Etappe 121-130
121. Tag: Montag, 6.9.04: Rifugio Citta di Chivasso (2604m) - Refuge du Prariond (2324m)
Beim Frühstück erklärt mir der Hüttenwirt, wie ich am besten auf unmarkierten spärlichen Pfaden zum nur mit Schlüssel zugänglichen Rifugio Pian della Ballotta (2470m) gelangen könnte, denn, wie schon oft beklagt, in weglosem Gelände ist meine Karte absolut nutzlos. Zunächst gehe ich steil bergab, dann quere ich einen breiten, aber seichten Bach, passiere einen Bunker aus dem letzten Krieg sowie das erwähnte Rifugio. Das Wetter wechselt zwischen eitel Sonnenschein und nebligen Passagen.

Die folgenden sehr steilen 100 Höhenmeter sind durchgehend mit einem Seil abgesichert, ebenso einige Abschnitte beim schönen Aufstieg zum Passo di Losa (2970m), wo ich erstmals französischen Boden betrete. Der Abstieg zum Refuge du Prariond (2324m) verläuft viel weniger steil. In der Hütte hat sich nur eine Handvoll Gäste eingefunden, der Wirt meint, wir befänden uns nun in der „Zwischensaison“. Bei Anbruch der Dunkelheit trifft eine Gruppe Spanier ein, die sich kolossal verlaufen haben: Sie wollten eigentlich zum neben dem Rifugio Citta di Chivasso gelegenen Rifugio Savoia (2532m), sind aber versehentlich (!!) hier gelandet.
Exakte Routenführung: Rifugio Citta di Chivasso (2604m) – Alpe Agnel (2329m) – Rifugio Pian della Ballotta (2470m) – Passo di Losa (2970m) - Refuge du Prariond (2324m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 650m; Abstieg: 950m
Distanz: 8 km
Reale Gehzeit: 4,25 Std

122. Tag: Dienstag, 7.9.04: Refuge du Prariond (2324m) - Refuge du Fond des Fours (2530m)
Meine heutige Etappe geleitet mich über Val d’Isère (1800m) zum Refuge du Fond des Fours (2530m), das ebenso wie die Prariond-Hütte dem Vanoise-Nationalpark gehört. Anfangs verläuft der Weg steil neben einer Schlucht, dann treffe ich auf die Passstraße zum Col de l’Iséran (2770m) und folge ihr zum bekannten Wintersportort Val d’Isère. Der Ort schlummert vor sich hin, die Sommersaison ist vorbei, die Wintersaison in weiter Ferne. Die meisten Geschäfte haben in ihrer Auslage ein Schild mit der Aufschrift „fermeture annuelle“ (jährliche Schließung) platziert, so auch die vielen Sportgeschäfte, dabei benötige ich dringend eine neue Stirnlampe. Nach langem Suchen spreche ich einen Ladeninhaber an, der gerade Reparaturen durchführt, sein Geschäft also geschlossen hat. Er ist bereit, mir trotzdem eine Petzl – Stirnlampe de luxe zu verkaufen, das einfache Modell ist nicht vorrätig. Im Office de Tourisme nehme ich mein letztes Kartenpaket in Empfang und bedanke mich für die Freundlichkeit der Aufbewahrung. Eine Laverie verwandelt meine schmutzige Wäsche in duftende Kleidung, so dass ich erst um Vier weiter gehe. In etwas mehr als zwei Stunden gelange ich zur Hütte, die aus mehreren Gebäuden besteht: Der Essensraum ist von den Schlafsälen getrennt. Als einziger Gast verweigere ich auch noch jeglichen Konsum, die Hüttenwirtin klagt am Telefon ihr Leid. Abends erhält sie Besuch von einer Freundin.
Exakte Routenführung: Refuge du Prariond (2324m) – Val d’Isère (1800m) – Le Manchet (1976m) - Refuge du Fond des Fours (2530m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 750m; Abstieg: 550m
Distanz: 16 km
Reale Gehzeit: 5 Std

123. Tag: Mittwoch, 8.9.04: Refuge du Fond des Fours (2530m) – Refuge d’Avérole (2210m)
Gegen acht Uhr starte ich Richtung Col de Bezin (2929m). Anders als in der Karte eingezeichnet führt mitnichten ein markierter Weg dorthin, ich erreiche den Grat an einer anderen Stelle. Dies stellt kein besonderes Problem dar, die gesamte, einer kargen Mondlandschaft ähnelnde Umgebung ist Gehgelände.

