Etappe 41-50
41. Tag: Freitag, 18.6.04: Gmünder Hütte (1185m) – Osnabrücker Hütte (2040m)
Bis zum Fuße der mit 200 Metern Höhe gewaltigsten Staumauer Österreichs am Kölbreinspeicher (1890m) folge ich einem Pfad, der die lästige, trotz Mautpflicht vielbefahrene Maltatal-Hochalpenstraße meidet. Um zur Osnabrücker Hütte (2040m) zu gelangen, muss der sieben Kilometer lange, nur mäßig gefüllte Stausee umrundet werden. Ich begegne einem motorisierten Almbauern auf der Suche nach seinen Ziegen, die er schließlich per Feldstecher weit entfernt ortet. Er erzählt mir, dass sich das Weideland hier oben im Gemeinschaftsbesitz von 13 Bauern befinde. Im Winterraum der Hütte bin ich verblüffenderweise nicht der einzige Gast, ein Mitglied der Sektion Osnabrück hat sich bereits einquartiert. Er ist Biologe und beobachtet einen seltenen Vogel, der sich bevorzugt in hochalpinem Terrain aufhält. Da sich damit kein Lebensunterhalt bestreiten lässt, verfasst er außerdem Gutachten für Offshore-Windanlagen.
Exakte Routenführung: Gmünder Hütte (1185m) – Sporthotel Maltatal (1931m) – Osnabrücker Hütte (2040m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 900m; Abstieg: 50m
Distanz: 16 km
Reale Gehzeit: 5 Std

42. Tag: Samstag, 19.6.04: Osnabrücker Hütte (2040m) – Mallnitz (1190m)
Da sich das Wetter im Laufe des Tages massiv verschlechtern soll, erhebe ich mich bereits um vier Uhr aus meinem Lager. Anders als von den Wirtsleuten der Gmünder Hütte prophezeit, stellt die Überquerung der Großelendscharte (mit 2675 Metern mein bisheriger Scheitelpunkt) kein Problem dar, sieht man vom knietiefen Einsinken in den weichen Schnee ab.

Unterwegs auf dem Goslarer Weg Richtung Hannoverhaus (2721m) gestaltet sich die Wegfindung angesichts der geschlossenen Schneedecke und des einsetzenden Nebels immer problematischer. Ich verzichte auf die geplanten Abstecher zu Ankogel (3250m) und Hannoverhaus und steige schnellstmöglich, mich in der Nebelsuppe an den Masten und Seilen der Ankogelbahn orientierend, auf Skipisten nach Mallnitz (1190m) ab. Durch den Ort laufend werde ich von einem Mann angesprochen, der sich als neuer Geschäftsführer des etwas heruntergekommenen Hotels „Bichlhof“ entpuppt und mir, wohl aus Mitleid ob meiner zerschlissenen Erscheinung, anbietet, für zehn Euro pro Nacht in einer seiner Personalunterkünfte zu logieren, nicht ohne mich vorher zu einer Dusche aufzufordern („Sie stinken wie ein Bock“ sind seine Worte, wenig verwunderlich angesichts der Waschmöglichkeiten in Winterräumen). Seine Offerte sagt mir zu, zumal inzwischen der angekündigte Starkregen eingesetzt hat. Abends komme ich in den Genuss der beiden EM-Spiele Deutschland – Lettland (0:0) sowie Tschechien – Holland (3:2).
Exakte Routenführung: Osnabrücker Hütte (2040m) – Großelendscharte (2675m) – P. 2467m – P. 2600m – Mallnitz (1190m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 900m; Abstieg: 1750m
Distanz: 21 km
Reale Gehzeit: 7,5 Std

43. Tag: Sonntag, 20.6.04: Mallnitz (1190m)
Die ganze Nacht tobte heftiger Regen, der sich den ganzen Tag fortsetzt. Erst gegen 16 Uhr ist der Spuk vorbei, nach 22 Stunden Dauerregens. In höheren Lagen glänzt das Weiß des Neuschnees. Ob dieser unerfreulichen Tatsachen lege ich einen Ruhetag ein und verbringe eine weitere Nacht im Bichlhof. Ein nachmittäglicher Spaziergang führt mich zum „Sicherheitstag“ der Feuerwehr sowie zum Bahnhof, in den just der Intercity „Bundessozialamt“ (!) einfährt. Weitere Züge wurden auf Namen wie „Creative Beratung“ oder „Für ein soziales Land“ getauft...
Exakte Routenführung: Ruhetag
Höhenunterschied: Aufstieg: 0m; Abstieg: 0m
Distanz: 0 km
Reale Gehzeit: 0 Std

