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Etappe 131-140

4
Dez
2006

Etappe 131-140

131. Tag: Donnerstag, 16.9.04: Rifugio Lago Verde (2583m) – La Monta (1661m)

Um sechs Uhr sehe ich draußen viele Schneeflocken in einer weißen Winterlandschaft wirbeln. Zum Frühstück spendieren mir die Wirtsleute heißen Tee, ich lasse mir Zeit, erst um Neun klingt der Schneefall ab. Der Weg über den Passo Buciè (2746m) ist zwar verschneit, aber auffindbar, wenngleich ob des schmierigen Untergrunds höchste Vorsicht geboten ist.
Wintereinbruch am Passo Bucié (2746m)
Auf französischem Boden steige ich bis zur Schneegrenze auf 2300 Metern ab. Im flachen Gelände gerate ich ins Schleudern und kann nur mit Hilfe meiner Stöcke eine Bruchlandung vermeiden. Einer der beiden wurde bei dieser Aktion ziemlich verbogen, zu benützen ist er noch. In leichtem Gelände gelange ich in Valpréveyre (1859m) zur Straße und folge ihr bis Abriès (1543m). Unterwegs passiere ich eine riesige Baustelle: Eine Brücke über den Fluss Bouchet wird neu gebaut, die Vorgängerin wurde von immensen Wassermassen während eines Unwetters hinweg gespült. In Abriès vergewissere ich mich telefonisch, ob die Gîte in La Monta (1661m) noch geöffnet ist, und nehme die letzten Kilometer dorthin neben der Straße bei permanentem Nieselregen in Angriff. Meine altgediente Trekkinghose gibt zu verstehen, dass sie sich gerne zur Ruhe setzen würde: Nach einer falschen Bewegung meinerseits tut sich ein riesiges Loch auf. Mit geborgtem Nähzeug flicke ich sie provisorisch (das Einfädeln in das winzige Nadelöhr überlasse ich weiblichem Sachverstand), sie muss nur noch drei Tage halten, dann wird mich mein Freund Philip mit einer Ersatzhose im Schlepptau besuchen.

Exakte Routenführung: Rifugio Lago Verde (2583m) – Passo Buciè (2746m) – Valpréveyre (1859m) – Abriès (1543m) - La Monta (1661m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 300m; Abstieg: 1200m
Distanz: 16 km
Reale Gehzeit: 4,75 Std

Abriès (1543m)

132. Tag: Freitag, 17.9.04: La Monta (1661m) – Rifugio Granero (2377m)

Mit Riesenschritten nähere ich mich dem Monviso (3841m) und hoffe fieberhaft auf viel Sonne, auf dass der Neuschnee bald hinweg schmelzen möge. Nach kurzer Zeit erreiche ich die Staatsgrenze am unschwierigen Colle de la Croce (2298m), einem alten Passübergang, wo die Überreste eines von Napoleon erbauten standardisierten Zollgebäudes zu bewundern sind.
Napoleonische Ruine am Colle de la Croce (2298m)
Die 600 Meter Abstieg zur Conca del Pra, einer großen Hochebene, stellen kein Hindernis dar, schon eher die riesige Kuhherde, die mich von meinem Brotzeitplatz vertreibt. Während des Aufstiegs zum Rifugio Granero (2377m) komme ich an den Überresten eines amerikanischen Militärflugzeugwracks vorbei, das hier nach dem zweiten Weltkrieg abgestürzt war. Die Granero-Hütte trägt als vollständigen Namen die Bezeichnung „Rifugio Battaglione Alpini MONTE GRANERO“. Was militaristisch klingt, erinnert an eine Einheit, die gegen Ende des zweiten Weltkriegs im Widerstand gegen die faschistischen deutschen Besatzer kämpfte. Die Hütte schließt übermorgen und wird gerade winterfest gemacht. Ein Ehepaar aus Colmar überlässt mir in einem generösen Akt seine Vorratsreste und warnt mich wegen der Neuschneereste vor meinem morgigen Vorhaben. Die Frau wurde heute von einem Stein getroffen, der sie aber nicht ernsthaft verletzte. Da sich die Hüttensaison in Riesenschritten ihrem Ende zuneigt, genehmige ich mir ein fürstliches Abendessen und weigere mich, den geringsten Gedanken daran zu verschwenden, dass ich bald wieder einsam und verlassen in Winterräumen sitzen werde. Am Sonntag Abend wird meiner Einsamkeit fürs erste ein Ende bereitet, denn Philip wird mich für neun Tage begleiten, wie er mir heute telefonisch zusicherte.

