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Etappe 141-151

5
Dez
2006

Etappe 141-151

141. Tag: Sonntag, 26.9.04: Rifugio Remondino (2430m) – Rifugio Genova-Figari (2015m)

Die höchste Erhebung der Seealpen, die Cima dell’Argentera (3297m), wollen wir heute zusammen mit zwanzig anderen GipfelstürmerInnen bei herrlichem Wetter besteigen. Das mickrige Frühstück, bestehend aus Zwieback und Marmelade, verleiht uns nicht gerade Flügel, zu unserem Glück sind viele ItalienerInnen Frühstücksmuffel und lassen selbst davon einiges übrig. Dankbar fügen wir uns in unsere Rolle als Resteverwerter. In steilen Serpentinen erklimmen wir den Passo dei Detriti (3122m) und deponieren unsere Rucksäcke. Beim Aufstieg zur Cima Sud dell’Argentera (3297m) queren wir lange in steilem Absturzgelände, neben uns fällt eine Wand senkrecht mehr als 100 Meter tief ab.
Philip und Ich auf der Cima Argentera (3297m)
Vorhandene Schneereste machen das Vorhaben heikel, die anregende Kletterei auf den Gipfel entschädigt dafür. Zum ersten und für längere Zeit letzten Mal erblicke ich das Mittelmeer, den Endpunkt meiner Expedition, die Aussicht in alle Richtungen ist famos. Der Abstieg vom Passo dei Detriti zum Bivacco Baus (2698m) enthält einige nicht zu unterschätzende Passagen.
Philip am Bivacco Baus (2698m)
Anfangs erschweren Schneereste, dann eine seilgesicherte Passage sowie das Queren eines vereisten Wasserfalls das Fortkommen. Nach dem Bivacco ist weiterhin Vorsicht angebracht, die ganz großen Hürden müssen auf den letzten Metern vor dem Rifugio Genova-Figari (2015m) jedoch nicht mehr überwunden werden. Im Winterraum sind wir die einzigen Gäste, er ist zwar geräumig, aber heruntergekommen. Weder Gasherd noch elektrisches Licht funktionieren...

Exakte Routenführung: Rifugio Remondino (2430m) – Passo dei Detriti (3122m) – Cima Sud dell’Argentera (3297m) – Passo dei Detriti (3122m) - Bivacco Baus (2698m) – Rifugio Genova-Figari (2015m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 850m; Abstieg: 1250m
Distanz: 7 km
Reale Gehzeit: 5,75 Std

Rifugio Genova-Figari (2015m)

142. Tag: Montag, 27.9.04: Rifugio Genova-Figari (2015m) – Rifugio Pagari (2650m)

Zunächst folgen wir dem unschwierigen GTA über den Colle di Fenestrelle (2463m) in weiten Serpentinen zum geschlossenen Rifugio Soria Ellena (1840m). Ab hier gestaltet sich der Tag interessanter und anspruchsvoller. Bei strahlend blauem Himmel steigen wir auf einem schmalen, mit Steinmännchen markierten Pfad schuttige Serpentinen empor. Mitunter erweist sich die Orientierung als schwierig, zumal bald kein Weg mehr zu erkennen ist. Unter dem Siula-Gletscher queren wir und erreichen in forderndem Gelände den mit einem Stofffetzen-Band à la Nepal verzierten Passo dei Ghiacciai (2750m).
Philip am Passo Ghiacciai (2750m)
Bis zum mausgrauen Bivacco Moncalieri (2710m) verläuft der Abstieg in heiklem Terrain, dann setzt ein markierter Pfad ein. Nach 300 Metern mühevollen Gegenanstiegs stoßen wir auf unser heutiges Ziel, das kleine Rifugio Pagari (2650m), ganz in der Nähe des südlichsten Gletschers der Alpen. Die Hütte wirkt geöffnet, aber nur der Winterraum ist zugänglich. Nach kurzer Zeit begegnet uns des Rätsels Lösung in Form des großen, bärtigen Hüttenwirts, der fast das ganze Jahr über die Hütte bevölkert. Er heizt ein, kocht uns Pasta und erzählt von seinem Dorf im Valle Grana, das einstmals 300 BewohnerInnen gezählt habe, während heute noch 14 übrig seien, sowie von den königlichen Jagdwegen in der Umgebung, seinem Partisanengroßvater und den Gräueltaten, die die Nazis hier begingen. Zudem beschenkt er uns mit einer Packung Milchpulver sowie einem Diafilm, die Rationierung der Fotos ist somit aufgehoben. Des weiteren erfahre ich vom Organisationskomitee, dass der Termin meines Rückflugs von Nizza nach Berlin feststeht: Am 9. Oktober ist ein Platz für mich reserviert.

