Etappe 21-30
21. Tag: Samstag, 29.5.04: Gasthof Beisteiner (1220m) – Edelrautehütte (1706m)
Das Frühstück im Gasthaus fällt sehr reichhaltig aus, zusätzlich erwerbe ich stattliche Mengen an Wurst, Käse und Brot als Wegzehrung, da ich Hohentauern erst nach Geschäftsschluss erreichen werde. Regen und Schneeflocken haben sich verflüchtigt, der sanfte Aufstieg zum Bärensulsattel (1794m) weist wie die Etappe insgesamt eher den Charakter eines Spaziergangs auf. Am Rande eines geteerten Fahrwegs durchschreite ich zunächst das Hintertriebental, dann das Vordertriebental, ehe ich kurz bis Hohentauern (1274m) ansteige. Von hier fehlen noch ca. 400 Höhenmeter zur Edelrautehütte (1706m), die direkt per Straße zu erreichen ist, was den Charakter der Hütte maßgeblich prägt. Sie ist gut gefüllt, u.a. von Harley-Davidson-Fans auf ihren schweren Maschinen, die sich über meine Weigerung mokieren, von meiner wohlverdienten Milch Abstand zu nehmen und mich Hochprozentigerem zuzuwenden. Nicht besonders gentlemanlike verursachen sie spätabends einen Höllenlärm, um 22 Uhr ist an die gewohnte Hüttenruhe noch lange nicht zu denken...
Exakte Routenführung: Gasthof Beisteiner (1220m) – Bärensulsattel (1794m) – Wirtshaus Brodjäger (1026m) – Hohentauern (1274m) – Edelrautehütte (1704m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1300m; Abstieg: 800m
Distanz: 23 km
Reale Gehzeit: 7 Std

22. Tag: Sonntag, 30.5.04: Edelrautehütte (1706m) - Neualm (1474m)
Der Pfingstsonntag wartet dieses Jahr mit prächtigem Wetter auf. Mein Weg führt mich zunächst auf den Gipfel des Großen Hengstes (2159m), dann über den schneebedeckten Verbindungsgrat auf den Kleinen Bösenstein (2395m), den bisher höchsten Punkt meiner Unternehmung. Fast alle anderen GipfelstürmerInnen sind noch mit Skiern unterwegs, was mir, knietief im Schnee versinkend, hämische Bemerkungen einbringt, welche ich mit stoischem Lächeln quittiere. Zur Strafe beschließe ich, sie über den Charakter meiner Tour im Unklaren zu lassen. Nach dem Abstieg zum Perwurzpolster (1814m) überschreite ich den Zinkenkogel (2233m) und verlasse am Punkt 1854 Meter den Grat, um mich auf der Suche nach einem Schlafplatz etwas talabwärts zu orientieren. Bald werde ich fündig: In der Nähe der Neualm (1474m) biwakiere ich im Freien neben einer etwas gammligen, offenen Scheune, die mir im Falle schlechten Wetters als Unterschlupf dienen könnte.
Exakte Routenführung: Edelrautehütte (1706m) – Kleiner Bösenstein (2395m) – Perwurzpolster (1814m) – Zinkenkogel (2233m) – Neualm (1474m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1150m; Abstieg: 1370m
Distanz: 12 km
Reale Gehzeit: 6,5 Std

23. Tag: Montag, 31.5.04: Neualm (1474m) – Schwabergeralm (1511m)
Trotz trockener Nacht hat der morgendliche Tau meinen Schlafsack befeuchtet. Er zwingt mich, auf die Sonne zu warten, um den Schlafsack seiner Feuchtigkeit zu berauben. Unter dem Eindruck des gestrigen Tiefschnee-Watens entschließe ich mich, heute den Grat zu meiden und zunächst das Authal entlang nach Bretstein-Gassen (1048m) zu wandern, wo die ehemaligen Dorfschänken einem langsamen Verfall preisgegeben sind. Hier biege ich in das nächste Tal, den Bretsteingraben, ein, dem ich bis zur Schwabergeralm (1511m) folge. Unterwegs fällt ein neu errichteter Gedenkstein ins Auge, der an das zwischen 1941 und 1943 an diesem Ort befindliche Nebenlager des KZ Mauthausen erinnert. Damals waren hier ca. 80 republikanische Spanier und Zeugen Jehovas inhaftiert, die eine Straße in den Bretsteingraben bauen sowie in der Landwirtschaft arbeiten mussten. Die SS betrieb auf drei Bergbauernhöfen, die dem SS-eigenen Wirtschaftsbetrieb „Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung GmbH“ angegliedert waren, eine Schaf- und Pferdezucht.
Die Schwabergerhütte (1511m) ist noch geschlossen ist, ich muss mir ein anderes Quartier suchen. Der Jagdpächter, der im Jagdhaus neben der Hütte logiert, verhält sich zunächst etwas knurrig („Biwak ist hier verboten!“), dann weist er mir doch ein äußerst bequemes Nachtquartier unter dem Dach einer Scheune im Heu zu. Dieses Dach erweist sich als bitter nötig: Kurze Zeit später bricht ein heftiges Gewitter los...
Exakte Routenführung: Neualm (1474m) – Bretstein-Gassen (1048m) – Schwabergeralm (1511m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 500m; Abstieg: 450m
Distanz: 19 km
Reale Gehzeit: 5,5 Std