Exakte Routenführung: La Monta (1661m) – Colle de la Croce (2298m) – Conca del Pra (1713m) - Rifugio Granero (2377m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1300m; Abstieg: 600m
Distanz: 11 km
Reale Gehzeit: 5,5 Std

Conca del Pra mit Rifugio Jervis (1732m)

133. Tag: Samstag, 18.9.04: Rifugio Granero (2377m) – Rifugio Sella (2640m)

Auf Anraten des Hüttenwirts breche ich erst um acht Uhr auf, damit die Sonnenstrahlen vorher etwas wirken können. Drei Scharten wollen heute „bezwungen“ werden, an der ersten, dem Colle Manzol (2663m), bin ich nach einer Stunde angelangt. Im Abstieg auf 2400 Meter ist Vorsicht geboten, wenngleich der meiste Schnee schon weg getaut ist. Am Col d’Armoine (2692m) begegnen mir die ersten menschlichen Wesen heute, ausgerechnet zwei Jäger in Armeeuniform, die mit ihrem Schießgewehr im Anschlag auf der Lauer liegen und friedlichen Passanten einen Schrecken einjagen. Das Wetter ist toll, nur die sonnenabgewandte Nordflanke des Monviso (3841m) präsentiert sich noch leicht bepuderzuckert.
Monviso-Nordflanke (3841m)
Unter mir auf 2000 Metern liegen die Poquellen und ein großer Parkplatz, auf dem unzählige Autos abgestellt sind.
Pian del Re (2020m)
Ich quere oberhalb und gönne mir am Lago Superiore (2315m) eine jener raren Pausen, bei denen man im Gras liegt, die Sonne und die Umgebung genießt und die Gedanken schweifen lässt. Der restliche Aufstieg zur Sella-Hütte (2640m) gestaltet sich zäh, die Serpentinen sind übertrieben angelegt. Wegen des großen Andrangs wird in zwei Schichten zu Abend gegessen, und einer der Hüttenwirte empfiehlt mir, morgen schon um fünf Uhr Richtung Monviso aufzubrechen.

Exakte Routenführung: Rifugio Granero (2377m) – Colle Manzol (2663m) – P. 2400m – Col d’Armoine (2692m) – P. 2100m – Lago Superiore (2315m) – Colle del Viso (2650m) - Rifugio Sella (2640m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1200m; Abstieg: 900m
Distanz: 12 km
Reale Gehzeit: 6 Std

Rifugio Sella (2640m)