Exakte Routenführung: Rifugio Genova-Figari (2015m) – Colle di Fenestrelle (2463m) - Rifugio Soria Ellena (1840m) – Passo dei Ghiacciai (2750m) – Bivacco Moncalieri (2710m) – P. 2350m - Passo Sopr. Muraion (2430m) – Rifugio Pagari (2650m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1700m; Abstieg: 1050m
Distanz: 13 km
Reale Gehzeit: 7,25 Std

Ostflanke der Cima dell'Argentera (3297m)

143. Tag: Dienstag, 28.9.04: Rifugio Pagari (2650m) – Limone (1010m)

Da auch Philip einen Rückflug aus Nizza gebucht hat, und zwar leider schon für morgen, bleibt uns keine Wahl, als erneut eine anstrengende Mega-Etappe in Angriff zu nehmen. Um sieben Uhr zeigt sich das Wetter von seiner besten Seite, wir steigen ein bisschen ab und queren dann mühsam und zeitintensiv oberhalb des Lago Bianco (2297m) auf großen Blöcken, von Steinböcken aufmerksam beobachtet.
Steinböcke am Colle dell'Agnel (2565m)
Jenseits des Colle dell’Agnel (2565m) , als das Gelände einfacher wird, haben wir französische Erde unter unseren Füßen. Wir befinden uns im Mercantour-Nationalpark, in der Nähe der berühmten, tausende Jahre alten Felszeichnungen am Mont Bego (2872m). Längere Zeit folgen wir nun einem Fahrweg, bis wir am Baisse de Peyrefique (2028m) in Richtung Fort de Giaure (2253m) abbiegen.
Bunker am Baisse de Peyrefique (2028m)
Das Fort ist eine von vielen Befestigungsanlagen, die den französisch-italienischen Grenzkamm säumen. Auf einem zunächst stark verbuschten und schwer zu ortenden Pfad steigen wir Richtung Limonetto (1294m) ab. Bald tauchen die ersten Skilifte dieses einst blühenden Wintersportzentrums, das seine besten Zeiten hinter sich hat, auf. Die Klimaerwärmung fordert ihren Tribut. Gegen meine Prinzipien verstoßend (Philip muss rechtzeitig zum Flugzeug!) fahren wir als einzige Fahrgäste im Linienbus nach Limone/ Piemont (1010m) und quartieren uns in einer Pension für 55 € in ein Doppelzimmer ein. Pickel und Steigeisen haben ihre Schuldigkeit getan, sie waren mir unabdingbare Begleiter und dürfen deswegen einige Tage vor mir mit Philip nach Hause zurückkehren.

Exakte Routenführung: Rifugio Pagari (2650m) – P. 2300m – Colle dell’Agnel (2565m) – Jardin Alpin (1732m) – Baisse de Peyrefique (2028m) – Fort de Giaure (2253m) – Gias Boero (1650m) – Limonetto (1294m) – Bus bis Limone (1010m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 800m; Abstieg: 2450m
Distanz: 23 km
Reale Gehzeit: 9 Std

Fort de Giaure (2253m)