24. Tag: Dienstag, 1.6.04: Schwabergeralm (1511m) – Donnersbachwald (976m)
Der erste Reiz, der heute meine Wahrnehmungsfilter passiert, ist ein akustischer: Das Geräusch dicker Regentropfen, die aufs Dach prasseln. Meine Laune bessert sich, als ich vom Jagdpächter zum Frühstück in sein schönes Häuschen eingeladen werde. Das Holz im Ofen knistert und spendet angenehme Wärme. Kontinuierliche Regenschauer veranlassen mich, den schnellstmöglichen Übergang nach Donnersbachwald (976m) zu wählen. Dieser führt mich „weglos“, den Kreuzkogel (2109m) - Südostgrat erklimmend, am Moarsee vorbei, die Einsattelung zwischen Breiteckkoppe (2144m) und Gangkogel (2060m) überquerend, durch das Alplkar ins Donnersbachtal. Ein steiles Schneefeld beim Abstieg beschert meinem notorisch unterbeschäftigten Eispickel einen Kurzeinsatz. Es folgt kilometerlanges Wandern auf Teerstraßen bis Donnersbachwald, ein sicherer Stimmungstöter, dennoch notwendig wegen des dortigen ADEG-Marktes. Das Tal ist touristisch übererschlossen, fast jedes Haus offeriert Gästezimmer, man kann Rafting und andere Abenteuerlichkeiten buchen, und im Winter herrscht reger Skibetrieb. Da angesichts der instabilen Wetterlage an eine Übernachtung im Freien nicht zu denken ist, und die Nächtigungspreise mein Budget zu sehr strapazieren würden, flüchte ich mich in einen hölzernen Heuschober, der am Talende direkt neben dem Sträßchen emporragt. Derartige Gebäude finden sich hier en masse, nur sind sie oft nicht zugänglich. In der Regel stehen sie leer, da dieses Jahr noch kein Heu eingefahren wurde.
Exakte Routenführung: Schwabergeralm (1511m) – Breiteckkoppe-S-O (2100m) – Donnersbachwald (976m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 700m; Abstieg: 1200m
Distanz: 21 km
Reale Gehzeit: 7 Std

25. Tag: Mittwoch, 2.6.04: Donnersbachwald (976m) – Neunkirchner Hütte (1535m)
Den ganzen Tag begleitet mich ein unangenehmes, kühles Schauerwetter, die Schneefallgrenze liegt bei 2000 Meter. Beim Anstieg zur Idlereckscharte (2144m) sind im letzten Abschnitt die Markierungen unter einer dicken Schneeauflage verschwunden. Der Nebel tut sein übriges, um die Orientierung zu erschweren, aber Kompass und Höhenmesser erweisen treue Dienste. Die steilen und harten Schneefelder, die zu queren sind, nötigen mich zum Gebrauch von Pickel und Steigeisen. Auf der Südseite, im Abstieg von der Scharte, haben sich die Schneemassen schon viel weiter zurück gezogen, die Neunkirchner Hütte (1535m), eine Selbstversorgerhütte, ist so relativ leicht zu erreichen. Dort haben sich schon weitere Nächtigungsgäste eingerichtet: Evelyn und Agi aus Wien verbringen mit ihren Kindern Lotte (einem süßen Säugling) und Bangaru einen ganzen Monat hier oben. Es tut gut, angenehme Gesprächspartnerinnen zu haben, und bei der Ankunft eine bestens geheizte Hütte vorzufinden.
Exakte Routenführung: Donnersbachwald (976m) – Idlereckscharte (2144m) – Neunkirchner Hütte (1535m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1130m; Abstieg: 640m
Distanz: 16 km
Reale Gehzeit: 7 Std