Laut Karte existiert ein Steig über die Pointe de la Met (3041m) hinweg, also erklimme ich den Gipfel. Die Sicht ist fantastisch, keine Wolke bedeckt den Himmel. Ich verharre lange Zeit an diesem Punkt, solche Momente lösen in mir stets besondere Gefühle von Glück und Losgelöstheit aus. Der besagte Pfad in Richtung Tal ist nicht vorhanden, daher steige ich ein steiles Schuttfeld weglos mühsam der Fallinie entlang ab, z.T. in einem ausgetrockneten Bachbett. Schließlich stoße ich auf den in den französischen Nationalfarben markierten GR 5 und folge ihm bis Bessans (1707m). Der lokale Supermarkt mit sehr eingeschränktem Sortiment öffnet seine Pforten erst wieder um fünf Uhr, ich verfüge somit über ausreichend Zeit, mich zu entspannen und im örtlichen Cybercafé ausgiebig zu surfen. Entsprechend spät setzte ich meinen Weg ins Vallée d’Avérole zum gleichnamigen Refuge (2210m) fort. Er verläuft bei geringer Steigung zunächst langatmig auf einer Teerstraße, dann auf einem Fahrweg, erst auf den letzten Metern wird er steiler. Ausnahmsweise genehmige ich mir Halbpension, meine neu erstandene Lampe leistet wertvolle Dienste, in den Schlafräumen gibt es kein künstliches Licht.
Exakte Routenführung: Refuge du Fond des Fours (2530m) – Pointe de la Met (3041m) – Les Roches (2440m) – Bessans (1707m) - Refuge d’Avérole (2210m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1100m; Abstieg: 1400m
Distanz: 23 km
Reale Gehzeit: 8 Std
124. Tag: Donnerstag, 9.9.04: Refuge d’Avérole (2210m) – Rifugio Tazzetti (2642m)
Die letzten 150 Höhenmeter von gestern muss ich wieder absteigen, was nicht zur Förderung meiner Laune beiträgt, das blendende Wetter hingegen schon. Der unschwierige Weg zum Col Autaret (3071m) ist zunächst mit Markierungen versehen, die nach einiger Zeit nach links abzweigen, mir geben Steinmännchen die Richtung vor.

Am Col wechsle ich auf italienisches Terrain, und es zieht Nebel auf, der mich vor ernsthafte Orientierungsprobleme stellt, als ich laut Karte auf 2700 Metern meinen Pfad verlassen und weglos queren soll. Letztlich steige ich querfeldein im dichten Nebel auf 2250 Meter ab, treffe nach einiger Zeit auf eine Markierung und folge ihr zum Rifugio Tazzetti (2642m).

Die Hütte ist nur mehr an Wochenenden bewirtschaftet, so dass ich erstmals nach sehr langer Zeit (seit dem Zittelhaus am 24. Juni) wieder in einem Winterraum nächtige. Er ist winzig und verfügt zwar über elektrisches Licht, aber weder über Koch- noch Heizgelegenheit. Außerdem bin ich heute zum ersten Mal seit meiner Überschreitung des Piz Linard am 27. Juli keiner Menschenseele begegnet. Vor mir türmt sich der imposante Rocciamelone (3538m) auf, hinter dem die Sonne schon kurz nach Fünf verschwindet. Morgen werde ich ihn in Angriff nehmen...
Exakte Routenführung: Refuge d’Avérole (2210m) – P. 2070m - Col Autaret (3071m) – P. 2250m - Rifugio Tazzetti (2642m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1400m; Abstieg: 1000m
Distanz: 14 km
Reale Gehzeit: 6,75 Std

125. Tag: Freitag, 10.9.04: Rifugio Tazzetti (2642m) - Il Trucco (1706m)
Die kürzer werdenden Tage bewirken, dass erst ab Viertel vor Sieben die Lichtverhältnisse draußen ausreichend sind, um den Tag ohne Stirnlampe zu beginnen. Mein Weg führt mich sofort steil empor, der Nebel lichtet sich bald. Nach einer kurzen Gratpassage erfordern die letzten Meter unterhalb des Col di Resta (3183m) vollste Aufmerksamkeit. Auf dem komplett ausgeaperten flachen Rocciamelone-Gletscher schnalle ich Steigeisen an.

In 3300 Metern Höhe erreiche ich den Westgrat des Rocciamelone (3538m), die letzten 200 Meter bestehen aus sehr steilem Gehgelände. Es liegt kein Schnee, so dass er für einen Gipfel seiner Höhe leicht zu bezwingen ist. Entsprechend häufig wird er frequentiert, auch heute haben sich bei Kaiserwetter einige GipfelstürmerInnen eingefunden, unter anderem eine Gruppe aus Berlin, die auf dem GTA unterwegs ist. Das Susa-Tal liegt mehr als 3000 Meter unter uns, was atemberaubende, flugzeugähnliche Perspektiven eröffnet. Den Gipfel dieses heiligen Berges, auf den sogar Wallfahrten stattfinden, überragt eine riesige Marienstatue, daneben wurde eine kleine Kapelle errichtet.

Papst Johannes Paul II. verfasste zum 100jährigen Bestehen der Statue im Jahr 1999 eine Grußadresse. Über den unschwierigen, mit wenigen Seilen abgesicherten Normalweg steige ich in weiten Serpentinen zum Rifugio Ca d’Asti (2854m) ab, das einer kirchlichen Institution gehört. Im weiteren Abstieg erwische ich versehentlich den Alta Via Val di Susa, einen Panorama-Höhenweg. Daher muss ich mich 300 Höhenmeter weglos nach unten bewegen, ehe ich auf einen Fahrweg stoße, der mich zur GTA-Unterkunft im kleinen Dörfchen Il Trucco (1706m) begleitet. Der Ort wirkt nicht besonders lebendig, die meisten Gebäude sind Ferienhäuser, deren Besitzer abwesend zu sein scheinen. Zu Abend esse ich mit den Berlinern, die ich bereits auf dem Gipfel getroffen habe.
Exakte Routenführung: Rifugio Tazzetti (2642m) – Col di Resta (3183m) – Rocciamelone (3538m) – Rifugio Ca d’Asti (2854m) - Il Trucco (1706m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1000m; Abstieg: 1950m
Distanz: 10 km
Reale Gehzeit: 7 Std
126. Tag: Samstag, 11.9.04: Il Trucco (1706m) – Rifugio Toesca (1710m)
Mein Tag beginnt mit dem zweiten Teil des Abstiegs von mehr als 3000 Höhenmetern, die den Rocciamelone-Gipfel (3538m) vom Susa-Tal trennen. Im Tal überwinde ich ein Gewirr von Straßen und Bahnstrecken und erreiche die Stadt Susa.

