperlichen Verfasstheit beschließe ich, auf den Gipfel der Punta Bianca zu verzichten. Deutlich langsamer als gewohnt kehre ich zur Hütte zurück, schlucke eine Aspirin und lege mich aufs Ohr.

Exakte Routenführung: Rifugio Vittorio Sella (2584m) – Col de la Noire (3491m) - Punta Nera (3683m) - Col de la Noire (3491m) - Rifugio Vittorio Sella (2584m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1150m; Abstieg: 1150m
Distanz: 9 km
Reale Gehzeit: 8,5 Std

Gran Paradiso-Massiv

119. Tag: Samstag, 4.9.04: Rifugio Vittorio Sella (2584m) – Rifugio F. Chabod (2750m)


Die heilende Wirkung des Schlafs hielt sich in Grenzen, als Frühstück genügt mir ein Apfel. Nun auch noch von Ansätzen eines Durchfalls geplagt mache ich mich in desolatem Zustand bei herrlichem Wetter auf den breiten, Mountainbikespuren aufweisenden Weg zum Col Lauson (3296m).
Col Lauson (3296m)
Der jenseitige Abstieg verläuft steiler und anspruchsvoller, auf 2640 Metern Höhe verlasse ich den Hauptweg und biege auf einen weniger frequentierten Pfad zum Colle Grand Neyron Ouest (3295m) ein. Die mit Ketten und einer Leiter versehenen Kletterpassagen hätten mich unter normalen Umständen in Verzückung versetzt, heute vermag ich sie nicht zu genießen, ich schleppe mich hoch und verdamme sie. Der einfachere Abstieg zum Rifugio Chabod (2750m) ist relativ schnell geschafft. Mir wird ein Platz im sich langsam füllenden (es ist Wochenende und das Wetter fantastisch) Winterraum zugewiesen, neben mir haben sich zwei sympathische Italienerinnen einquartiert, Antonella und Elisabetta, zum Abendbrot sitzen wir am selben Tisch und amüsieren uns. Alle im Winterraum untergebrachten größeren Gruppen wollen morgen den Gran Paradiso (4061m), den höchsten Gipfel des Massivs, besteigen. Eigentlich sollte er auch der höchste Punkt und einzige Viertausender meiner Unternehmung sein: Ich hätte mir in der Hütte einen Gurt ausleihen können und mich z.B. der italienischen Gruppe, mit der ich schon ins Gespräch gekommen war, anschließen können, aber meine verfluchte körperliche Konstitution macht dieses Vorhaben zunichte. Insgesamt betrachtet hatte ich während der gesamten fünf Monate eigentlich nie körperliche Gebrechen zu beklagen, sieht man von zwei Ausnahmen ab: Zum einen die Diarrhöe, die mich in Eisenerz in der Steiermark heimsuchte, und zum anderen die Schwächeperiode, an der ich gegenwärtig, zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt, laboriere. Im Übrigen hatte ich lediglich mit wunden Stellen in meiner rechten Kniekehle zu kämpfen, hervorgerufen durch das permanente Tragen meiner Knieorthese, die ich mit Cremes aller Couleur zu lindern versuchte. Auch am Abend verspüre ich keinerlei Appetit, es reicht gerade für eine Minestrone...

Exakte Routenführung: Rifugio Vittorio Sella (2584m) – Col Lauson (3296m) – P. 2648m – Colle Grand Neyron Ouest (3295m) - Rifugio F. Chabod (2750m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1350m; Abstieg: 1150m
Distanz: 12 km
Reale Gehzeit: 6,5 Std

Colle Grand Neyron Ouest (3295m)

120. Tag: Sonntag, 5.9.04: Rifugio F. Chabod (2750m) – Rifugio Citta di Chivasso (2604m)

Die Nacht bot einiges an Spektakeln: Um vier Uhr erwacht das Leben im Winterraum, sowohl die französische als auch die italienische Gruppe bereitet ihren Aufbruch vor. Dagegen wäre grundsätzlich nichts einzuwenden, zu bemängeln ist jedoch, dass sie in puncto Lärm auf die Zurückbleibenden nicht die allergeringste Rücksicht nehmen. Die gottesfürchtigen Italiener bekreuzigen sich vor dem Start und richten ein Stoßgebet gen Himmel. Als nach über einer Stunde Lärmbelästigung endlich wieder Ruhe eingekehrt ist, taucht plötzlich eine Maus auf und sorgt für Tumulte. Wegen dieser Turbulenzen und meiner physischen Unzulänglichkeit stehe ich erst nach Sieben auf und nehme das Angebot von Antonella und Elisabetta an, mit ihnen zusammen den Übergang zum Rifugio Vittorio Emmanuele (2732m) zu bestreiten.
Rifugio Vittorio Emmanuele (2732m)
Die Sonne lacht vom Himmel, was sehr viele Menschen veranlasste, einen Wochenendtrip in die Berge zu unternehmen. Unser Tempo ist nicht allzu hoch, wir unterhalten uns angeregt. Am Rifugio machen wir eine längere Pause und steigen dann langsam bis Pont (1960m) ab, wo wir uns am späten Nachmittag voneinander verabschieden.
Antonella, Elisabetta und Ich vor dem Rifugio Vittorio Emmanuele (2732m)
Vor mir liegen drei weitere Stunden Fußmarsch zum Rifugio Citta di Chivasso (2604m). Die ersten 400 Höhenmeter sind rasch erklommen, der restliche Weg auf einer immensen Hochebene, der Piano del Nivolet, zieht sich schier endlos in die Länge. Erst um sieben Uhr erreiche ich die Hütte, zu allem Überfluss muss ich feststellen, dass ich meine Petzl-Stirnlampe in der Chabod-Hütte am Pfeiler meines Bettes baumelnd vergessen habe. Ein sofortiger Anruf bringt traurige Gewissheit: Sie ist nicht mehr an ihrem Platz, vermutlich hat sich jemand meines Prachtexemplars bemächtigt. Daher kann ich nicht auf das großzügige Angebot des Wirtes eingehen, von ihm ein Exemplar des gleichen Petzl-Stirnlampentypus mitzunehmen, während er meine Lampe, von einem Wanderer aus der Chabod-Hütte hierher transportiert, für sich behalten hätte. Die Hüttenstube versprüht mit ihren zahlreichen Bücherregalen den Charme einer Bibliothek, der Zugang zum Schlafraum verläuft höchst originell: Man muss auf eine drei Meter hohe, senkrechte bis überhängende Leiter kraxeln.

Exakte Routenführung: Rifugio F. Chabod (2750m) – P. 2500m – Rifugio Vittorio Emmanuele (2732m) – Pont (1960m) - Rifugio Citta di Chivasso (2604m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 900m; Abstieg: 1050m
Distanz: 17 km
Reale Gehzeit: 6 Std

Piano del Nivolet (2320m)
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In fünf Monaten von Wien bis ans Mittelmeer

Eine kleine Wanderung


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