44. Tag: Montag, 21.6.04: Mallnitz (1190m) – Hagener Hütte (2446m)
Bei vier Stunden Gehzeit halten sich die körperlichen Anstrengungen heute in Grenzen. Der blaue Morgenhimmel weicht bald ungemütlichen Regen- und Schneeschauern. Gegen Mittag passiere ich die private Jamnighütte (1748m), von der aus unschwierig ein breiter Pfad zur Hagener Hütte (2446m) führt, die einige Meter unterhalb des Grates erbaut wurde. In ihrem Winterraum finde ich Unterschlupf, ich bleibe der einzige Gast. Im Umkreis der Hütte hat sich eine erkleckliche Menge an Neuschnee angesammelt. Der Winterraum verfügt zwar über einen Ofen, es sind aber nur mehr letzte Reste an Brennholz in Form sehr dicker Scheite vorhanden, ein Beil zum Zerkleinern entdecke ich nirgends. Trotzdem gelingt es mir, mit viel Papier und Geduld ein Feuer zu entfachen. Mangels Wasser schmelze ich Schnee und koche aus erlesenen Zutaten (umherliegende Essensreste) im einzigen vorhandenen Riesenkochtopf ein mangelhaft schmeckendes Nudelsuppen-Kartoffelpüree-Gericht.
Exakte Routenführung: Mallnitz (1190m) – Jamnighütte (1748m) – Hagener Hütte (2446m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1250m; Abstieg: 0m
Distanz: 12 km
Reale Gehzeit: 4 Std

45. Tag: Dienstag, 22.6.04: Hagener Hütte (2446m) – Naturfreundehaus Neubau (2175m)
Um halb Sechs reißt mich der Wecker aus dem Schlaf. Für ein ausgiebiges Frühstück ist es zu kalt, ich nehme es erst nach dem Abstieg in Sportgastein (1585m), einem Wintersportzentrum in der Kernzone des Nationalparks Hohe Tauern, zu mir. Aus der Ferne grüßt bereits das Niedersachsenhaus (2471m) an der Riffelscharte, nach zweieinhalb Stunden bin ich dort angelangt.
Ein neugieriger Blick in den Winterraum fördert ausreichend Brennholz zu Tage. Zum Naturfreundehaus Neubau (2175m) führt ein Steig, der die steilen Nordausläufer von Neunerkogel (2823m) und Herzog-Ernst-Spitze (2933m) quert. Wegen Steinschlag- und Lawinengefahr (einige haben sich bereits gelöst) quere ich mit Hilfe von Pickel und Steigeisen 150 Meter tiefer und nehme den entsprechenden Gegenanstieg in Kauf. Die Wirtsleute sind sehr nett, der Wirt sehr gesprächig, ich bin der einzige Besucher. Die Übernachtung ist, nicht unüblich für ein Naturfreundehaus, nur im Paket mit dem Frühstück erhältlich. Zum Abschied wird mir ein kleines Präsent überreicht: Eine Schirmmütze, verziert mit Namen und Logo der Hütte.
Exakte Routenführung: Hagener Hütte (2446m) – Sportgastein (1585m) – Niedersachsenhaus (2471m) – Punkt 2000m – Naturfreundehaus Neubau (2175m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1050m; Abstieg: 1300m
Distanz: 16 km
Reale Gehzeit: 5,5 Std

46. Tag: Mittwoch, 23.6.04: Naturfreundehaus Neubau (2175m) – Zittelhaus (3105m)
Zwar umfasst die Etappe „nur“ den Aufstieg zum Zittelhaus (3105m) auf dem Gipfel des Hohen Sonnblick, die schwierigen Bedingungen machen daraus jedoch ein anspruchsvolles Unterfangen. Damit ist nicht auf das Wetter angespielt, die Sonne tut ihr Bestes und lacht vom Himmel. In knapp zwei Stunden gelange ich zur winzigen Rojacherhütte (2718m), wo noch tiefster Winter herrscht.