Um elf Uhr bin ich mit Antonella und Elisabetta verabredet, die mich besuchen kommen. Wieder missachte ich mein ehernes Prinzip, die gesamte Wegstrecke per pedes zurückzulegen, aber den beiden möchte ich nicht zumuten, hier in 500 Metern über dem Meeresspiegel umher zu wandern, wo sie doch ins Hochgebirge wollen. Daher steige ich uneigennützig in ihren kleinen Lancia und lasse mich zum Parkplatz auf 1200 Metern chauffieren, von wo aus das Rifugio Toesca (1710m) in eineinhalb Stunden zu erreichen ist. An der Alpe Balmetta (1515m) legen wir einen Zwischenhalt ein, die beiden decken sich mit frischem Käse ein. An der Hütte angekommen verdunkelt sich der Himmel bedrohlich, in der Nacht regnet es heftig. Alle Gäste schlafen in einem einzigen großen Raum, was Ohrenstöpsel unabdingbar macht. Ich freue mich, dass meine Einsamkeit durch die Anwesenheit der beiden unterbrochen wird.
Exakte Routenführung: Il Trucco (1706m) – Susa (501m) – mit dem Auto bis P. 1280m – Rifugio Toesca (1710m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 450m; Abstieg: 1200m
Distanz: 6 km
Reale Gehzeit: 4 Std

127. Tag: Sonntag, 12.9.04: Rifugio Toesca (1710m) – Fort de Fenestrelle (1650m)
Wegen des nächtlichen Wolkenbruchs befürchtete ich schlimmstes für das Wetter heute, doch abgesehen von einem kurzen Schauer bleibt es trocken. Gegen halb Neun starten wir gemütlich in Richtung Colle del Sabbione (2560m), wir befinden uns im Parco Naturale Orsiera Rocciavré. Am Colle di Malanotte (2582m) entschließen wir uns, einen Abstecher auf die Punta Cristalliera (2801m) zu unternehmen.

Dazu müssen wir erst etwas absteigen und weglos felsiges Terrain durchqueren. Betty verzichtet auf die letzten Meter, die leichte Kletterstellen aufweisen. Der Ausblick ist gigantisch, er reicht bis zum Monviso (3841m), der in einigen Tagen der höchste Punkt meiner Tour sein wird. Nach einer längeren Pause steigen wir einige Meter ab, dann verabschieden wir uns. Antonella und Betty müssen zum Auto zurück, während ich über riesige Felsblöcke in entgegengesetzter Richtung den Colle Pra Reale (2525m) überwinde. Nach weglosem Auf und Ab gelange ich zum Lago Laus (2259m). Eigentlich hatte ich auf eine Nächtigung im privaten Rifugio Selleries (1986m) spekuliert, doch es ist geschlossen, so dass ich auf Fahrwegen bis zum Fort de Fenestrelle (1650m) absteige.

Langsam hält Dunkelheit Einzug, angesichts der stabilen Wetterlage nächtige ich unter freiem Himmel. Unbemerkt liege ich inmitten eines Ameisengebiets, am Morgen bin ich von übel juckenden Blessuren übersät.
Exakte Routenführung: Rifugio Toesca (1710m) – Colle del Sabbione (2560m) – Colle di Malanotte (2582m) – P. 2480m – Punta Cristalliera (2801m) – P. 2400m – Colle Pra Reale (2525m) – P. 2150m – Lago Laus (2259m) - Rifugio Selleries (1986m) – P. 2074m - Fort de Fenestrelle (1650m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1550m; Abstieg: 1600m
Distanz: 14 km
Reale Gehzeit: 6,75 Std

128. Tag: Montag, 13.9.04: Fort de Fenestrelle (1650m) – Balsiglia (1370m)
Frühmorgens steige ich am Fort entlang nach Fenestrelle (1154m) ins Chisone-Tal, aus dem die Agnelli-Dynastie stammt, ab. Die riesigen Befestigungsanlagen der Festung wurden vom savoyischen Herrscherhaus im frühen 18. Jahrhundert vollendet. Sie erstrecken sich über 600 Höhenmeter, ihr Umfang misst drei Kilometer. In ihrem Inneren wurde zur Überwindung der Höhendifferenz eine Treppe mit 4000 Stufen angelegt.

Auf der anderen Seite des Tals nehme ich einen Mammutaufstieg von 1600 Höhenmetern zum Colle dell Albergian (2713m) in Angriff. Der GTA, dem ich folge, verläuft hier auf breiten, unschwierigen und aus meiner Perspektive öden Serpentinen, auf denen man Mountainbikespuren erkennen kann. Sie sind stets ein Indiz für die Einfachheit des Geländes und drücken auf meinen Gemütszustand.