144. Tag: Mittwoch, 29.9.04: Limone (1010m)

Nach den überaus strapaziösen letzten Tagen, sie dürften in der Summe die anstrengendsten und längsten insgesamt gewesen sein, gönne ich mir einen kompletten Ruhetag und lade meine leeren Akkus wieder auf. Frühmorgens bringe ich Philip zur Tenda-Bahn, die ihn in gewagter Streckenführung durch viele Tunnels nach Nizza transportiert. Ich nehme den Zug in die entgegengesetzte Richtung nach Cuneo (534m), um in der Provinzhauptstadt urbaneres Flair zu genießen.
Cuneo (534m)
Mit seinen 50.000 EinwohnerInnen, den breiten Straßen und machtvollen Bauten, in ihrer Klobigkeit faschistische Ästhetik in Reinkultur, ist Cuneo der größte Ort, den ich seit Wien besuche. Dennoch bleibt meine Suche nach Milchpulver vergeblich. In einem Internet-Café informiere ich mich drei Stunden lang ausführlich über das Geschehen in der Welt, dann setze ich mich in den Zug zurück nach Limone (1010m). Aus der Perspektive des erhöht liegenden Bahnhofs wird man der endlosen Bettenburgen gewahr, die das Stadtbild prägen. Am Abend wage ich ein dümmliches Experiment: Ich versuche, meine feuchten Socken an heißen Glühbirnen zu trocknen, was Brandlöcher hervorruft und die Luft verpestet.

Exakte Routenführung: Ruhetag
Höhenunterschied: Aufstieg: 0m; Abstieg: 0m
Distanz: 0 km
Reale Gehzeit: 0 Std

Unterkunft in Limone (1010m)

145. Tag: Donnerstag, 30.9.04: Limone (1010m) – Rifugio Garelli (1970m)

Während des typisch italienischen Frühstücks (süß, klebrig und nicht sättigend) wechsle ich einige Worte mit der Herrin des Hauses, die das umliegende Skigebiet preist und die These vertritt, dass das diesjährige prachtvolle Septemberwetter keine Ausnahme, sondern die Regel darstelle. Das Brandexperiment von gestern Abend kostet mich 18 € für ein neues Paar brauchbarer Trekkingsocken. Um Neun verlasse ich die Herberge und habe bald Orientierungsprobleme, denn die in der Karte eingezeichneten Wege und Skilifte existieren z.T. nicht mehr oder befinden sich im Stadium fortgeschrittenen Verfalls, wie die Capanna Chiara (1490m), deren Erscheinen mir nach etlichen Turbulenzen die Richtigkeit meiner Routenwahl bestätigt. In ihrer Umgebung erfreuen überwucherte Liftanlagen, die niemand demontiert und noch Jahrhunderte nicht verrotten werden, das Auge.
Verfallende Skilifte neben der Capanna Chiara (1490m)
In steilem Grasgelände schlängle ich mich auf die Punta Melasso (2079m) und treffe kurze Zeit später am nicht mehr vorhandenen Rifugio del Parco (1836m) auf den GTA, dem ich zum Rifugio Garelli (1970m) in unentwegtem Auf und Ab in unschwierigem Gelände folge. Die Ligurischen Alpen, in denen ich mittlerweile angelangt bin, weisen, von einigen Ausnahmen abgesehen, weniger schroffe Formen als die Seealpen auf und zeichnen sich durch große Trockenheit aus. In den nächsten Tagen werde ich Probleme haben, mich ausreichend mit Trinkwasser zu versorgen. Die Garelli-Hütte ist nicht mehr bewirtschaftet, aber ihr Winterraum lässt an Komfort keine Wünsche offen.
Rifugio Garelli (1970m)
Er ist geräumig und verfügt über elektrisches Licht sowie funktionierende Koch- und Heizmöglichkeiten, zudem sorgen die Glasverkleidungen der Hütte bei Sonnenbestrahlung für wohlige Wärme. Als einziger Gast genieße ich die Einsamkeit der Bergwelt, in weniger als einer Woche wird diese Herrlichkeit für mich Vergangenheit sein. Zurückgelassene Essensreste verwerte ich zu einem wohlschmeckenden Abendmenü.