134. Tag: Sonntag, 19.9.04: Rifugio Sella (2640m) – Monviso (3841m) – Rifugio Sella (2640m)

Als ich mich um Viertel nach Vier aus den Federn erhebe, bin ich nicht der Einzige, der dies tut. Etwa 50 Personen wagen den Aufstieg zum höchsten Gipfel der Cottischen Alpen, eine beeindruckende Karawane von Stirnlampen setzt sich kurz nach Fünf in Bewegung. Die Verhältnisse sind exzellent: Wenn man von einem kleinen, unproblematischen Schneefeld absieht, behindern weder Eis noch Schnee den Aufstieg über die Südflanke, und das bei einem Gipfel, der alle österreichischen überragt und schon nahe an die 4000er-Marke heranreicht.
Monviso-Südflanke (3841m)
Allerdings sind einige Kletterpassagen im IIer-Bereich zu bewältigen. Die leichteren, aber ausgesetzten Stellen vor dem Passo di Sagnette (2991m) wurden vereinzelt mit fixen Ketten gesichert, hinter dem Pass wird der Weg flacher und verläuft mühsam über riesiges Blockwerk. Aus südlicher Richtung wirkt der Monviso weniger unnahbar und einladender, als dies von Norden der Fall ist. Ein Helm auf dem Kopf würde mir guttun: Einmal verfehlt mich ein kleiner Stein nur knapp, ein anderes Mal kann ich gerade noch in Deckung gehen, als ein unsicherer Kletterer vor mir in einer kaminähnlichen Passage eine Steinlawine auslöst. Ich rolle das Feld von hinten auf (nicht wenige GipfelstürmerInnen atmen aufgrund der großen Höhe sehr schwer), an einigen nadelöhrartigen Kletterstellen bilden sich kleine Staus, richtig ausgesetzt sind diese Abschnitte allerdings nicht. Ohne größere Pause gelange ich in vier Stunden auf den bevölkerten Gipfel.
Ich auf dem Monviso-Gipfel (3841m)
Das Panorama ist gigantisch, es gleicht der Sicht aus einem Flugzeugfenster, wegen der leichten Diesigkeit kann man das in der Po-Ebene liegende Turin nicht erkennen. Beim Abstieg lege ich am Bivacco Andreotti (3225m) eine längere Pause ein. Zurück an der Hütte verwechselt mich ein kleiner Junge mit Jesus, mein Rauschebart in Kombination mit den langen Haaren hat seine Phantasie etwas zu sehr angeregt. Vor der Hütte wurde eine Kapelle errichtet, in der Fotos von abgestürzten Bergsteigern an die Gefahren des Hochgebirges erinnern. Zudem wurden die Wrackteile eines zerschellten deutschen Jagdflugzeugs aus dem zweiten Weltkrieg zu einem Denkmal verarbeitet. Nach und nach verschwinden die Wochenend-BergsteigerInnen, auf der Hütte kehrt Ruhe ein. Philip kommt ziemlich spät, aber gerade noch rechtzeitig zum Abendessen an, wir begrüßen uns freudig. Er hat an die neue Trekkinghose gedacht, meine alte hätte keinen Tag länger gehalten, das Loch am Allerwertesten nahm schon riesige Ausmaße an. Zweifellos war der heutige Tag einer der (wenn nicht der) absoluten Höhepunkte meiner Expedition, schade für Philip, dass er einen Tag zu spät eintraf.

Exakte Routenführung: Rifugio Sella (2640m) – Passo di Sagnette (2991m) – Bivacco Andreotti (3225m) - Monviso (3841m) – Bivacco Andreotti (3225m) - Passo di Sagnette (2991m) - Rifugio Sella (2640m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1300m; Abstieg: 1300m
Distanz: 9 km
Reale Gehzeit: 8 Std

Monviso-Gipfelpanorama (3841m)

135. Tag: Montag, 20.9.04: Rifugio Sella (2640m) - Rifugio Pian Melezé (1806m)

Ehe wir die beiden Passübergänge, den Passo Gallarino (2727m) sowie den Passo San Chiaffredo (2764m), meistern, decken wir uns am Frühstückstisch mit den Resten der heutigen Monviso-Gänger ein. Wir durchqueren eine riesige Felswüste, von Zeit zu Zeit erwärmen uns einige Sonnenstrahlen. Schließlich steigen wir durch den höchstgelegenen Arven- und Zirbenbestand der gesamten Alpen nach Castello (1600m) ab, ein Mini-Lebensmittelladen offeriert uns dort sein beschränktes Angebot.
Ich am Passo Gallarino (2727m)
Ein unmarkierter Pfad geleitet uns in die Nähe von Casteldelfino (1296m), wo wir einen auf der Karte eingezeichneten Weg beschreiten wollen und stattdessen in extrem steilem Gestrüpp landen. Nach dieser unschönen Erfahrung gehen wir für den Rest des Tages auf Nummer sicher und folgen der Teerstraße zum Rifugio Pian Melezé (1806m) im Bellino-Seitental. Vor unseren Augen steigen die BesitzerInnen in ihr Auto steigen und suchen das Weite, denn morgen ist Ruhetag. So haben auch wir unsere Ruhe und übernachten draußen unter einem großen, vor der Hütte aufgespannten Zeltdach. Die Tage werden kürzer, um Viertel nach Acht ist es stockdunkel.