Von hier schweift der Blick zu den Skipisten unterhalb des Scharecks (3122m), die Saison scheint in vollem Gange.

Die letzten 400 Höhenmeter zum Gipfel führen über den Südostgrat, den ich mühevoll mit Pickel und Steigeisen erklimme. Weniger die Trittbügel und –stifte oder die ausgesetzten Passagen verursachen Probleme, sondern die Konsistenz des (Tief)Schnees: Zum Teil bringt er meine gesamten Beine zum Verschwinden, ich muss mich robbend Zentimeter für Zentimeter vorwärts kämpfen. Davon ausgemergelt mag sich angesichts der erstmaligen Überwindung der 3000 Meter-Marke kaum ein Glücksgefühl einstellen.

Ich klopfe an der ständig besetzten Wetterstation und bekomme den Schlüssel zum Winterraum mit dem Hinweis ausgehändigt wird, dass es zwar keinen Ofen gebe, dass aber die direkt anliegende Elektrotrafostation angenehme Wärme spende. Davon kann nicht die Rede sein, wie ich kurze Zeit später feststelle, aber wenigstens gibt es elektrisches Licht. Am Nachmittag kommt ein Pärchen aus Richtung Heiligenblut (1288m) hoch gestiefelt, sie steigen nach kurzem Aufenthalt wieder ab. Die von meiner Knie-Orthese (ein Stützapparat, der die durch einen Kreuzbandschaden verursachten Instabilitäten kompensieren soll) verursachte Reibungswunde unter meinem rechten Knie verursacht nicht unerhebliche Schmerzen, der applizierte Hirschtalg lindert sie etwas. Zu Abend esse ich kalte Bohnensuppe aus einer Dose, die ein Vorgänger hinterlassen hat. Es ist bitterkalt, die Investition in meinen Daunenschlafsack zahlt sich aus...
Exakte Routenführung: Naturfreundehaus Neubau (2175m) – Rojacherhütte (2718m) – Zittelhaus (3105m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 940m; Abstieg: 0m
Distanz: 6 km
Reale Gehzeit: 4,75 Std

47. Tag: Donnerstag, 24.6.04: Zittelhaus (3105m) – Glorer Hütte (2651m)
Eine Mammutetappe steht auf dem Plan: Um Viertel nach Sechs verlasse ich meine Unterkunft. Nach einigen Metern werde ich von einem Regenschauer überrascht, dem letzten für heute. Die Spuren der beiden Nachmittagsgipfelstürmer von gestern geleiten mich sicher über das kleine Fleißkees (das bizarrerweise größer als das große Fleißkees ist (!)). Nach etwas mehr als vier Stunden unschwierigen Weges gelange ich nach Heiligenblut (1288m) und fülle meine Vorräte auf. Der Weg zur Glorer Hütte (2651m) weist ebensowenig technische Raffinessen auf. Nur an einer Stelle wird es wirklich knifflig: Das Überqueren des Leiterbaches ist an der vorgesehenen Stelle wegen der Wassermassen und des fortgespülten Steges schlechterdings unmöglich. Nach längerem Suchen gelingt es mir einige hundert Meter versetzt unter großen Mühen, nasse Füße waren eigentlich schon einkalkuliert. Unterwegs treffe ich so gut wie keine Menschenseele, lediglich einen Hirten, der seit Stunden auf den Versorgungshubschrauber wartet. Dieser kann wegen tiefhängender Wolken nicht starten. An der Hütte erlebe ich eine angenehme Überraschung, mental hatte ich mich auf eine weitere Nacht in einem kalten Winterraum eingestellt. Doch das Schutzhaus ist heute den ersten Tag geöffnet, angenehme Wärme durchflutet die Gaststube!
Exakte Routenführung: Zittelhaus (3105m) – Heiligenblut (1288m) – Glorer Hütte (2651m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1480m; Abstieg: 1930m
Distanz: 29 km
Reale Gehzeit: 9,5 Std