Exakte Routenführung: Limone (1010m) – Capanna Chiara (1490m) – Punta Melasso (2079m) – Gias dell’Ortica (1836m) – Passo del Duca (1989m) – P. 1600m - Rifugio Garelli (1970m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1600m; Abstieg: 650m
Distanz: 14 km
Reale Gehzeit: 6,5 Std

Punta Marguareis (2651m)

146. Tag: Freitag, 1.10.04: Rifugio Garelli (1970m) – Agriturismo „La Navette“ (1450m)

Der letzte große Gipfel meiner Expedition steht heute auf dem Programm. Bei wunderschönem Wetter besteige ich die Punta Marguareis (2651m), die höchste Erhebung der Ligurischen Alpen, sie gehört sowohl zu Frankreich als auch zu Italien. Der Aufstieg aus nördlicher Richtung ist anspruchsvoll, zunächst führt der Weg in einem steilen, schuttigen Couloir nach oben, einige leichte Kletterstellen sind zu überwinden.
Ich auf der Punta Marguareis (2651m)
200 Meter unterhalb des Gipfels stößt man auf den Normalweg, der keine weiteren Schwierigkeiten beinhaltet. Über mir lacht der blaue Himmel, unter mir hat sich eine riesige Wolkendecke angestaut und verdeckt den Ozean. Lediglich die höchsten Gipfel ragen aus dem Wolkenmeer, so etwa die Cima Argentera (3297m) oder der Monviso (3841m); längere Zeit lasse ich das phantastische Panorama auf mich wirken.
Gipfelblick Punta Marguareis (2651m) Richtung Cima Argentera (3297m)
Im Abstieg durchquere ich große karstige Flächen, mit ihren zahlreichen Dolinen ein Eldorado für HöhlenforscherInnen. An der Capanna Saracco Volante (2220m) vorbei passiere ich den Passo di Mastrelle (2023m) und steige auf einem steilen und schmalen Pfad nach Carnino (1397m) ab. Den Rest des Tages wandere ich auf bzw. neben der Straße, die in Richtung Upega (1297m) beeindruckend aus dem Fels gesprengt wurde. Am Colleta Salse (1627m), wo mich dichter Nebel umhüllt, verlasse ich die Provinz Cuneo und betrete die Provinz Imperia. Im Agriturismo „Le Navette“ (1450m), das vier Schlafplätze bereithält, nächtige ich als einziger Gast. Eine ältere, beinahe zahnlose Frau bereitet mir das Abendessen, das aus Pasta, Wurst mit Zucchinigemüse und selbstgebackenem Kuchen inklusive Rotwein besteht. Ich speise mit ihr und ihrem Sohn, die Konversation gestaltet sich schwierig, sie parliert nur rudimentäres Französisch, ihr Sohn ist keiner Fremdsprache mächtig. So leistet das Fernsehprogramm einen wertvollen Beitrag zur Unterhaltung. Die Wände sind sehr dünn, ich höre das laute Schnarchen der Frau sehr gut und verstopfe mir die Ohren.

Exakte Routenführung: Rifugio Garelli (1970m) – Punta Marguareis (2651m) – Capanna Saracco Volante (2220m) – Carnino (1397m) – Upega (1297m) – Colleta Salse (1627m) -Agriturismo „La Navette“ (1450m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1150m; Abstieg: 1650m
Distanz: 18 km
Reale Gehzeit: 7,5 Std

Gipfelblick Punta Marguareis (2651m)

