Etappe 71-80
71. Tag: Sonntag, 18.7.04: Bremer Hütte (2411m) – Sulzenauhütte (2191m)
Wie üblich verlasse ich um Sechs die Hütte, draußen finde ich heute schönstes Wetter vor, das den ganzen Tag über kontinuierlich anhält. Der erste Teil der Etappe führt mich über das Simmingjöchl (2754m), ein altes steinernes Zollhäuschen passierend, zur Nürnberger Hütte (2278m). Die vereinzelten Seilsicherungen und Trittstifte bereiten keine Probleme, ebensowenig die noch vereinzelt vorhandenen Schneefelder. Dasselbe gilt für den zweiten Teil der Strecke, den Übergang über das Niederl (2680m) zur Sulzenauhütte (2191m). Kurz vor der Hütte lege ich mich für drei herrliche Stunden auf meine Isomatte und genieße den Tag. Sie ist gut besucht, einige DAV-Summit-Club-Gruppen tummeln sich. Auch ein nepalesischer Sherpa arbeitet hier, wie schon auf einigen andere Hütten vorher, etwa auf der Erzherzog-Johann-Hütte am Großglockner.
Exakte Routenführung: Bremer Hütte (2411m) – Simmingjöchl (2754m) – Nürnberger Hütte (2278m) – Niederl (2680m) – Sulzenauhütte (2191m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 700m; Abstieg: 920m
Distanz: 13 km
Reale Gehzeit: 5,5 Std

72. Tag: Montag, 19.7.04: Sulzenauhütte (2191m) – Hildesheimer Hütte (2899m)
Über Nacht hat sich das Wetter verschlechtert, es nieselt ein bisschen. Bis zur Dresdner Hütte (2308m) muss ich keinerlei Schwierigkeiten überwinden, wie üblich treffe ich auf etwas Schnee und einige Seilsicherungen. Ich befinde mich inmitten des Stubaier Gletscherskigebietes, überall säumen Seilbahnen und diverse Gebäude den Weg (oder zugespitzter formuliert: sie trüben den Blick).

Die Landschaft besitzt im Vergleich zu den letzten Tagen einen gänzlich anderen Charakter, sie ist verschmutzter und viel mehr durch menschliche Eingriffe überformt und verunstaltet. Der Skibetrieb ist noch im Gange, inmitten einer Piste folge ich einem abgesteckten Pfad über den flachen Schaufelferner zum Eisjoch (3133m).

Jenseits steige ich auf dem ebenfalls sehr flachen Gaißkarferner zur Hildesheimer Hütte (2899m) ab. Nach und nach trudeln etliche Gruppen mit Bergführern ein, darunter zwei der Alpinschule Innsbruck, die beide von Innsbruck (574m) nach Meran (320m) wandern. Die eine Gruppe ist eher auf alpinen Pfaden unterwegs, die andere meidet Gipfel und ausgesetzte Wege.
Exakte Routenführung: Sulzenauhütte (2191m) – Belljoch (2672m) – Dresdner Hütte (2308m) – Eisjoch (3133m) – Hildesheimer Hütte (2899m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1300m; Abstieg: 600m
Distanz: 14 km
Reale Gehzeit: 5,5 Std

73. Tag: Dienstag, 20.7.04: Hildesheimer Hütte (2899m) – Braunschweiger Hütte (2759m)
Wegen eines furchtbaren Schnarchers verbringe ich die Nacht mit Stöpseln im Ohr, so dass ich den Wecker nicht höre. Jedoch funktioniert meine innere Uhr prächtig, ich erwache um Viertel vor Fünf. Eine Stunde später breche ich auf, ein anstrengender Tag steht bevor. In Sölden (1368m) treffe ich bereits vor neun Uhr ein, ich kann in Ruhe einkaufen.

Anschließend beginnt ein langer und zäher Aufstieg: Ziemlich schnell und steil erreicht man die 2000 Meter-Marke, dann aber zieht sich der Weg ins Rettenbachtal schier unendlich in die Länge. Meist marschiere ich in Sichtweite der Straße, die für die Skitouristen errichtet wurde. Nach einiger Zeit überholen mich die beiden Gruppen der Alpinschule Innsbruck im bequemen Reisebus.
Kurz vor dem Pitztaler Jöchl (2996m), das unter tiefem Schnee begraben liegt, überhole ich sie wieder. Von weitem grüßt die Wildspitze, mit ihren 3768 Metern der zweithöchste Berg Österreichs, den ich bereits vor einigen Jahren erklommen habe und diesmal ausspare. Die Braunschweiger Hütte (2759m) platzt aus allen Nähten. Viele Gruppen, die von Oberstdorf nach Meran unterwegs sind, übernachten hier. Mir wird ein Lager im engen Winterraum zugewiesen. Zum Abendessen kann bei der Gruppe von gestern unterschlüpfen, wir unterhalten uns angenehm, mir wird sogar ein Schnaps ausgegeben. Selbst im Winterraum ist man vor Schnarchern nicht gefeit, meine „Gehörschutzstöpsel“ sind unbezahlbar.
Nachtrag: Vor einigen Monaten traf mich die Nachricht wie ein Blitz, dass der Hüttenwirt Franz Auer im Winter 2004/2005 unweit seiner Hütte mit den Skiern in eine Gletscherspalte fiel und dabei ums Leben kam. Ich erinnere mich lebhaft daran, wie er, nett und hilfsbereit, versuchte, das Warmwasser wieder in Gang zu bringen, als ich, durchgeschwitzt, eine Dusche nehmen wollte, und die Technik ihren Dienst verweigerte.
Exakte Routenführung: Hildesheimer Hütte (2899m) - Sölden (1368m) – Pitztaler Jöchl (2996m) - Braunschweiger Hütte (2759m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1640m; Abstieg: 1780m
Distanz: 28 km
Reale Gehzeit: 9,5 Std