26. Tag: Donnerstag, 3.6.04: Neunkirchner Hütte (1535m) – Erzherzog-Johann-Hütte (1490m)
Duplizität der Ereignisse zu gestern, was das Wetter betrifft: Tief hängende Wolken, ab und an entweichen Tropfen. Ebenso, was die Orientierung und die erforderliche Ausrüstung anbelangt: Pickel und Steigeisen sind unabdingbar, die Sicht gleicht der in einer Waschküche. Die Markierungen ragen nur selten aus dem Schnee, ich komme vom rechten Weg ab und bewege mich zunächst Richtung Rocklscharte (2240m). Bald bemerke ich meinen Irrtum und folge meinen Schneespuren problemlos wieder zurück. Nach einer längeren Querung gelange ich endlich zur anvisierten Haseneckscharte (2205m), wenngleich auf Umwegen. Die Scharte ist vor Schnee und Nebel nicht zu erkennen, so dass ich stattdessen den einigermaßen begehbaren Grat erklimme und auf ihm bis zur Einsattelung absteige. Der Weg ins Tal erweist sich wie gestern als viel einfacher, wenngleich sich wahre Himmelsschleusen öffnen und mir eine kräftige Dusche verpassen. In der privaten Erzherzog-Johann-Hütte (1490m), an der Sölkpassstraße gelegen, dusche ich ein zweites Mal, diesmal mit warmem Wasser. Selbstverständlich bin ich der einzige Nächtigungsgast, der Wirt klagt über das schlechte Wetter und die ausbleibende Kundschaft.
Exakte Routenführung: Neunkirchner Hütte (1535m) – Haseneckscharte (2205m) – Erzherzog-Johann-Hütte (1490m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 800m; Abstieg: 850m
Distanz: 9 km
Reale Gehzeit: 4,5 Std

27. Tag: Freitag, 4.6.04: Erzherzog-Johann-Hütte (1490m) – Gasthof am Günsterwasserfall (1059m)
Wegen des Pisswetters und der überragenden Sicht folge ich der Teerstraße über den Sölkpass (1788m) zum Gasthof Kreutzerhütte (1376m). Der parallel zur Straße verlaufende Römerweg ist wegen der unüberwindbaren, von Schneefräsen hervorgerufenen Wächten nicht begehbar. Im Gasthof gönne ich mir ein Päuschen, bald gesellt sich eine Kolonne Straßenarbeiter in ihrer orangenen Arbeitsmontur zu mir an den Tisch. Bedient werden wir von einer jungen Slowakin, die 200 € pro Monat für ihre „geringqualifizierte“ Vollzeittätigkeit erhält, nachdem sie vorher 200 € Vermittlungsgebühr abdrücken musste. Aber 200 € sei in der Slowakei ja viel Geld, wie betont wird... Da der Wetterbericht für den Nachmittag Besserung verspricht, entschließe ich mich, den Übergang über Toreben (2174m) zur Rudolf-Schober-Hütte (1667m) zu wagen. Der dichte Nebel will sich dennoch nicht auflösen, und als plötzlich auch noch heftiger Schneeregen einsetzt, ziehe ich die Notbremse, obwohl ich mich schon auf 2100 Metern befinde: Bis zum Übergang wären noch einige Hundert Meter mit erheblichem Verirrungspotenzial zurückzulegen gewesen. Mit einem erheblichen Quantum Wut im Bauch kehre ich um, gehe die fünf Kilometer zur Kreutzerhütte zurück, und steige entlang der Teerstraße in Richtung Schöder (901m) bis Schöderberg (1200m) ab. Die Landschaft ist geprägt von weit verstreut liegenden Bauernhöfen, die zu kleinen Dörfern oder Weilern aggregiert sind. Vermehrt halte ich Ausschau nach einem Biwakplatz, ehe ich zu einem sehr urtümlichen Wirtshaus (1059m) neben dem Günsterfall, dem größten Wasserfall der Steiermark, gelange. Es ist bereits sehr spät, und ich frage nach Übernachtungsmöglichkeiten. Mir wird bedeutet, dass es hier keine Fremdenzimmer gäbe, auf mein Insistieren hin wird mir ein Schlafplatz in der Scheune angeboten, den ich allerdings mit dem Hund des Hauses zu teilen hätte. Ich sage, dies sei kein Problem für mich (innerlich wird mir angst und bange), und nehme in der Wirtsstube eine Jause zu mir, wobei ich mit dem Herrn des Hauses ins Gespräch komme. Die Unterhaltung kreist um mein Vorhaben sowie um allgemein-politische Themen, wir kommen auf die „Geißel der Arbeitslosigkeit“ zu sprechen, irgendwann fällt auch der Begriff „Ausländer“, ohne die diese Geißel nicht in dem Maße bestehen würde... Zufällig bemerke ich hinter mir an der Wand ein kleines Foto vom „Jörgl“ (Jörg Haider). Erleichtert atme ich auf, als ich erfahre, dass der Hund in der Wohnung des Sohnes und nicht bei mir übernachtet.
Exakte Routenführung: Erzherzog-Johann-Hütte (1490m) – Sölkpass (1788m) – Gasthof Kreutzerhütte (1376m) – Aufstieg Toreben P. 2150m – Gasthof Kreutzerhütte (1376m) – Gingl 1068m – Loipl 1240m - Gasthof am Günsterwasserfall (1059m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1300m; Abstieg: 1750m
Distanz: 27 km
Reale Gehzeit: 9 Std