48. Tag: Freitag, 25.6.04: Glorer Hütte (2651m) – Kalser Tauernhaus (1755m)
Um halb Fünf prasseln Schnee- und Graupelschauer gegen die Fensterscheiben. Ich ziehe die Konsequenzen und breche erst gegen neun Uhr auf. Nach einer kräftigen Schneeregendusche hat der Wettergott ein Einsehen. Der Abstieg nach Kals (1325m) verläuft größtenteils über sanfte Almböden, verziert von etlichen Altschneefelder. Der Ort selbst ist ein winziger Flecken, ein zersiedeltes Dorf mit Bergführerbüro und Touristen-Information. Eine kundige Dame versichert mir, dass nun sämtliche Hütten geöffnet seien. Mit einem kräftigen Durchatmen beende ich die Ära eisig kalter Winterräume fürs erste. Heute verweile ich nur kurz in Kals, aber in exakt zwei Wochen werde ich zurück sein, um zusammen mit meinem Vater dem höchsten Berg Österreichs zu Leibe zu rücken. Zum Kalser Tauernhaus (1755m) folge ich einem der von mir ungeliebten, weil ganz und gar nicht alpinen Fahrwege. Anfangs, als das Dorfertal noch sehr schmal ist, entschädigen atemberaubende Blicke in die Tiefe.

Eine Tafel erinnert an den erfolgreichen Widerstand gegen einen Staudamm, der das gesamte Tal überflutet hätte. Wiederum scheine ich der einzige Gast zu sein, als mit dem Einbruch der Dunkelheit zwei Mountainbiker eintreffen, die die Alpen von Norden nach Süden überqueren. Heute, so berichten sie, haben sie abenteuerliches erlebt: Mit dem Fahrrad auf der Schulter haben sie Schneefelder gequert und sich im Schneesturm verirrt. Die beiden stammen aus meinem Heimatlandkreis Tirschenreuth, ihr Dialekt ist nicht zu verkennen...
Exakte Routenführung: Glorer Hütte (2651m) – Lucknerhaus (1918m) – Kals (1325m) – Kalser Tauernhaus (1755m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 430m; Abstieg: 1150m
Distanz: 19 km
Reale Gehzeit: 4,75 Std

49. Tag: Samstag, 26.6.04: Kalser Tauernhaus (1755m) – Sudetendeutsche Hütte (2656m)
Vier Stunden benötige ich zu meinem Zielpunkt, der Sudetendeutschen Hütte (2656m). Wegen der vielen Schneefelder erweist sich die Strecke als nicht unproblematisch, obwohl Sonne und Großglockner (3798m) aus der Ferne grüßen.

Der Abstieg vom Punkt 2826 Meter zur Hütte beinhaltet die heikelsten Passagen: Unter dem Schnee sind große Felsbrocken verborgen, die mich zum Teil gar nicht, zum Teil mein ganzes Bein versinken lassen. Ich kann mich nur mit höchster Vorsicht im Schneckentempo voran bewegen, um ein Verdrehen des Beins oder gar schlimmeres zu vermeiden. Trotz des Wochenendes und des herrlichen Wetters bin ich der einzige Hüttenbesucher, die Schneemassen schrecken zu sehr ab. Der Wirt berichtet mir, dass ich der erste in diesem Jahr gewesen sei, der den Übergang in Angriff genommen habe.
Exakte Routenführung: Kalser Tauernhaus (1755m) – P. 2826m – Sudetendeutsche Hütte (2656m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1100m; Abstieg: 205m
Distanz: 7 km
Reale Gehzeit: 4 Std

50. Tag: Sonntag, 27.6.04: Sudetendeutsche Hütte (2656m) - Venedigerhaus Innergschlöss (1691m)
Nach Rücksprache mit dem Hüttenwirt verzichte ich auf den Weg über die mit Altschnee reichlich gefüllte Nussingscharte (2741m) und wähle die apere Variante über die Steiner-Alm (1909m) und die (besonders von MotorradfahrerInnen) vielbefahrene Felbertauernstraße (1267m). Den Rest des Tages spaziere ich gemütlich das Tauerntal entlang.