Exakte Routenführung: Rifugio Sella (2640m) - Passo Gallarino (2727m) – Passo San Chiaffredo (2764m) – Castello (1600m) – P. 1350m oberhalb von Casteldelfino – Chiesa (1480m) - Rifugio Pian Melezé (1806m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 600m; Abstieg: 1450m
Distanz: 23 km
Reale Gehzeit: 7 Std

Rifugio Pian Melezé (1806m)

136. Tag: Dienstag, 21.9.04: Rifugio Pian Melezé (1806m) - Rifugio Campo Base (1661m)

Bei strahlend blauem Himmel beginnt der Tag mit einem dreistündigen Aufstieg zum Colle di Bellino (2804m). Zunächst folgen wir einem Fahrweg, dann einer steilen Schlucht, ehe wir auf breitem, sanftem Almboden dahin spazieren.
Colle di Bellino (2804m)
Auf der Passhöhe peppen wir die Etappe etwas auf, indem wir an befestigten Bunkeranlagen vorbei in leichter Kletterei durch einen Couloir den namenlosen Gipfel P. 2907m erklimmen.
Philip und Ich auf dem Gipfel P. 2907m
Ebenso unschwierig wie der Weg bergauf verläuft auch der Abstieg zum Rifugio Campo Base (1661m) am hintersten Ende des Valle Maira, das zusammen mit seinen beiden Nachbartälern, dem Valle Stura und dem Valle Grana, als das Tal mit dem massivsten Bevölkerungsrückgang des gesamten Alpenbogens gilt. Ganze Dörfer, die ehemals von einigen Hundert Menschen bewohnt waren, sind heute fast komplett entsiedelt. Das Rifugio wurde vor kurzem renoviert (die Arbeiten sind so gut wie beendet), unser Schlafraum riecht beinahe noch nach Farbe. Das Abendessen fällt sehr, sehr reichlich aus...

Exakte Routenführung: Rifugio Pian Melezé (1806m) – Colle di Bellino (2804m) – Gipfel P. 2907m – Colle di Bellino (2804m) - Rifugio Campo Base (1661m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1100m; Abstieg: 1250m
Distanz: 15 km
Reale Gehzeit: 6 Std

Gipfel P. 2907m

137. Tag: Mittwoch, 22.9.04: Rifugio Campo Base (1661m) – Pontebernardo (1312m)

Für heute haben wir uns eine anstrengende, beinahe brutale Etappe vorgenommen, wir überqueren drei Pässe und legen über 3300 Höhenmeter zurück. Das Wetter spielt mit, uns beglückt ein stabiles spätsommerliches Hochdruckgebiet, das Tag für Tag mit wolkenlosem Himmel und Sonnenschein aufwartet. So werde ich ein kleines bisschen für die Unmengen an Kaltfronten entschädigt, die mich diesen Sommer heimsuchten. Wir folgen dem unschwierigen Verlauf des GTA über den Colle Ciarbonet (2206m), vorbei an militärischen Befestigungsanlagen zum Passo di Gardetta (2437m), wo einige Geländemotorräder die Idylle trüben.
Passo di Gardetta (2437m)
Am Passo di Rocca Brancia (2620m) kann man besonders schön die verschiedenen Militärstraßen, -wege und –pfade erkennen, die in unterschiedlichen Epochen angelegt wurden. Dieser Teil der Alpen zählt zu den am meisten militärisch überformten des gesamten Gebirges.
Passo di Rocca Brancia (2620m)
Unterhalb von Servagno (1736m) gelangen wir auf die Teerstraße Richtung Frankreich, die uns bis Pontebernardo (1312m) im Valle Stura geleitet. Vor dem Ort müssen wir wegen einer Baustelle einen sehr engen Straßentunnel mit regem Verkehr durchschreiten, ohne Baustelle könnte man ihn umgehen. Wir übernachten als Einzige im GTA- Posto Tappa. Zum Einkaufen müssen wir eineinhalb Kilometer bis Pietraporzio (1246m) absteigen (als ob wir heute nicht schon weit genug gelaufen wären), wo ein uraltes Ehepaar einen kultverdächtigen Mini-Tante Emma-Laden betreibt. Nach dem Abendessen verabschiede ich mich in einer feierlichen Zeremonie von meiner Trekkinghose, die mich beinahe 140 Tage lang mit all meinen Launen ertragen hat.