28. Tag, Samstag, 5.6.04: Gasthof am Günsterwasserfall (1059m) – Grazer Hütte (1896m)
Ab fünf Uhr morgens kräht der Hahn in einer Lautstärke, die ein geruhsames Weiterschlafen nicht zulässt. Ich werde sehr nett behandelt und mit Frühstücksmilch sowie einem Wegzehrungs-Kuchen beschenkt. Auch der beeindruckende Günsterwasserfall will vor dem Abmarsch noch eines Blickes gewürdigt werden. Das sich anschließende endlose Teerstraßengewandere über Krakaudorf (1173m) und Krakauhintermühlen (1300m) verdunkelt meine Gemütsverfassung. Zudem quälen mich Schmerzen im rechten Fuss sowie im rechten Knöchel, wahrscheinlich Folgen des gestrigen Gewaltmarsches. Erst das Eintauchen in den Nadelwald in Richtung Grazer Hütte (1896m) sorgt für Linderung. Die Hütte ist vergleichsweise klein und gemütlich, die Saison hat gerade erst begonnen, ich bin der einzige Gast. Der Wirt erzählt, dass die Hütte wegen des kurzen Zustiegs vor allem von Tagesgästen frequentiert werde. Er bewirtet sie mit seiner Familie seit 15 Jahren und betont, er habe es nur einmal, nämlich 1991, erlebt, dass um diese Jahreszeit so viel Altschnee gelegen habe und die Vegetation so weit zurückgeblieben sei.
Exakte Routenführung: Gasthof am Günsterwasserfall (1059m) – Krakaudorf (1173m) – Grazer Hütte (1896m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 930m; Abstieg: 100m
Distanz: 15 km
Reale Gehzeit: 5 Std

29. Tag: Sonntag, 6.6.04: Grazer Hütte (1896m) – Tamsweg (1020m)
Zwecks der ausreichenden Akkumulation von Vorräten für die nächsten Tage steige ich nach Tamsweg (1020m) ab. Gegen einen Bustransfer vom Prebersee (1514m) aus hätte ich nichts einzuwenden, doch leider sind weder Fahrplan noch Bus zu entdecken, so dass ich die neun Kilometer zu Fuss absolviere. Als kleine Entschädigung für die Mühen gelingt es mir, im Ort per Telefon und Internet mit netten Menschen zu kommunizieren, und auch die Unterkunft stellt einigermaßen zufrieden. Für 22 € (es ist noch Vorsaison, ich bin der einzige Gast) quartiere ich mich in einer Pension ein.
Exakte Routenführung: Grazer Hütte (1896m) – Prebersee (1514m) – Tamsweg (1020m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 0m; Abstieg: 900m;
Distanz: 12 km
Reale Gehzeit: 4 Std

30. Tag: Montag, 7.6.04: Tamsweg (1020m) – Lenzenalm (1253m)
Den Vormittag nutze ich für diverse Besorgungen, z.B. möchte ein Paket mit nicht mehr benötigten Landkarten in die Heimat zurück geschickt werden. Um 14 Uhr ergattere ich einen Sitzplatz in einem Kleinbus, der SchülerInnen und mich nach Lessach (1198m) transportiert. Diese erneute Übertretung meines ehernen Prinzips, nur meiner eigenen Füße Kraft zu vertrauen, ist insofern zu rechtfertigen, als ich den Umweg nach Tamsweg lediglich einlegen musste, um mich mit Lebensmitteln zu versorgen. Von Lessach aus marschiere ich nur mehr eine Stunde, um an mein Etappenziel, die Lenzenalm (1253m), zu gelangen. Dort erwartet mich sehnsüchtig das erste vor der Reise versendete Päckchen mit Landkarten für die nächsten Etappen. Als Dank für die Aufbewahrung konsumiere ich reichlich. Die Nacht über bewache ich die Hütte, die beiden Wirtinnen sind nach Hause gefahren. Mittlerweile habe ich die Steiermark hinter mir gelassen und durchquere das österreichische Bundesland Salzburg.
Exakte Routenführung: Tamsweg (1020m) – mit Bus bis Lessach (1198m) – Lenzenalm (1253m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 100m; Abstieg: 0m
Distanz: 5 km zu Fuss
Reale Gehzeit: 1,25 Std