147. Tag: Samstag, 2.10.04: Agriturismo „La Navette“ (1450m) – Rifugio Sanremo (2078m)

Die ersten eineinhalb Stunden marschiere ich unwillig auf der Straße nach Piaggia (1310m) und kaufe dort in einem kleinen Lädchen ein. Leider ist Brot, das Grundnahrungsmittel par excellence, nicht im Sortiment (!!!), was mich zwingt, meinen Weg bis Monesi di Triora (1310m) fortzusetzen. Auch dort sind nur mehr 600 Gramm Brot vorhanden, ich kaufe sie samt und sonders auf. In Piaggia könnte man den Schlüssel für das Rifugio Sanremo (2078m) ausborgen, doch mir wird gesagt, dass die Hütte heute wegen eines Festes vollbesetzt sei und ich dort nicht übernachten könne.
Piaggia (1310m)
Daher telefoniere ich mit einer Frau, die den Übernachtungsgästen des Rifugio Sanson (1710m) den Schlüssel für die auf dem Grenzkamm liegende Hütte per Auto hoch fährt, aber sie teilt mir mit einem Ausdruck des Bedauerns mit, dass sie dies nicht für eine einzige Person wie mich tun würde. Diese Informationen bringen mich nicht von meinem Vorhaben ab, zum Rifugio Sanremo (2078m) anfangs auf einem Fahrweg, dann auf Pfadspuren durch ein kleines Skigebiet aufzusteigen. Meinen Wassersack fülle ich wegen der allgemeinen Trockenheit an einem Rinnsal auf, das einem großen Wassertank entweicht. An der Hütte sind Mitglieder des CAI San Remo am Werkeln und bieten mir an, als Einzelgast die Nacht vor Ort zu verbringen und morgen einem großen Fest beizuwohnen: Einmal im Jahr lädt die Sektion San Remo des Italienischen Alpenvereins all ihre Mitglieder zum Saisonabschluss auf die Hütte, um gemeinsam Unmengen an Polenta e Salsiccia zu verzehren. Momentan sind der 78-jährige ehemalige Bäcker und rüstige Rentner Tino, lange Jahre Vorsitzender der Sektion, sowie die Hüttenwarte Ines und Rolando anwesend und lassen mich an ihrem Mittagessen teilhaben. Im Laufe des Tages treffen drei weitere Pärchen ein, um das morgige Fest vorzubereiten. Inzwischen sind dichte Wolken aufgezogen, sie verstellen den Blick aufs Meer. Ich mache mich ein bisschen nützlich und darf zusammen mit den neun ItalienerInnen zu Abend essen. Trotz der Kommunikationsschwierigkeiten wird es ein heiteres und unvergessliches Erlebnis, eine unglaubliche Völlerei. Spezialitäten und Köstlichkeiten aller Art werden konsumiert, ich muss immer noch dieses und jenes probieren und platze beinahe...

Exakte Routenführung: Agriturismo „La Navette“ (1450m) – Valcona (1235m) – Piaggia (1310m) - Monesi di Triora (1310m) – Rifugio Sanremo (2078m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 850m; Abstieg: 250m
Distanz: 13 km
Reale Gehzeit: 4 Std

Rifugio San Remo (2078m)

148. Tag: Sonntag, 3.10.04: Rifugio Sanremo (2078m)

Nach dem gemeinsamen Frühstück beginnen die Vorbereitungen für die Feierlichkeiten. Eigentlich war mein Plan, um drei Uhr nachmittags aufzubrechen, um noch etwas vorwärts zu kommen. Doch die mir entgegengebrachte Freundlichkeit und Warmherzigkeit stimmen mich um, ich verbringe eine weitere Nacht auf der Hütte. Am Vormittag helfe ich Tino bei diversen Ausbesserungsarbeiten, gegen Mittag trudeln die ersten der annähernd hundert Gäste ein. Das Kochteam hat das Essen in riesigen Töpfen zubereitet und verteilt es portionsweise. Der Vorsitzende der Sektion spricht deutsch, seine Frau stammt aus Rosenheim. Mittlerweile hat das Gerücht die Runde gemacht, dass ich schon seit geraumer Zeit unterwegs sei, und verschiedenste Leute sprechen mich an. Als langsam Ruhe einkehrt, helfe ich bei den Aufräumarbeiten und übernachte als Einziger mit den beiden Hüttenwarten Ines und Rolando und ihrem Hund auf der Hütte. Obwohl wir sprachlich nicht auf einer Wellenlänge liegen, können wir uns einigermaßen verständigen. Beide sind schon in Rente, Rolando durchlief die unterschiedlichsten Jobs, er war Gürtelmacher, Automechaniker, Kaffeemaschinentechniker sowie Matrose beim Militär. So hat er sich großes handwerkliches Geschick angeeignet und ist für die Aufgaben als Hüttenwart prädestiniert. Beide schimpfen über Berlusconi, wie ich überhaupt sehr viele ItalienerInnen getroffen habe, die abfällig von ihm reden. Mir ist nie jemand begegnet, der oder die lobende Worte geäußert hätte. Scheinbar sind sie einer gigantischen Wahlfälschung aufgesessen... Da die Hütte auf dem Kamm an exponierter Stelle liegt und die Gegend sehr arm an Niederschlägen ist, leidet sie an massiven Wasserproblemen. Es gibt zwar Tanks, die das Regenwasser auffangen, sie reichen aber nicht aus. Heute mussten die Toiletten deswegen geschlossen werden, und es waren annähernd 100 Personen hier, die alle irgendwie ihre Notdurft zu verrichten hatten...