Am Zielpunkt, dem Venedigerhaus (1691m), wimmelt es von Menschen, vor allem ältere Damen und Herren, viele per Pferdekutsche angereist, genießen die Aussicht und das schöne Wetter. Die Wirtin händigt mir das nächste Kartenpaket aus, ich danke mit reichlichem Konsum...
Exakte Routenführung: Sudetendeutsche Hütte (2656m) – Felbertauernstraße (1267m) Venedigerhaus Innergschlöss (1691m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 500m; Abstieg: 1500m
Distanz: 19 km
Reale Gehzeit: 6,5 Std

Bis zum Fuße der mit 200 Metern Höhe gewaltigsten Staumauer Österreichs am Kölbreinspeicher (1890m) folge ich einem Pfad, der die lästige, trotz Mautpflicht vielbefahrene Maltatal-Hochalpenstraße meidet. Um zur Osnabrücker Hütte (2040m) zu gelangen, muss der sieben Kilometer lange, nur mäßig gefüllte Stausee umrundet werden. Ich begegne einem motorisierten Almbauern auf der Suche nach seinen Ziegen, die er schließlich per Feldstecher weit entfernt ortet. Er erzählt mir, dass sich das Weideland hier oben im Gemeinschaftsbesitz von 13 Bauern befinde. Im Winterraum der Hütte bin ich verblüffenderweise nicht der einzige Gast, ein Mitglied der Sektion Osnabrück hat sich bereits einquartiert. Er ist Biologe und beobachtet einen seltenen Vogel, der sich bevorzugt in hochalpinem Terrain aufhält. Da sich damit kein Lebensunterhalt bestreiten lässt, verfasst er außerdem Gutachten für Offshore-Windanlagen.
Exakte Routenführung: Gmünder Hütte (1185m) – Sporthotel Maltatal (1931m) – Osnabrücker Hütte (2040m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 900m; Abstieg: 50m
Distanz: 16 km
Reale Gehzeit: 5 Std

42. Tag: Samstag, 19.6.04: Osnabrücker Hütte (2040m) – Mallnitz (1190m)
Da sich das Wetter im Laufe des Tages massiv verschlechtern soll, erhebe ich mich bereits um vier Uhr aus meinem Lager. Anders als von den Wirtsleuten der Gmünder Hütte prophezeit, stellt die Überquerung der Großelendscharte (mit 2675 Metern mein bisheriger Scheitelpunkt) kein Problem dar, sieht man vom knietiefen Einsinken in den weichen Schnee ab.

Unterwegs auf dem Goslarer Weg Richtung Hannoverhaus (2721m) gestaltet sich die Wegfindung angesichts der geschlossenen Schneedecke und des einsetzenden Nebels immer problematischer. Ich verzichte auf die geplanten Abstecher zu Ankogel (3250m) und Hannoverhaus und steige schnellstmöglich, mich in der Nebelsuppe an den Masten und Seilen der Ankogelbahn orientierend, auf Skipisten nach Mallnitz (1190m) ab. Durch den Ort laufend werde ich von einem Mann angesprochen, der sich als neuer Geschäftsführer des etwas heruntergekommenen Hotels „Bichlhof“ entpuppt und mir, wohl aus Mitleid ob meiner zerschlissenen Erscheinung, anbietet, für zehn Euro pro Nacht in einer seiner Personalunterkünfte zu logieren, nicht ohne mich vorher zu einer Dusche aufzufordern („Sie stinken wie ein Bock“ sind seine Worte, wenig verwunderlich angesichts der Waschmöglichkeiten in Winterräumen). Seine Offerte sagt mir zu, zumal inzwischen der angekündigte Starkregen eingesetzt hat. Abends komme ich in den Genuss der beiden EM-Spiele Deutschland – Lettland (0:0) sowie Tschechien – Holland (3:2).
Exakte Routenführung: Osnabrücker Hütte (2040m) – Großelendscharte (2675m) – P. 2467m – P. 2600m – Mallnitz (1190m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 900m; Abstieg: 1750m
Distanz: 21 km
Reale Gehzeit: 7,5 Std

43. Tag: Sonntag, 20.6.04: Mallnitz (1190m)
Die ganze Nacht tobte heftiger Regen, der sich den ganzen Tag fortsetzt. Erst gegen 16 Uhr ist der Spuk vorbei, nach 22 Stunden Dauerregens. In höheren Lagen glänzt das Weiß des Neuschnees. Ob dieser unerfreulichen Tatsachen lege ich einen Ruhetag ein und verbringe eine weitere Nacht im Bichlhof. Ein nachmittäglicher Spaziergang führt mich zum „Sicherheitstag“ der Feuerwehr sowie zum Bahnhof, in den just der Intercity „Bundessozialamt“ (!) einfährt. Weitere Züge wurden auf Namen wie „Creative Beratung“ oder „Für ein soziales Land“ getauft...
Exakte Routenführung: Ruhetag
Höhenunterschied: Aufstieg: 0m; Abstieg: 0m
Distanz: 0 km
Reale Gehzeit: 0 Std