Ähnlich präsentieren sich die jenseitigen 1400 Meter Abstieg zum alten Waldenserdorf Balsiglia (1370m) im Valle di Massello. Der unbewirtschaftete und offenstehende GTA- Posto Tappa, d.h. die Unterkunftsmöglichkeit, befindet sich versteckt in einer alten Schule mit einem kleinen Museum von 1939, in dem die Geschichte des Ortes erzählt wird. Besonderes Augenmerk wird auf die große Schlacht von 1690 gelegt, als hier 300 Waldenser einer Übermacht von 4000 französischen Soldaten durch einen Trick im steilen Gelände entkommen konnten. Die Unterkunft teile ich mit zwei Brüdern aus Schorndorf, deren Vorfahren Waldenser waren. Aus den vorhandenen Essensresten zaubern wir eine bekömmliche Abendmahlzeit.
Exakte Routenführung: Fort de Fenestrelle (1650m) – Fenestrelle (1154m) – Laux (1350m) – Colle dell Albergian (2713m) – Bergerie del Lauson (2000m) - Balsiglia (1370m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1600m; Abstieg: 1900m
Distanz: 18 km
Reale Gehzeit: 9 Std

129. Tag: Dienstag, 14.9.04: Balsiglia (1370m) – Rodoretto (1432m)
Zum Frühstück hat Bernd Ziegenmilch organisiert, die sich wider Erwarten vortrefflich mit meinem Müsli kombinieren lässt. Just als ich losgehen will, fängt es an zu regnen, so dass ich im Unterschied zu den beiden auf trockenes Wetter warte. Um zehn Uhr interpretiere ich die aufkommenden Sonnenstrahlen als Aufbruchssignal für meine GTA-Etappe.

Ich durchwandere mehrere Waldenserdörfer, die alle über kleine Schulen verfügten. Mir begegnen ausschließlich alte Menschen, junge Leute scheinen in dieser entlegenen Gegend keine Zukunft zu haben. Nach einem unwesentlichen Umweg spaziere ich zwischen Campo La Salza (1085m) und Didiero (1245m) auf der Teerstraße. Von Didiero aus führt ein Fahrweg, auf dem ich besser geblieben wäre, in Serpentinen zum Colle di Fontane (1572m). Aufgrund meiner Abneigung gegenüber solchen Pisten verlasse ich ihn und wähle eine vermeintliche Abkürzung, die mich zunächst zu einem veralteten und überwucherten Skilift, und danach in eine steile Laubrinne geleitet. Hier sehe ich die Sinnlosigkeit meines Unterfangens ein, kehre reumütig mit einstündiger Verspätung zum Fahrweg zurück und folge ihm zum Colle. Wegen des stärker werdenden Regens verkrieche ich mich für eine Stunde im Gebüsch. Im Nebel steige ich dann zum Posto Tappa nach Rodoretto (1432m) im Valle Germanasca ab, der von einer älteren Frau verwaltet wird. In den geräumigen Örtlichkeiten mit Kochgelegenheit bin ich der einzige Gast und kann mich wunderbar ausbreiten. Es ist, als ob ich eine schöne Wohnung für einen Tag zum Spottpreis gemietet hätte...
Exakte Routenführung: Balsiglia (1370m) – P. 1085m –Didiero (1245m) - Colle di Fontane (1572m) - Colle di Serrevecchio (1707m) – Rodoretto (1432m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 750m; Abstieg: 700m
Distanz: 11 km
Reale Gehzeit: 5,5 Std

130. Tag: Mittwoch, 15.9.04: Rodoretto (1432m) – Rifugio Lago Verde (2583m)
Den heutigen Tag verbringe ich ebenfalls komplett auf dem GTA, entsprechend unschwierig präsentiert sich der Wegverlauf. Um halb Neun breche ich bei tief hängenden Wolken auf, der mit 200 Metern Aufstieg verbundene Übergang nach Ghigo di Prali (1455m) ist schnell geschafft. Hier arbeitete Susi, die ich Anfang August in Lo Stallo im Misox getroffen hatte, nach ihrem Abitur in einem Waldenser-Begegnungszentrum namens Agape. Im Ort zeigt eine Tafel an, dass mein heutiges Etappenziel, das Rifugio Lago Verde (2583m), geöffnet ist.

Während des zähen und anstrengenden Aufstiegs, bei kräftigem Gegenwind, kommt mir der Hüttenwirt auf einem Motorrad entgegen. Die Hütte liegt wunderbar an einem kleinen See, doch wegen der eisigen Kälte flüchte ich mich schnell ins Innere, wo Jimi Hendrix sein „Hey Joe“ zum besten gibt. Ich bleibe der einzige Gast in der angenehmen Wärme der Hüttenstube, wir unterhalten uns über verschiedenste Themen. Voller Vorfreude ordere ich ein Abendessen für 16 €, es sollte das reichhaltigste der gesamten fünf Monate werden, das sogar mich, einen Vielfraß par excellence, überfordert. Als Entrée werden drei Brote mit Pasteten und Nüssen serviert, es folgen Pasta in enormer Quantität als Vorspeise, als Hauptspeise wird Hühnerfleisch mit gebratenen Erbsen kredenzt. An diesem Punkt muss ich nach einiger Zeit kapitulieren, das Brot rühre ich erst gar nicht an. Ein abschließender Digestif verschafft mir Erleichterung. Zum Ausklang des Abends schenken mir die beiden eine Postkarte des Rifugios sowie ein kleines Büchlein mit den Hütten der Umgebung. Im Schlafraum herrscht eisige Kälte: Welch angenehmes Gefühl, in meinen warmen Daunenschlafsack zu kriechen...
Exakte Routenführung: Rodoretto (1432m) – Colletto Gamont (1651m) – Ghigo di Prali (1455m) - Rifugio Lago Verde (2583m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1350m; Abstieg: 200m
Distanz: 14 km
Reale Gehzeit: 5 Std

Beim Frühstück erklärt mir der Hüttenwirt, wie ich am besten auf unmarkierten spärlichen Pfaden zum nur mit Schlüssel zugänglichen Rifugio Pian della Ballotta (2470m) gelangen könnte, denn, wie schon oft beklagt, in weglosem Gelände ist meine Karte absolut nutzlos. Zunächst gehe ich steil bergab, dann quere ich einen breiten, aber seichten Bach, passiere einen Bunker aus dem letzten Krieg sowie das erwähnte Rifugio. Das Wetter wechselt zwischen eitel Sonnenschein und nebligen Passagen.