Das Frühstück im Gasthaus fällt sehr reichhaltig aus, zusätzlich erwerbe ich stattliche Mengen an Wurst, Käse und Brot als Wegzehrung, da ich Hohentauern erst nach Geschäftsschluss erreichen werde. Regen und Schneeflocken haben sich verflüchtigt, der sanfte Aufstieg zum Bärensulsattel (1794m) weist wie die Etappe insgesamt eher den Charakter eines Spaziergangs auf. Am Rande eines geteerten Fahrwegs durchschreite ich zunächst das Hintertriebental, dann das Vordertriebental, ehe ich kurz bis Hohentauern (1274m) ansteige. Von hier fehlen noch ca. 400 Höhenmeter zur Edelrautehütte (1706m), die direkt per Straße zu erreichen ist, was den Charakter der Hütte maßgeblich prägt. Sie ist gut gefüllt, u.a. von Harley-Davidson-Fans auf ihren schweren Maschinen, die sich über meine Weigerung mokieren, von meiner wohlverdienten Milch Abstand zu nehmen und mich Hochprozentigerem zuzuwenden. Nicht besonders gentlemanlike verursachen sie spätabends einen Höllenlärm, um 22 Uhr ist an die gewohnte Hüttenruhe noch lange nicht zu denken...
Exakte Routenführung: Gasthof Beisteiner (1220m) – Bärensulsattel (1794m) – Wirtshaus Brodjäger (1026m) – Hohentauern (1274m) – Edelrautehütte (1704m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1300m; Abstieg: 800m
Distanz: 23 km
Reale Gehzeit: 7 Std

22. Tag: Sonntag, 30.5.04: Edelrautehütte (1706m) - Neualm (1474m)
Der Pfingstsonntag wartet dieses Jahr mit prächtigem Wetter auf. Mein Weg führt mich zunächst auf den Gipfel des Großen Hengstes (2159m), dann über den schneebedeckten Verbindungsgrat auf den Kleinen Bösenstein (2395m), den bisher höchsten Punkt meiner Unternehmung. Fast alle anderen GipfelstürmerInnen sind noch mit Skiern unterwegs, was mir, knietief im Schnee versinkend, hämische Bemerkungen einbringt, welche ich mit stoischem Lächeln quittiere. Zur Strafe beschließe ich, sie über den Charakter meiner Tour im Unklaren zu lassen. Nach dem Abstieg zum Perwurzpolster (1814m) überschreite ich den Zinkenkogel (2233m) und verlasse am Punkt 1854 Meter den Grat, um mich auf der Suche nach einem Schlafplatz etwas talabwärts zu orientieren. Bald werde ich fündig: In der Nähe der Neualm (1474m) biwakiere ich im Freien neben einer etwas gammligen, offenen Scheune, die mir im Falle schlechten Wetters als Unterschlupf dienen könnte.
Exakte Routenführung: Edelrautehütte (1706m) – Kleiner Bösenstein (2395m) – Perwurzpolster (1814m) – Zinkenkogel (2233m) – Neualm (1474m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1150m; Abstieg: 1370m
Distanz: 12 km
Reale Gehzeit: 6,5 Std

23. Tag: Montag, 31.5.04: Neualm (1474m) – Schwabergeralm (1511m)
Trotz trockener Nacht hat der morgendliche Tau meinen Schlafsack befeuchtet. Er zwingt mich, auf die Sonne zu warten, um den Schlafsack seiner Feuchtigkeit zu berauben. Unter dem Eindruck des gestrigen Tiefschnee-Watens entschließe ich mich, heute den Grat zu meiden und zunächst das Authal entlang nach Bretstein-Gassen (1048m) zu wandern, wo die ehemaligen Dorfschänken einem langsamen Verfall preisgegeben sind. Hier biege ich in das nächste Tal, den Bretsteingraben, ein, dem ich bis zur Schwabergeralm (1511m) folge. Unterwegs fällt ein neu errichteter Gedenkstein ins Auge, der an das zwischen 1941 und 1943 an diesem Ort befindliche Nebenlager des KZ Mauthausen erinnert. Damals waren hier ca. 80 republikanische Spanier und Zeugen Jehovas inhaftiert, die eine Straße in den Bretsteingraben bauen sowie in der Landwirtschaft arbeiten mussten. Die SS betrieb auf drei Bergbauernhöfen, die dem SS-eigenen Wirtschaftsbetrieb „Deutsche Versuchsanstalt für Ernährung und Verpflegung GmbH“ angegliedert waren, eine Schaf- und Pferdezucht.
Die Schwabergerhütte (1511m) ist noch geschlossen ist, ich muss mir ein anderes Quartier suchen. Der Jagdpächter, der im Jagdhaus neben der Hütte logiert, verhält sich zunächst etwas knurrig („Biwak ist hier verboten!“), dann weist er mir doch ein äußerst bequemes Nachtquartier unter dem Dach einer Scheune im Heu zu. Dieses Dach erweist sich als bitter nötig: Kurze Zeit später bricht ein heftiges Gewitter los...
Exakte Routenführung: Neualm (1474m) – Bretstein-Gassen (1048m) – Schwabergeralm (1511m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 500m; Abstieg: 450m
Distanz: 19 km
Reale Gehzeit: 5,5 Std