Exakte Routenführung: Ruhetag
Höhenunterschied: Aufstieg: 0m; Abstieg: 0m
Distanz: 0 km
Reale Gehzeit: 0 Std

Polenta e Salsiccia im Rifugio San Remo (2078m)

149. Tag: Montag, 4.10.04: Rifugio Sanremo (2078m) – Rifugio Muratone (1174m)

Um halb Acht verlasse ich zusammen mit Ines und Rolando die Hütte. An ihrem Auto, in der Nähe der Redentore-Statue (2164m), verabschieden wir uns voneinander.
Il Redentore (2164m)
Im Sauseschritt erklimme ich den Monte Saccarello (2200m) und folge den ganzen Tag über alten Militärstraßen und -wegen, angelegt entlang des französisch-italienischen Grenzgrates. Unterwegs geleitet mich ein steiler, seilgesicherter Pfad auf den Monte Toraggio (1973m). Kurze Zeit später erschrickt mich ein Jäger mit seinem großen Schießgewehr zu Tode, indem er direkt vor mir aus dem Gebüsch gekrochen kommt. Als ich am Rifugio Muratone (1174m), das in einer ehemaligen Kaserne auf der italienischen Seite des Grates erbaut wurde, ankomme, weiß der Wirt bereits Bescheid, der Vorsitzende der Sektion San Remo hat mich verabredungsgemäß angemeldet.
Rifugio Muratone (1174m)
Als einziger Gast genieße ich eine ausgiebige Dusche sowie das leckere, üppige Abendessen. Besonders kommunikativ verläuft der restliche Abend nicht, meine Italienischkenntnisse sind einfach zu limitiert dafür...

Exakte Routenführung: Rifugio Sanremo (2078m) – Monte Saccarello (2200m) – Passo di Collardente (1600m) – Porta Bertrand (1961m) – Gola dell’Incisa (1685m) – Monte Toraggio (1973m) – Colle del Corvo (1404m) - Rifugio Muratone (1174m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 850m; Abstieg: 1750m
Distanz: 22 km
Reale Gehzeit: 7 Std

Monte Saccarello (2200m)