44. Tag: Montag, 21.6.04: Mallnitz (1190m) – Hagener Hütte (2446m)
Bei vier Stunden Gehzeit halten sich die körperlichen Anstrengungen heute in Grenzen. Der blaue Morgenhimmel weicht bald ungemütlichen Regen- und Schneeschauern. Gegen Mittag passiere ich die private Jamnighütte (1748m), von der aus unschwierig ein breiter Pfad zur Hagener Hütte (2446m) führt, die einige Meter unterhalb des Grates erbaut wurde. In ihrem Winterraum finde ich Unterschlupf, ich bleibe der einzige Gast. Im Umkreis der Hütte hat sich eine erkleckliche Menge an Neuschnee angesammelt. Der Winterraum verfügt zwar über einen Ofen, es sind aber nur mehr letzte Reste an Brennholz in Form sehr dicker Scheite vorhanden, ein Beil zum Zerkleinern entdecke ich nirgends. Trotzdem gelingt es mir, mit viel Papier und Geduld ein Feuer zu entfachen. Mangels Wasser schmelze ich Schnee und koche aus erlesenen Zutaten (umherliegende Essensreste) im einzigen vorhandenen Riesenkochtopf ein mangelhaft schmeckendes Nudelsuppen-Kartoffelpüree-Gericht.
Exakte Routenführung: Mallnitz (1190m) – Jamnighütte (1748m) – Hagener Hütte (2446m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1250m; Abstieg: 0m
Distanz: 12 km
Reale Gehzeit: 4 Std

45. Tag: Dienstag, 22.6.04: Hagener Hütte (2446m) – Naturfreundehaus Neubau (2175m)
Um halb Sechs reißt mich der Wecker aus dem Schlaf. Für ein ausgiebiges Frühstück ist es zu kalt, ich nehme es erst nach dem Abstieg in Sportgastein (1585m), einem Wintersportzentrum in der Kernzone des Nationalparks Hohe Tauern, zu mir. Aus der Ferne grüßt bereits das Niedersachsenhaus (2471m) an der Riffelscharte, nach zweieinhalb Stunden bin ich dort angelangt.
Ein neugieriger Blick in den Winterraum fördert ausreichend Brennholz zu Tage. Zum Naturfreundehaus Neubau (2175m) führt ein Steig, der die steilen Nordausläufer von Neunerkogel (2823m) und Herzog-Ernst-Spitze (2933m) quert. Wegen Steinschlag- und Lawinengefahr (einige haben sich bereits gelöst) quere ich mit Hilfe von Pickel und Steigeisen 150 Meter tiefer und nehme den entsprechenden Gegenanstieg in Kauf. Die Wirtsleute sind sehr nett, der Wirt sehr gesprächig, ich bin der einzige Besucher. Die Übernachtung ist, nicht unüblich für ein Naturfreundehaus, nur im Paket mit dem Frühstück erhältlich. Zum Abschied wird mir ein kleines Präsent überreicht: Eine Schirmmütze, verziert mit Namen und Logo der Hütte.
Exakte Routenführung: Hagener Hütte (2446m) – Sportgastein (1585m) – Niedersachsenhaus (2471m) – Punkt 2000m – Naturfreundehaus Neubau (2175m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1050m; Abstieg: 1300m
Distanz: 16 km
Reale Gehzeit: 5,5 Std

46. Tag: Mittwoch, 23.6.04: Naturfreundehaus Neubau (2175m) – Zittelhaus (3105m)
Zwar umfasst die Etappe „nur“ den Aufstieg zum Zittelhaus (3105m) auf dem Gipfel des Hohen Sonnblick, die schwierigen Bedingungen machen daraus jedoch ein anspruchsvolles Unterfangen. Damit ist nicht auf das Wetter angespielt, die Sonne tut ihr Bestes und lacht vom Himmel. In knapp zwei Stunden gelange ich zur winzigen Rojacherhütte (2718m), wo noch tiefster Winter herrscht.

Von hier schweift der Blick zu den Skipisten unterhalb des Scharecks (3122m), die Saison scheint in vollem Gange.