24. Tag: Dienstag, 1.6.04: Schwabergeralm (1511m) – Donnersbachwald (976m)
Der erste Reiz, der heute meine Wahrnehmungsfilter passiert, ist ein akustischer: Das Geräusch dicker Regentropfen, die aufs Dach prasseln. Meine Laune bessert sich, als ich vom Jagdpächter zum Frühstück in sein schönes Häuschen eingeladen werde. Das Holz im Ofen knistert und spendet angenehme Wärme. Kontinuierliche Regenschauer veranlassen mich, den schnellstmöglichen Übergang nach Donnersbachwald (976m) zu wählen. Dieser führt mich „weglos“, den Kreuzkogel (2109m) - Südostgrat erklimmend, am Moarsee vorbei, die Einsattelung zwischen Breiteckkoppe (2144m) und Gangkogel (2060m) überquerend, durch das Alplkar ins Donnersbachtal. Ein steiles Schneefeld beim Abstieg beschert meinem notorisch unterbeschäftigten Eispickel einen Kurzeinsatz. Es folgt kilometerlanges Wandern auf Teerstraßen bis Donnersbachwald, ein sicherer Stimmungstöter, dennoch notwendig wegen des dortigen ADEG-Marktes. Das Tal ist touristisch übererschlossen, fast jedes Haus offeriert Gästezimmer, man kann Rafting und andere Abenteuerlichkeiten buchen, und im Winter herrscht reger Skibetrieb. Da angesichts der instabilen Wetterlage an eine Übernachtung im Freien nicht zu denken ist, und die Nächtigungspreise mein Budget zu sehr strapazieren würden, flüchte ich mich in einen hölzernen Heuschober, der am Talende direkt neben dem Sträßchen emporragt. Derartige Gebäude finden sich hier en masse, nur sind sie oft nicht zugänglich. In der Regel stehen sie leer, da dieses Jahr noch kein Heu eingefahren wurde.
Exakte Routenführung: Schwabergeralm (1511m) – Breiteckkoppe-S-O (2100m) – Donnersbachwald (976m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 700m; Abstieg: 1200m
Distanz: 21 km
Reale Gehzeit: 7 Std

25. Tag: Mittwoch, 2.6.04: Donnersbachwald (976m) – Neunkirchner Hütte (1535m)
Den ganzen Tag begleitet mich ein unangenehmes, kühles Schauerwetter, die Schneefallgrenze liegt bei 2000 Meter. Beim Anstieg zur Idlereckscharte (2144m) sind im letzten Abschnitt die Markierungen unter einer dicken Schneeauflage verschwunden. Der Nebel tut sein übriges, um die Orientierung zu erschweren, aber Kompass und Höhenmesser erweisen treue Dienste. Die steilen und harten Schneefelder, die zu queren sind, nötigen mich zum Gebrauch von Pickel und Steigeisen. Auf der Südseite, im Abstieg von der Scharte, haben sich die Schneemassen schon viel weiter zurück gezogen, die Neunkirchner Hütte (1535m), eine Selbstversorgerhütte, ist so relativ leicht zu erreichen. Dort haben sich schon weitere Nächtigungsgäste eingerichtet: Evelyn und Agi aus Wien verbringen mit ihren Kindern Lotte (einem süßen Säugling) und Bangaru einen ganzen Monat hier oben. Es tut gut, angenehme Gesprächspartnerinnen zu haben, und bei der Ankunft eine bestens geheizte Hütte vorzufinden.
Exakte Routenführung: Donnersbachwald (976m) – Idlereckscharte (2144m) – Neunkirchner Hütte (1535m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1130m; Abstieg: 640m
Distanz: 16 km
Reale Gehzeit: 7 Std