Exakte Routenführung: Rifugio Campo Base (1661m) – P. 1530m – Colle Ciarbonet (2206m) – P. 1850m – Passo di Gardetta (2437m) – Passo di Rocca Brancia (2620m) – Servagno (1736m) - Pontebernardo (1312m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1500m; Abstieg: 1850m
Distanz: 24 km
Reale Gehzeit: 9,25 Std

Rifugio Campo Base (1661m)

138. Tag: Donnerstag, 23.9.04: Pontebernardo (1312m) - San Bernolfo (1702m)

Die heutige Etappe weist ähnliche Charakteristika wie die gestrige auf, wieder umfasst sie drei Pässe inklusive 3200 Höhenmeter, unsere masochistischen Anlagen scheinen uns zu determinieren.
Abschied von meiner Trekkinghose
Das Frühstück fällt entgegen der Gewohnheit fürstlich aus, frische Trauben und Pfirsiche spenden neue Kräfte. Der unattraktivste Teil der Wegstrecke erfolgt zu Beginn, als wir bis zum geschlossenen Rifugio Talarico (1750m) einer Teerstraße folgen. Im Anschluss erklimmen wir einen angenehm steilen Pfad zum Passo di Scolettas (2223m), und auch die 200 Meter Abstieg auf einem alten Militärsträßchen, das durch einen kleinen Tunnel führt, zu einer Hochebene erweisen sich als nicht uninteressant.
Blick vom Passo di Scolettas (2223m) auf den Passo di Rostagno (2536m)
Den Rest des Tages durchstreifen wir relativ steiles, nicht völlig anspruchsloses Terrain, womit der GTA sonst eher selten aufwartet. An unserem Zielpunkt, dem Weiler San Bernolfo (1702m), müssen wir feststellen, dass der Posto Tappa entgegen unserer Informationen lediglich am Wochenende geöffnet ist. Keine Wolke trübt den Himmel, daher übernachten wir unter freiem Himmel neben einigen unbenutzten alten Wohnwagen.

Exakte Routenführung: Pontebernardo (1312m) - Rifugio Talarico (1750m) – Passo di Scolettas (2223m) – P. 2042m – Rifugio Zanotti (2200m) – Passo di Rostagno (2536m) – P. 2064m unterhalb des Rifugio Migliorero – Passo di Laroussa (2471m) – San Bernolfo (1702m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1800m; Abstieg: 1400m
Distanz: 15 km
Reale Gehzeit: 8,5 Std

Passo di Laroussa (2471m)