Die folgenden sehr steilen 100 Höhenmeter sind durchgehend mit einem Seil abgesichert, ebenso einige Abschnitte beim schönen Aufstieg zum Passo di Losa (2970m), wo ich erstmals französischen Boden betrete. Der Abstieg zum Refuge du Prariond (2324m) verläuft viel weniger steil. In der Hütte hat sich nur eine Handvoll Gäste eingefunden, der Wirt meint, wir befänden uns nun in der „Zwischensaison“. Bei Anbruch der Dunkelheit trifft eine Gruppe Spanier ein, die sich kolossal verlaufen haben: Sie wollten eigentlich zum neben dem Rifugio Citta di Chivasso gelegenen Rifugio Savoia (2532m), sind aber versehentlich (!!) hier gelandet.
Exakte Routenführung: Rifugio Citta di Chivasso (2604m) – Alpe Agnel (2329m) – Rifugio Pian della Ballotta (2470m) – Passo di Losa (2970m) - Refuge du Prariond (2324m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 650m; Abstieg: 950m
Distanz: 8 km
Reale Gehzeit: 4,25 Std

122. Tag: Dienstag, 7.9.04: Refuge du Prariond (2324m) - Refuge du Fond des Fours (2530m)
Meine heutige Etappe geleitet mich über Val d’Isère (1800m) zum Refuge du Fond des Fours (2530m), das ebenso wie die Prariond-Hütte dem Vanoise-Nationalpark gehört. Anfangs verläuft der Weg steil neben einer Schlucht, dann treffe ich auf die Passstraße zum Col de l’Iséran (2770m) und folge ihr zum bekannten Wintersportort Val d’Isère. Der Ort schlummert vor sich hin, die Sommersaison ist vorbei, die Wintersaison in weiter Ferne. Die meisten Geschäfte haben in ihrer Auslage ein Schild mit der Aufschrift „fermeture annuelle“ (jährliche Schließung) platziert, so auch die vielen Sportgeschäfte, dabei benötige ich dringend eine neue Stirnlampe. Nach langem Suchen spreche ich einen Ladeninhaber an, der gerade Reparaturen durchführt, sein Geschäft also geschlossen hat. Er ist bereit, mir trotzdem eine Petzl – Stirnlampe de luxe zu verkaufen, das einfache Modell ist nicht vorrätig. Im Office de Tourisme nehme ich mein letztes Kartenpaket in Empfang und bedanke mich für die Freundlichkeit der Aufbewahrung. Eine Laverie verwandelt meine schmutzige Wäsche in duftende Kleidung, so dass ich erst um Vier weiter gehe. In etwas mehr als zwei Stunden gelange ich zur Hütte, die aus mehreren Gebäuden besteht: Der Essensraum ist von den Schlafsälen getrennt. Als einziger Gast verweigere ich auch noch jeglichen Konsum, die Hüttenwirtin klagt am Telefon ihr Leid. Abends erhält sie Besuch von einer Freundin.
Exakte Routenführung: Refuge du Prariond (2324m) – Val d’Isère (1800m) – Le Manchet (1976m) - Refuge du Fond des Fours (2530m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 750m; Abstieg: 550m
Distanz: 16 km
Reale Gehzeit: 5 Std

123. Tag: Mittwoch, 8.9.04: Refuge du Fond des Fours (2530m) – Refuge d’Avérole (2210m)
Gegen acht Uhr starte ich Richtung Col de Bezin (2929m). Anders als in der Karte eingezeichnet führt mitnichten ein markierter Weg dorthin, ich erreiche den Grat an einer anderen Stelle. Dies stellt kein besonderes Problem dar, die gesamte, einer kargen Mondlandschaft ähnelnde Umgebung ist Gehgelände.