26. Tag: Donnerstag, 3.6.04: Neunkirchner Hütte (1535m) – Erzherzog-Johann-Hütte (1490m)
Duplizität der Ereignisse zu gestern, was das Wetter betrifft: Tief hängende Wolken, ab und an entweichen Tropfen. Ebenso, was die Orientierung und die erforderliche Ausrüstung anbelangt: Pickel und Steigeisen sind unabdingbar, die Sicht gleicht der in einer Waschküche. Die Markierungen ragen nur selten aus dem Schnee, ich komme vom rechten Weg ab und bewege mich zunächst Richtung Rocklscharte (2240m). Bald bemerke ich meinen Irrtum und folge meinen Schneespuren problemlos wieder zurück. Nach einer längeren Querung gelange ich endlich zur anvisierten Haseneckscharte (2205m), wenngleich auf Umwegen. Die Scharte ist vor Schnee und Nebel nicht zu erkennen, so dass ich stattdessen den einigermaßen begehbaren Grat erklimme und auf ihm bis zur Einsattelung absteige. Der Weg ins Tal erweist sich wie gestern als viel einfacher, wenngleich sich wahre Himmelsschleusen öffnen und mir eine kräftige Dusche verpassen. In der privaten Erzherzog-Johann-Hütte (1490m), an der Sölkpassstraße gelegen, dusche ich ein zweites Mal, diesmal mit warmem Wasser. Selbstverständlich bin ich der einzige Nächtigungsgast, der Wirt klagt über das schlechte Wetter und die ausbleibende Kundschaft.
Exakte Routenführung: Neunkirchner Hütte (1535m) – Haseneckscharte (2205m) – Erzherzog-Johann-Hütte (1490m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 800m; Abstieg: 850m
Distanz: 9 km
Reale Gehzeit: 4,5 Std

27. Tag: Freitag, 4.6.04: Erzherzog-Johann-Hütte (1490m) – Gasthof am Günsterwasserfall (1059m)
Wegen des Pisswetters und der überragenden Sicht folge ich der Teerstraße über den Sölkpass (1788m) zum Gasthof Kreutzerhütte (1376m). Der parallel zur Straße verlaufende Römerweg ist wegen der unüberwindbaren, von Schneefräsen hervorgerufenen Wächten nicht begehbar. Im Gasthof gönne ich mir ein Päuschen, bald gesellt sich eine Kolonne Straßenarbeiter in ihrer orangenen Arbeitsmontur zu mir an den Tisch. Bedient werden wir von einer jungen Slowakin, die 200 € pro Monat für ihre „geringqualifizierte“ Vollzeittätigkeit erhält, nachdem sie vorher 200 € Vermittlungsgebühr abdrücken musste. Aber 200 € sei in der Slowakei ja viel Geld, wie betont wird... Da der Wetterbericht für den Nachmittag Besserung verspricht, entschließe ich mich, den Übergang über Toreben (2174m) zur Rudolf-Schober-Hütte (1667m) zu wagen. Der dichte Nebel will sich dennoch nicht auflösen, und als plötzlich auch noch heftiger Schneeregen einsetzt, ziehe ich die Notbremse, obwohl ich mich schon auf 2100 Metern befinde: Bis zum Übergang wären noch einige Hundert Meter mit erheblichem Verirrungspotenzial zurückzulegen gewesen. Mit einem erheblichen Quantum Wut im Bauch kehre ich um, gehe die fünf Kilometer zur Kreutzerhütte zurück, und steige entlang der Teerstraße in Richtung Schöder (901m) bis Schöderberg (1200m) ab. Die Landschaft ist geprägt von weit verstreut liegenden Bauernhöfen, die zu kleinen Dörfern oder Weilern aggregiert sind. Vermehrt halte ich Ausschau nach einem Biwakplatz, ehe ich zu einem sehr urtümlichen Wirtshaus (1059m) neben dem Günsterfall, dem größten Wasserfall der Steiermark, gelange. Es ist bereits sehr spät, und ich frage nach Übernachtungsmöglichkeiten. Mir wird bedeutet, dass es hier keine Fremdenzimmer gäbe, auf mein Insistieren hin wird mir ein Schlafplatz in der Scheune angeboten, den ich allerdings mit dem Hund des Hauses zu teilen hätte. Ich sage, dies sei kein Problem für mich (innerlich wird mir angst und bange), und nehme in der Wirtsstube eine Jause zu mir, wobei ich mit dem Herrn des Hauses ins Gespräch komme. Die Unterhaltung kreist um mein Vorhaben sowie um allgemein-politische Themen, wir kommen auf die „Geißel der Arbeitslosigkeit“ zu sprechen, irgendwann fällt auch der Begriff „Ausländer“, ohne die diese Geißel nicht in dem Maße bestehen würde... Zufällig bemerke ich hinter mir an der Wand ein kleines Foto vom „Jörgl“ (Jörg Haider). Erleichtert atme ich auf, als ich erfahre, dass der Hund in der Wohnung des Sohnes und nicht bei mir übernachtet.
Exakte Routenführung: Erzherzog-Johann-Hütte (1490m) – Sölkpass (1788m) – Gasthof Kreutzerhütte (1376m) – Aufstieg Toreben P. 2150m – Gasthof Kreutzerhütte (1376m) – Gingl 1068m – Loipl 1240m - Gasthof am Günsterwasserfall (1059m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1300m; Abstieg: 1750m
Distanz: 27 km
Reale Gehzeit: 9 Std