Die letzten 400 Höhenmeter zum Gipfel führen über den Südostgrat, den ich mühevoll mit Pickel und Steigeisen erklimme. Weniger die Trittbügel und –stifte oder die ausgesetzten Passagen verursachen Probleme, sondern die Konsistenz des (Tief)Schnees: Zum Teil bringt er meine gesamten Beine zum Verschwinden, ich muss mich robbend Zentimeter für Zentimeter vorwärts kämpfen. Davon ausgemergelt mag sich angesichts der erstmaligen Überwindung der 3000 Meter-Marke kaum ein Glücksgefühl einstellen.

Ich klopfe an der ständig besetzten Wetterstation und bekomme den Schlüssel zum Winterraum mit dem Hinweis ausgehändigt wird, dass es zwar keinen Ofen gebe, dass aber die direkt anliegende Elektrotrafostation angenehme Wärme spende. Davon kann nicht die Rede sein, wie ich kurze Zeit später feststelle, aber wenigstens gibt es elektrisches Licht. Am Nachmittag kommt ein Pärchen aus Richtung Heiligenblut (1288m) hoch gestiefelt, sie steigen nach kurzem Aufenthalt wieder ab. Die von meiner Knie-Orthese (ein Stützapparat, der die durch einen Kreuzbandschaden verursachten Instabilitäten kompensieren soll) verursachte Reibungswunde unter meinem rechten Knie verursacht nicht unerhebliche Schmerzen, der applizierte Hirschtalg lindert sie etwas. Zu Abend esse ich kalte Bohnensuppe aus einer Dose, die ein Vorgänger hinterlassen hat. Es ist bitterkalt, die Investition in meinen Daunenschlafsack zahlt sich aus...
Exakte Routenführung: Naturfreundehaus Neubau (2175m) – Rojacherhütte (2718m) – Zittelhaus (3105m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 940m; Abstieg: 0m
Distanz: 6 km
Reale Gehzeit: 4,75 Std

47. Tag: Donnerstag, 24.6.04: Zittelhaus (3105m) – Glorer Hütte (2651m)
Eine Mammutetappe steht auf dem Plan: Um Viertel nach Sechs verlasse ich meine Unterkunft. Nach einigen Metern werde ich von einem Regenschauer überrascht, dem letzten für heute. Die Spuren der beiden Nachmittagsgipfelstürmer von gestern geleiten mich sicher über das kleine Fleißkees (das bizarrerweise größer als das große Fleißkees ist (!)). Nach etwas mehr als vier Stunden unschwierigen Weges gelange ich nach Heiligenblut (1288m) und fülle meine Vorräte auf. Der Weg zur Glorer Hütte (2651m) weist ebensowenig technische Raffinessen auf. Nur an einer Stelle wird es wirklich knifflig: Das Überqueren des Leiterbaches ist an der vorgesehenen Stelle wegen der Wassermassen und des fortgespülten Steges schlechterdings unmöglich. Nach längerem Suchen gelingt es mir einige hundert Meter versetzt unter großen Mühen, nasse Füße waren eigentlich schon einkalkuliert. Unterwegs treffe ich so gut wie keine Menschenseele, lediglich einen Hirten, der seit Stunden auf den Versorgungshubschrauber wartet. Dieser kann wegen tiefhängender Wolken nicht starten. An der Hütte erlebe ich eine angenehme Überraschung, mental hatte ich mich auf eine weitere Nacht in einem kalten Winterraum eingestellt. Doch das Schutzhaus ist heute den ersten Tag geöffnet, angenehme Wärme durchflutet die Gaststube!
Exakte Routenführung: Zittelhaus (3105m) – Heiligenblut (1288m) – Glorer Hütte (2651m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1480m; Abstieg: 1930m
Distanz: 29 km
Reale Gehzeit: 9,5 Std