Laut Karte existiert ein Steig über die Pointe de la Met (3041m) hinweg, also erklimme ich den Gipfel. Die Sicht ist fantastisch, keine Wolke bedeckt den Himmel. Ich verharre lange Zeit an diesem Punkt, solche Momente lösen in mir stets besondere Gefühle von Glück und Losgelöstheit aus. Der besagte Pfad in Richtung Tal ist nicht vorhanden, daher steige ich ein steiles Schuttfeld weglos mühsam der Fallinie entlang ab, z.T. in einem ausgetrockneten Bachbett. Schließlich stoße ich auf den in den französischen Nationalfarben markierten GR 5 und folge ihm bis Bessans (1707m). Der lokale Supermarkt mit sehr eingeschränktem Sortiment öffnet seine Pforten erst wieder um fünf Uhr, ich verfüge somit über ausreichend Zeit, mich zu entspannen und im örtlichen Cybercafé ausgiebig zu surfen. Entsprechend spät setzte ich meinen Weg ins Vallée d’Avérole zum gleichnamigen Refuge (2210m) fort. Er verläuft bei geringer Steigung zunächst langatmig auf einer Teerstraße, dann auf einem Fahrweg, erst auf den letzten Metern wird er steiler. Ausnahmsweise genehmige ich mir Halbpension, meine neu erstandene Lampe leistet wertvolle Dienste, in den Schlafräumen gibt es kein künstliches Licht.
Exakte Routenführung: Refuge du Fond des Fours (2530m) – Pointe de la Met (3041m) – Les Roches (2440m) – Bessans (1707m) - Refuge d’Avérole (2210m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1100m; Abstieg: 1400m
Distanz: 23 km
Reale Gehzeit: 8 Std
124. Tag: Donnerstag, 9.9.04: Refuge d’Avérole (2210m) – Rifugio Tazzetti (2642m)
Die letzten 150 Höhenmeter von gestern muss ich wieder absteigen, was nicht zur Förderung meiner Laune beiträgt, das blendende Wetter hingegen schon. Der unschwierige Weg zum Col Autaret (3071m) ist zunächst mit Markierungen versehen, die nach einiger Zeit nach links abzweigen, mir geben Steinmännchen die Richtung vor.

Am Col wechsle ich auf italienisches Terrain, und es zieht Nebel auf, der mich vor ernsthafte Orientierungsprobleme stellt, als ich laut Karte auf 2700 Metern meinen Pfad verlassen und weglos queren soll. Letztlich steige ich querfeldein im dichten Nebel auf 2250 Meter ab, treffe nach einiger Zeit auf eine Markierung und folge ihr zum Rifugio Tazzetti (2642m).

Die Hütte ist nur mehr an Wochenenden bewirtschaftet, so dass ich erstmals nach sehr langer Zeit (seit dem Zittelhaus am 24. Juni) wieder in einem Winterraum nächtige. Er ist winzig und verfügt zwar über elektrisches Licht, aber weder über Koch- noch Heizgelegenheit. Außerdem bin ich heute zum ersten Mal seit meiner Überschreitung des Piz Linard am 27. Juli keiner Menschenseele begegnet. Vor mir türmt sich der imposante Rocciamelone (3538m) auf, hinter dem die Sonne schon kurz nach Fünf verschwindet. Morgen werde ich ihn in Angriff nehmen...
Exakte Routenführung: Refuge d’Avérole (2210m) – P. 2070m - Col Autaret (3071m) – P. 2250m - Rifugio Tazzetti (2642m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1400m; Abstieg: 1000m
Distanz: 14 km
Reale Gehzeit: 6,75 Std

125. Tag: Freitag, 10.9.04: Rifugio Tazzetti (2642m) - Il Trucco (1706m)
Die kürzer werdenden Tage bewirken, dass erst ab Viertel vor Sieben die Lichtverhältnisse draußen ausreichend sind, um den Tag ohne Stirnlampe zu beginnen. Mein Weg führt mich sofort steil empor, der Nebel lichtet sich bald. Nach einer kurzen Gratpassage erfordern die letzten Meter unterhalb des Col di Resta (3183m) vollste Aufmerksamkeit. Auf dem komplett ausgeaperten flachen Rocciamelone-Gletscher schnalle ich Steigeisen an.

In 3300 Metern Höhe erreiche ich den Westgrat des Rocciamelone (3538m), die letzten 200 Meter bestehen aus sehr steilem Gehgelände. Es liegt kein Schnee, so dass er für einen Gipfel seiner Höhe leicht zu bezwingen ist. Entsprechend häufig wird er frequentiert, auch heute haben sich bei Kaiserwetter einige GipfelstürmerInnen eingefunden, unter anderem eine Gruppe aus Berlin, die auf dem GTA unterwegs ist. Das Susa-Tal liegt mehr als 3000 Meter unter uns, was atemberaubende, flugzeugähnliche Perspektiven eröffnet. Den Gipfel dieses heiligen Berges, auf den sogar Wallfahrten stattfinden, überragt eine riesige Marienstatue, daneben wurde eine kleine Kapelle errichtet.

Papst Johannes Paul II. verfasste zum 100jährigen Bestehen der Statue im Jahr 1999 eine Grußadresse. Über den unschwierigen, mit wenigen Seilen abgesicherten Normalweg steige ich in weiten Serpentinen zum Rifugio Ca d’Asti (2854m) ab, das einer kirchlichen Institution gehört. Im weiteren Abstieg erwische ich versehentlich den Alta Via Val di Susa, einen Panorama-Höhenweg. Daher muss ich mich 300 Höhenmeter weglos nach unten bewegen, ehe ich auf einen Fahrweg stoße, der mich zur GTA-Unterkunft im kleinen Dörfchen Il Trucco (1706m) begleitet. Der Ort wirkt nicht besonders lebendig, die meisten Gebäude sind Ferienhäuser, deren Besitzer abwesend zu sein scheinen. Zu Abend esse ich mit den Berlinern, die ich bereits auf dem Gipfel getroffen habe.
Exakte Routenführung: Rifugio Tazzetti (2642m) – Col di Resta (3183m) – Rocciamelone (3538m) – Rifugio Ca d’Asti (2854m) - Il Trucco (1706m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1000m; Abstieg: 1950m
Distanz: 10 km
Reale Gehzeit: 7 Std
126. Tag: Samstag, 11.9.04: Il Trucco (1706m) – Rifugio Toesca (1710m)
Mein Tag beginnt mit dem zweiten Teil des Abstiegs von mehr als 3000 Höhenmetern, die den Rocciamelone-Gipfel (3538m) vom Susa-Tal trennen. Im Tal überwinde ich ein Gewirr von Straßen und Bahnstrecken und erreiche die Stadt Susa.