150. Tag: Dienstag, 5.10.04: Rifugio Muratone (1174m) – Sospel (348m)

Am vorletzten Tag meiner Unternehmung habe ich mir ein anstrengendes Pensum aufgenötigt. Es beginnt mit dem Abstieg ins französische Saorge (520m), auf einem hübschen schmalen Pfad neben einer tiefen Schlucht verlaufend. Den Ort passiere ich hundert Meter unterhalb und gelange zum markierten Sentier Valléen („Talweg“), dem ich bis Breil-Sur-Roya (300m) folge.
Gedenktafel in Breil-Sur-Roya (300m)
Nun verläuft dieser Weg mitnichten unten im ebenen Talgrund, wie zu vermuten wäre, sondern quert im Hang, was permanentes Auf- und Absteigen einiger hundert Höhenmeter zur Folge hat und mich wilde Flüche ausstoßen lässt. Nach einiger Zeit habe ich genug davon und nehme eine Abkürzung. Das ansehnliche Städtchen Breil-Sur-Roya liegt mittags im Tiefschlaf, ich halte mich nicht lange auf und erklimme auf dem GR 52a den Col de Brouis (879m).
Breil-Sur-Roya (300m)
Aus diversen Pfaden wähle ich den kürzestmöglichen Weg nach Sospel (348m). Kurz vor dem Ort werde ich von drei großen, gefährlichen Hunden attackiert, scheinbar passt es ihnen nicht, dass ich schneller als Frauchen unterwegs bin. Sie befand es nicht für nötig, ihre süßen Kleinen anzuleinen, während mir das Herz in die Hose rutscht. Hunde diesen Ausmaßes können Menschen erhebliche Verletzungen zufügen, und wenn sie erst im Dreierpack auftreten... Durch heftige Schreie und aggressives Gebaren gelingt es mir, sie auf Distanz zu halten; meine Wut angesichts derartige Unverschämtheiten bekommt die Besitzerin zu spüren. Sospel selbst ist eine hübsche alte Stadt, das Office de Tourisme siedelt auf einer Brücke über dem breiten Fluss. Da es nur zwei Übernachtungsmöglichkeiten meiner Kategorie gibt und eine davon vier Kilometer entfernt ist, muss ich mich der Halsabschneiderei von 40 € pro Halbpension in einem schmutzigen, an ein Hotel angegliederten Schlafsaal bei mickrigem Essen beugen. Wenigstens bin ich der einzige Gast und kann mich entsprechend ausbreiten...

Exakte Routenführung: Rifugio Muratone (1174m) – Saorge (520m) – Breil-Sur-Roya (300m) – Col de Brouis (879m) – Sospel (348m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 950m; Abstieg: 1750m
Distanz: 28 km
Reale Gehzeit: 8,75 Std

Sospel (348m)

151. Tag: Mittwoch, 6.10.04: Sospel (348m) – Menton (0m)

Da ich um halb Sechs aufstehe, wurde mir das Frühstück am gestrigen Abend bereitgestellt. Ich werde mit einem Brioche und einem Croissant abgespeist, gut und gerne könnte ich das zigfache konsumieren. Kurz nach Sieben bemerke ich das Unfassbare: Leichtes Nieseln hat eingesetzt. Sollten sich ausgerechnet heute, an meinem letzten Tag, die Schleusen öffnen, sollte der Himmel in Trauer ausbrechen, da ich zukünftig nicht mehr tagaus tagein seinen Launen ausgesetzt sein werde? Bald beruhigt er sich, die Sonne kann ihr Tagwerk verrichten und ich in Ruhe dem GR 52 folgen, der mich in wenigen Stunden ans Mittelmeer, das Ziel meiner Träume, führen wird. Vorher sind die letzten Pässe zu erklimmen, ich überwinde sie teilnahmslos, in mir schweifen die Gedanken ab und lassen die vergangenen Monate Revue passieren.
Erster Blick auf das diesige Meer (0m)
Aufgrund der Wolken und der diesigen Luft erblicke ich das Meer erst kurz vor dem erhöht über der Stadt thronenden Villenviertel von Menton. Am Yachthafen pausiere ich lange und koste meine Ankunft am Ziel fünfmonatiger selbstgewählter Strapazen in vollen Zügen aus.
Mein Hotelzimmer in Menton (0m)
Entlang des Meeres schlendere ich durch die pulsierende Stadt mit ihren 50.000 EinwohnerInnen und gönne mir für die letzten drei Nächte vor meinem Rückflug ein Zimmer im direkt am Bahnhof gelegenen Hôtel de Belgique für 35 € pro Nacht ohne Frühstück. WC und Dusche befinden sich im Flur, mein Gemach verfügt über Balkon und Fernseher.

Exakte Routenführung: Sospel (348m) – Col Razet (1027m) – Colle Basse (1107m) – 850m – Cima Longoira (1148m) – Passo del Porco (845m) - Menton (0m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1050m; Abstieg: 1400m
Distanz: 16 km
Reale Gehzeit: 6,5 Std

Am Hafen von Monte Carlo (0m)

Fazit:
Aufstieg insgesamt: 143315 m
Abstieg insgesamt: 143575 m
Höhenmeter insgesamt: 286890
Distanz insgesamt: 2244,50 km
Stunden insgesamt: 890,75

Am Strand in Nizza (0m)

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