48. Tag: Freitag, 25.6.04: Glorer Hütte (2651m) – Kalser Tauernhaus (1755m)
Um halb Fünf prasseln Schnee- und Graupelschauer gegen die Fensterscheiben. Ich ziehe die Konsequenzen und breche erst gegen neun Uhr auf. Nach einer kräftigen Schneeregendusche hat der Wettergott ein Einsehen. Der Abstieg nach Kals (1325m) verläuft größtenteils über sanfte Almböden, verziert von etlichen Altschneefelder. Der Ort selbst ist ein winziger Flecken, ein zersiedeltes Dorf mit Bergführerbüro und Touristen-Information. Eine kundige Dame versichert mir, dass nun sämtliche Hütten geöffnet seien. Mit einem kräftigen Durchatmen beende ich die Ära eisig kalter Winterräume fürs erste. Heute verweile ich nur kurz in Kals, aber in exakt zwei Wochen werde ich zurück sein, um zusammen mit meinem Vater dem höchsten Berg Österreichs zu Leibe zu rücken. Zum Kalser Tauernhaus (1755m) folge ich einem der von mir ungeliebten, weil ganz und gar nicht alpinen Fahrwege. Anfangs, als das Dorfertal noch sehr schmal ist, entschädigen atemberaubende Blicke in die Tiefe.

Eine Tafel erinnert an den erfolgreichen Widerstand gegen einen Staudamm, der das gesamte Tal überflutet hätte. Wiederum scheine ich der einzige Gast zu sein, als mit dem Einbruch der Dunkelheit zwei Mountainbiker eintreffen, die die Alpen von Norden nach Süden überqueren. Heute, so berichten sie, haben sie abenteuerliches erlebt: Mit dem Fahrrad auf der Schulter haben sie Schneefelder gequert und sich im Schneesturm verirrt. Die beiden stammen aus meinem Heimatlandkreis Tirschenreuth, ihr Dialekt ist nicht zu verkennen...
Exakte Routenführung: Glorer Hütte (2651m) – Lucknerhaus (1918m) – Kals (1325m) – Kalser Tauernhaus (1755m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 430m; Abstieg: 1150m
Distanz: 19 km
Reale Gehzeit: 4,75 Std

49. Tag: Samstag, 26.6.04: Kalser Tauernhaus (1755m) – Sudetendeutsche Hütte (2656m)
Vier Stunden benötige ich zu meinem Zielpunkt, der Sudetendeutschen Hütte (2656m). Wegen der vielen Schneefelder erweist sich die Strecke als nicht unproblematisch, obwohl Sonne und Großglockner (3798m) aus der Ferne grüßen.

Der Abstieg vom Punkt 2826 Meter zur Hütte beinhaltet die heikelsten Passagen: Unter dem Schnee sind große Felsbrocken verborgen, die mich zum Teil gar nicht, zum Teil mein ganzes Bein versinken lassen. Ich kann mich nur mit höchster Vorsicht im Schneckentempo voran bewegen, um ein Verdrehen des Beins oder gar schlimmeres zu vermeiden. Trotz des Wochenendes und des herrlichen Wetters bin ich der einzige Hüttenbesucher, die Schneemassen schrecken zu sehr ab. Der Wirt berichtet mir, dass ich der erste in diesem Jahr gewesen sei, der den Übergang in Angriff genommen habe.
Exakte Routenführung: Kalser Tauernhaus (1755m) – P. 2826m – Sudetendeutsche Hütte (2656m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1100m; Abstieg: 205m
Distanz: 7 km
Reale Gehzeit: 4 Std

50. Tag: Sonntag, 27.6.04: Sudetendeutsche Hütte (2656m) - Venedigerhaus Innergschlöss (1691m)
Nach Rücksprache mit dem Hüttenwirt verzichte ich auf den Weg über die mit Altschnee reichlich gefüllte Nussingscharte (2741m) und wähle die apere Variante über die Steiner-Alm (1909m) und die (besonders von MotorradfahrerInnen) vielbefahrene Felbertauernstraße (1267m). Den Rest des Tages spaziere ich gemütlich das Tauerntal entlang.

Am Zielpunkt, dem Venedigerhaus (1691m), wimmelt es von Menschen, vor allem ältere Damen und Herren, viele per Pferdekutsche angereist, genießen die Aussicht und das schöne Wetter. Die Wirtin händigt mir das nächste Kartenpaket aus, ich danke mit reichlichem Konsum...
Exakte Routenführung: Sudetendeutsche Hütte (2656m) – Felbertauernstraße (1267m) Venedigerhaus Innergschlöss (1691m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 500m; Abstieg: 1500m
Distanz: 19 km
Reale Gehzeit: 6,5 Std

Almoehi - 19. Nov, 18:25