139. Tag: Freitag, 24.9.04: San Bernolfo (1702m) – Rifugio Questa (2380m)

Da uns die letzten beiden anstrengenden Tage noch nicht in ausreichendem Maße gefordert haben, beschließen wir, uns heute bis zur Erschöpfung auszulaugen. Die insgesamt sechs Pässe, die wir überqueren, sind rekordverdächtig, lasse ich meine gesamte Tour Revue passieren. Landesgrenzen übertreten wir etliche Male, als erstes am Colle Saboule (2460m). Dieser unbedeutende Abstecher nach Frankreich währt lediglich bis zum Colle di San Anna (2308m), den wir zur Vermeidung von Gegenanstiegen weglos in heiklem Gelände erreichen, zuletzt kämpfen wir uns auf mit frischer Erde bedeckten Schläuchen zum Grat empor. Permanent stoßen wir auf alte Militäranlagen, Stacheldraht und verfallende Kasernen.
Alte Befestigungsanlage am Colle del Lausfer (2378m)
Der Grat wird breiter, wir gelangen zum Colle della Lombarda (2350m) und reisen aufs neue nach Frankreich ein, mit und neben uns ein paar Autos und Motorräder. Hier beginnen die Lifte der Ski-Retortenstation „Isola 2000“, vor Jahrzehnten inklusive hässlicher Bettenburgen in die weitgehend unberührte Natur verpflanzt.
Wintersportort Isola 2000 (2000m)
Nach einem kleinen Umweg verlieren wir uns aus den Augen: Philip übersieht eine markierte Abzweigung und marschiert geradeaus weiter, während ich der vorgesehenen Route folge. Per Handykontakt tauschen wir uns aus, und er kehrt reumütig in meine Arme zurück. Nachdem wir mittels umständlicher Serpentinen an der Bassa del Druos (2628m) zum letzten Mal für heute Staatsgrenzen überschritten haben, steigen wir zum wunderschön gelegenen Lago di Valscura (2274m) ab. Das Gelände wird zunehmend felsiger und alpiner, wir nähern uns den vergleichsweise schroffen Seealpen. Mittlerweile ist der Tag so weit fortgeschritten, dass Dunkelheit Einzug gehalten hat und wir die letzte Stunde vor dem Rifugio Questa (2380m) bei eisiger Kälte (einige Schneeflocken rieseln leise darnieder) im Stirnlampenschein zurücklegen müssen. Wir kommen um neun Uhr an und sind die einzigen Gäste im Winterraum, der über einen Ofen verfügt.

Exakte Routenführung: San Bernolfo (1702m) – Passo di Sometta (2209m) – P. 2150m – Colle Saboule (2460m) – P. 2300m – Colle del Lausfer (2378m) – P. 2200m – Colle di San Anna (2308m) – P. 2200m – Colle della Lombarda (2350m) – Refuge La Grange (2200m) – Bassa del Druos (2628m) – Lago di Valscura (2274m) - Rifugio Questa (2380m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1700m; Abstieg: 1000m
Distanz: 23 km
Reale Gehzeit: 9,5 Std

Rifugio Questa (2380m)

140. Tag: Samstag, 25.9.04: Rifugio Questa (2380m) – Rifugio Remondino (2430m)


Den Ofen beheize ich erstmals früh um Fünf, um Philip das Aufstehen zu erleichtern. Die Schneewolken haben sich verzogen, es bleibt den ganzen Tag trocken, aber kalt und windig. Über anstrengendes Geröll steigen wir nach Terme di Valdieri (1368m) ab, wo es keine Verpflegungsmöglichkeit gibt. Deswegen versuchen wir, pessimistisch gestimmt, nach San Anna di Valdieri (1011m) zu trampen. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten ist uns das Glück hold: Ein älterer Italiener aus Rom, der in San Anna ein Ferienhaus besitzt, liest uns auf, seinen Hund und treuen Begleiter fand er in einem Müllcontainer. Im Ort lädt er uns zu einem Kaffee ein und bietet uns an, in seiner Wohnung eine warme Dusche zu nehmen. Selbstverständlich akzeptieren wir, doch damit nicht genug: Mit seinem Auto fährt er uns zurück bis einige Kilometer hinter Terme di Valdieri, wo sich auf 1600 Metern der Ausgangspunkt für den Zustieg zum Rifugio Remondino (2430m) befindet.
Rifugio Remondino (2430m)
Überwältigt von soviel Freundlichkeit habe ich vergessen, einen neuen Film zu kaufen, so dass in den nächsten Tagen die Zahl der Fotos streng rationiert werden muss. In zwei Stunde sind wir an der Hütte, die morgen ihre Pforten schließt, Anlass für ein letztes, etwas spärliches Abendmenü. Der Hüttenwirt tritt nach dieser Saison in den verdienten Ruhestand und scheint ob dieser Perspektive melancholisch gesonnen. Inzwischen befinden wir uns in den zentralen Seealpen, im Parco Naturale Alpi Marittime.

Exakte Routenführung: Rifugio Questa (2380m) – Terme di Valdieri (1368m) – P. 1300m – mit dem Auto bis San Anna (1011m) – mit dem Auto bis P. 1600m im Valle della Valletta - Rifugio Remondino (2430m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 850m; Abstieg: 1100m
Distanz: 13 km
Reale Gehzeit: 5,25 Std

Cima Argentera (3297m)
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