Um elf Uhr bin ich mit Antonella und Elisabetta verabredet, die mich besuchen kommen. Wieder missachte ich mein ehernes Prinzip, die gesamte Wegstrecke per pedes zurückzulegen, aber den beiden möchte ich nicht zumuten, hier in 500 Metern über dem Meeresspiegel umher zu wandern, wo sie doch ins Hochgebirge wollen. Daher steige ich uneigennützig in ihren kleinen Lancia und lasse mich zum Parkplatz auf 1200 Metern chauffieren, von wo aus das Rifugio Toesca (1710m) in eineinhalb Stunden zu erreichen ist. An der Alpe Balmetta (1515m) legen wir einen Zwischenhalt ein, die beiden decken sich mit frischem Käse ein. An der Hütte angekommen verdunkelt sich der Himmel bedrohlich, in der Nacht regnet es heftig. Alle Gäste schlafen in einem einzigen großen Raum, was Ohrenstöpsel unabdingbar macht. Ich freue mich, dass meine Einsamkeit durch die Anwesenheit der beiden unterbrochen wird.
Exakte Routenführung: Il Trucco (1706m) – Susa (501m) – mit dem Auto bis P. 1280m – Rifugio Toesca (1710m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 450m; Abstieg: 1200m
Distanz: 6 km
Reale Gehzeit: 4 Std

127. Tag: Sonntag, 12.9.04: Rifugio Toesca (1710m) – Fort de Fenestrelle (1650m)
Wegen des nächtlichen Wolkenbruchs befürchtete ich schlimmstes für das Wetter heute, doch abgesehen von einem kurzen Schauer bleibt es trocken. Gegen halb Neun starten wir gemütlich in Richtung Colle del Sabbione (2560m), wir befinden uns im Parco Naturale Orsiera Rocciavré. Am Colle di Malanotte (2582m) entschließen wir uns, einen Abstecher auf die Punta Cristalliera (2801m) zu unternehmen.

Dazu müssen wir erst etwas absteigen und weglos felsiges Terrain durchqueren. Betty verzichtet auf die letzten Meter, die leichte Kletterstellen aufweisen. Der Ausblick ist gigantisch, er reicht bis zum Monviso (3841m), der in einigen Tagen der höchste Punkt meiner Tour sein wird. Nach einer längeren Pause steigen wir einige Meter ab, dann verabschieden wir uns. Antonella und Betty müssen zum Auto zurück, während ich über riesige Felsblöcke in entgegengesetzter Richtung den Colle Pra Reale (2525m) überwinde. Nach weglosem Auf und Ab gelange ich zum Lago Laus (2259m). Eigentlich hatte ich auf eine Nächtigung im privaten Rifugio Selleries (1986m) spekuliert, doch es ist geschlossen, so dass ich auf Fahrwegen bis zum Fort de Fenestrelle (1650m) absteige.

Langsam hält Dunkelheit Einzug, angesichts der stabilen Wetterlage nächtige ich unter freiem Himmel. Unbemerkt liege ich inmitten eines Ameisengebiets, am Morgen bin ich von übel juckenden Blessuren übersät.
Exakte Routenführung: Rifugio Toesca (1710m) – Colle del Sabbione (2560m) – Colle di Malanotte (2582m) – P. 2480m – Punta Cristalliera (2801m) – P. 2400m – Colle Pra Reale (2525m) – P. 2150m – Lago Laus (2259m) - Rifugio Selleries (1986m) – P. 2074m - Fort de Fenestrelle (1650m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1550m; Abstieg: 1600m
Distanz: 14 km
Reale Gehzeit: 6,75 Std

128. Tag: Montag, 13.9.04: Fort de Fenestrelle (1650m) – Balsiglia (1370m)
Frühmorgens steige ich am Fort entlang nach Fenestrelle (1154m) ins Chisone-Tal, aus dem die Agnelli-Dynastie stammt, ab. Die riesigen Befestigungsanlagen der Festung wurden vom savoyischen Herrscherhaus im frühen 18. Jahrhundert vollendet. Sie erstrecken sich über 600 Höhenmeter, ihr Umfang misst drei Kilometer. In ihrem Inneren wurde zur Überwindung der Höhendifferenz eine Treppe mit 4000 Stufen angelegt.

Auf der anderen Seite des Tals nehme ich einen Mammutaufstieg von 1600 Höhenmetern zum Colle dell Albergian (2713m) in Angriff. Der GTA, dem ich folge, verläuft hier auf breiten, unschwierigen und aus meiner Perspektive öden Serpentinen, auf denen man Mountainbikespuren erkennen kann. Sie sind stets ein Indiz für die Einfachheit des Geländes und drücken auf meinen Gemütszustand.