28. Tag, Samstag, 5.6.04: Gasthof am Günsterwasserfall (1059m) – Grazer Hütte (1896m)
Ab fünf Uhr morgens kräht der Hahn in einer Lautstärke, die ein geruhsames Weiterschlafen nicht zulässt. Ich werde sehr nett behandelt und mit Frühstücksmilch sowie einem Wegzehrungs-Kuchen beschenkt. Auch der beeindruckende Günsterwasserfall will vor dem Abmarsch noch eines Blickes gewürdigt werden. Das sich anschließende endlose Teerstraßengewandere über Krakaudorf (1173m) und Krakauhintermühlen (1300m) verdunkelt meine Gemütsverfassung. Zudem quälen mich Schmerzen im rechten Fuss sowie im rechten Knöchel, wahrscheinlich Folgen des gestrigen Gewaltmarsches. Erst das Eintauchen in den Nadelwald in Richtung Grazer Hütte (1896m) sorgt für Linderung. Die Hütte ist vergleichsweise klein und gemütlich, die Saison hat gerade erst begonnen, ich bin der einzige Gast. Der Wirt erzählt, dass die Hütte wegen des kurzen Zustiegs vor allem von Tagesgästen frequentiert werde. Er bewirtet sie mit seiner Familie seit 15 Jahren und betont, er habe es nur einmal, nämlich 1991, erlebt, dass um diese Jahreszeit so viel Altschnee gelegen habe und die Vegetation so weit zurückgeblieben sei.
Exakte Routenführung: Gasthof am Günsterwasserfall (1059m) – Krakaudorf (1173m) – Grazer Hütte (1896m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 930m; Abstieg: 100m
Distanz: 15 km
Reale Gehzeit: 5 Std

29. Tag: Sonntag, 6.6.04: Grazer Hütte (1896m) – Tamsweg (1020m)
Zwecks der ausreichenden Akkumulation von Vorräten für die nächsten Tage steige ich nach Tamsweg (1020m) ab. Gegen einen Bustransfer vom Prebersee (1514m) aus hätte ich nichts einzuwenden, doch leider sind weder Fahrplan noch Bus zu entdecken, so dass ich die neun Kilometer zu Fuss absolviere. Als kleine Entschädigung für die Mühen gelingt es mir, im Ort per Telefon und Internet mit netten Menschen zu kommunizieren, und auch die Unterkunft stellt einigermaßen zufrieden. Für 22 € (es ist noch Vorsaison, ich bin der einzige Gast) quartiere ich mich in einer Pension ein.
Exakte Routenführung: Grazer Hütte (1896m) – Prebersee (1514m) – Tamsweg (1020m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 0m; Abstieg: 900m;
Distanz: 12 km
Reale Gehzeit: 4 Std

30. Tag: Montag, 7.6.04: Tamsweg (1020m) – Lenzenalm (1253m)
Den Vormittag nutze ich für diverse Besorgungen, z.B. möchte ein Paket mit nicht mehr benötigten Landkarten in die Heimat zurück geschickt werden. Um 14 Uhr ergattere ich einen Sitzplatz in einem Kleinbus, der SchülerInnen und mich nach Lessach (1198m) transportiert. Diese erneute Übertretung meines ehernen Prinzips, nur meiner eigenen Füße Kraft zu vertrauen, ist insofern zu rechtfertigen, als ich den Umweg nach Tamsweg lediglich einlegen musste, um mich mit Lebensmitteln zu versorgen. Von Lessach aus marschiere ich nur mehr eine Stunde, um an mein Etappenziel, die Lenzenalm (1253m), zu gelangen. Dort erwartet mich sehnsüchtig das erste vor der Reise versendete Päckchen mit Landkarten für die nächsten Etappen. Als Dank für die Aufbewahrung konsumiere ich reichlich. Die Nacht über bewache ich die Hütte, die beiden Wirtinnen sind nach Hause gefahren. Mittlerweile habe ich die Steiermark hinter mir gelassen und durchquere das österreichische Bundesland Salzburg.
Exakte Routenführung: Tamsweg (1020m) – mit Bus bis Lessach (1198m) – Lenzenalm (1253m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 100m; Abstieg: 0m
Distanz: 5 km zu Fuss
Reale Gehzeit: 1,25 Std

Almoehi - 17. Nov, 19:01