Ähnlich präsentieren sich die jenseitigen 1400 Meter Abstieg zum alten Waldenserdorf Balsiglia (1370m) im Valle di Massello. Der unbewirtschaftete und offenstehende GTA- Posto Tappa, d.h. die Unterkunftsmöglichkeit, befindet sich versteckt in einer alten Schule mit einem kleinen Museum von 1939, in dem die Geschichte des Ortes erzählt wird. Besonderes Augenmerk wird auf die große Schlacht von 1690 gelegt, als hier 300 Waldenser einer Übermacht von 4000 französischen Soldaten durch einen Trick im steilen Gelände entkommen konnten. Die Unterkunft teile ich mit zwei Brüdern aus Schorndorf, deren Vorfahren Waldenser waren. Aus den vorhandenen Essensresten zaubern wir eine bekömmliche Abendmahlzeit.
Exakte Routenführung: Fort de Fenestrelle (1650m) – Fenestrelle (1154m) – Laux (1350m) – Colle dell Albergian (2713m) – Bergerie del Lauson (2000m) - Balsiglia (1370m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1600m; Abstieg: 1900m
Distanz: 18 km
Reale Gehzeit: 9 Std

129. Tag: Dienstag, 14.9.04: Balsiglia (1370m) – Rodoretto (1432m)
Zum Frühstück hat Bernd Ziegenmilch organisiert, die sich wider Erwarten vortrefflich mit meinem Müsli kombinieren lässt. Just als ich losgehen will, fängt es an zu regnen, so dass ich im Unterschied zu den beiden auf trockenes Wetter warte. Um zehn Uhr interpretiere ich die aufkommenden Sonnenstrahlen als Aufbruchssignal für meine GTA-Etappe.

Ich durchwandere mehrere Waldenserdörfer, die alle über kleine Schulen verfügten. Mir begegnen ausschließlich alte Menschen, junge Leute scheinen in dieser entlegenen Gegend keine Zukunft zu haben. Nach einem unwesentlichen Umweg spaziere ich zwischen Campo La Salza (1085m) und Didiero (1245m) auf der Teerstraße. Von Didiero aus führt ein Fahrweg, auf dem ich besser geblieben wäre, in Serpentinen zum Colle di Fontane (1572m). Aufgrund meiner Abneigung gegenüber solchen Pisten verlasse ich ihn und wähle eine vermeintliche Abkürzung, die mich zunächst zu einem veralteten und überwucherten Skilift, und danach in eine steile Laubrinne geleitet. Hier sehe ich die Sinnlosigkeit meines Unterfangens ein, kehre reumütig mit einstündiger Verspätung zum Fahrweg zurück und folge ihm zum Colle. Wegen des stärker werdenden Regens verkrieche ich mich für eine Stunde im Gebüsch. Im Nebel steige ich dann zum Posto Tappa nach Rodoretto (1432m) im Valle Germanasca ab, der von einer älteren Frau verwaltet wird. In den geräumigen Örtlichkeiten mit Kochgelegenheit bin ich der einzige Gast und kann mich wunderbar ausbreiten. Es ist, als ob ich eine schöne Wohnung für einen Tag zum Spottpreis gemietet hätte...
Exakte Routenführung: Balsiglia (1370m) – P. 1085m –Didiero (1245m) - Colle di Fontane (1572m) - Colle di Serrevecchio (1707m) – Rodoretto (1432m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 750m; Abstieg: 700m
Distanz: 11 km
Reale Gehzeit: 5,5 Std

130. Tag: Mittwoch, 15.9.04: Rodoretto (1432m) – Rifugio Lago Verde (2583m)
Den heutigen Tag verbringe ich ebenfalls komplett auf dem GTA, entsprechend unschwierig präsentiert sich der Wegverlauf. Um halb Neun breche ich bei tief hängenden Wolken auf, der mit 200 Metern Aufstieg verbundene Übergang nach Ghigo di Prali (1455m) ist schnell geschafft. Hier arbeitete Susi, die ich Anfang August in Lo Stallo im Misox getroffen hatte, nach ihrem Abitur in einem Waldenser-Begegnungszentrum namens Agape. Im Ort zeigt eine Tafel an, dass mein heutiges Etappenziel, das Rifugio Lago Verde (2583m), geöffnet ist.

Während des zähen und anstrengenden Aufstiegs, bei kräftigem Gegenwind, kommt mir der Hüttenwirt auf einem Motorrad entgegen. Die Hütte liegt wunderbar an einem kleinen See, doch wegen der eisigen Kälte flüchte ich mich schnell ins Innere, wo Jimi Hendrix sein „Hey Joe“ zum besten gibt. Ich bleibe der einzige Gast in der angenehmen Wärme der Hüttenstube, wir unterhalten uns über verschiedenste Themen. Voller Vorfreude ordere ich ein Abendessen für 16 €, es sollte das reichhaltigste der gesamten fünf Monate werden, das sogar mich, einen Vielfraß par excellence, überfordert. Als Entrée werden drei Brote mit Pasteten und Nüssen serviert, es folgen Pasta in enormer Quantität als Vorspeise, als Hauptspeise wird Hühnerfleisch mit gebratenen Erbsen kredenzt. An diesem Punkt muss ich nach einiger Zeit kapitulieren, das Brot rühre ich erst gar nicht an. Ein abschließender Digestif verschafft mir Erleichterung. Zum Ausklang des Abends schenken mir die beiden eine Postkarte des Rifugios sowie ein kleines Büchlein mit den Hütten der Umgebung. Im Schlafraum herrscht eisige Kälte: Welch angenehmes Gefühl, in meinen warmen Daunenschlafsack zu kriechen...
Exakte Routenführung: Rodoretto (1432m) – Colletto Gamont (1651m) – Ghigo di Prali (1455m) - Rifugio Lago Verde (2583m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1350m; Abstieg: 200m
Distanz: 14 km
Reale Gehzeit: 5 Std

Almoehi - 3. Dez, 21:12