74. Tag: Mittwoch, 21.7.04: Braunschweiger Hütte (2759m) – Taschachhaus (2432m)
Nach den gestrigen Strapazen lasse ich es heute bedeutend ruhiger angehen. Am Morgen warte ich, bis sich der größte Trubel gelegt hat, dann steige ich mit Hilfe einiger Drahtseile bis Mittelberg (1736m) ab.

Bei schönstem Wetter schlendere ich das langgestreckte Taschachtal auf dem Fahrweg zur Materialseilbahn des Taschachhauses (2432m) entlang und nehme den anschließenden Aufstieg in Angriff. An der Hütte herrscht reger Betrieb, etliche Gruppen sind angemeldet. Das Haus firmiert als zentraler DAV-Ausbildungsstützpunkt, viele Gletscherkurse werden hier abgehalten. Ich wasche einige Kleidungsstücke und stelle fest, dass meine Hose auf der Rückseite Ermüdungslöcher aufweist. Als annähernd einziger Nicht-Gruppengast fühle ich mich beinahe etwas verloren...
Exakte Routenführung: Braunschweiger Hütte (2759m) – Mittelberg (1736m) – Taschachhaus (2432m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 750m; Abstieg: 1075m
Distanz: 14 km
Reale Gehzeit: 4,5 Std

75. Tag: Donnerstag, 22.7.04: Taschachhaus (2432m) – Hohenzollernhaus (2120m)
Die heutige Etappe schlaucht mich wegen ihrer Länge, technische Schwierigkeiten finde ich kaum vor. Bei sommerlichen Temperaturen sind die 600 Höhenmeter zum Ölgrubenjoch (3013m) rasch überwunden.

Auf der anderen Seite steige ich zum Gepatschhaus (1925m) oberhalb des gleichnamigen Stausees ab.

Als Übergang zum Hohenzollernhaus (2120m) bieten sich sowohl das Riffljoch (3146m) als auch das Rotschragenjoch (2965m) an. Von der Gehzeit her sind die Unterschiede minimal, ich wähle die Option mit der geringeren Anzahl an Höhenmetern, das Rotschragenjoch. Um dorthin zu gelangen, muss ich zunächst oberhalb des Stausees auf einigen Kilometern Länge den Hang queren und anschließend ins Kaiserbergtal einbiegen. Unterhalb des Jochs treffe ich einen älteren Herrn aus Schleswig-Holstein, der auf dem Zentralalpenweg 02 unterwegs ist. Er hat etwas die Orientierung verloren, ich helfe ihm wieder auf die Sprünge. Das Joch erfordert einen ungeahnten Kraftakt: Die letzten 200 Höhenmeter fallen extrem steil aus, es gibt keinen Pfad, sondern man ist gezwungen, sich in der Fallinie im Schutt nach oben zu quälen, zwei Schritten vorwärts folgt einer zurück. Am Hohenzollernhaus (2120m) wird man von den Wirtsleuten mit einem Schnaps begrüßt. Der Wirt erzählt von seinen Aktivitäten als „Bergläufer“, zu Übungszwecken stürmt er täglich in Rekordtempo auf den Glockenturm, mit 3353 Metern der höchste Gipfel in der nahen Umgebung. Etwas talaufwärts zeltet eine internationale Jugendgruppe, deren Mitglieder in der Hütte zu Abend essen und mich mit Fragen löchern. Die Mücken legen eine besondere Stechfreude an den Tag...
Exakte Routenführung: Taschachhaus (2432m) – Ölgrubenjoch (3013m) - Gepatschhaus (1925m) – Rotschragenjoch (2965m) – Hohenzollernhaus (2120m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1600m; Abstieg: 1950m
Distanz: 27 km
Reale Gehzeit: 9,5 Std

76. Tag: Freitag, 23.7.04: Hohenzollernhaus (2120m) – Plajazan (1866m)
Um fünf Uhr tobt draußen ein heftiges Gewitter, bald kommen die zeltenden Jugendlichen triefend angelaufen und quartieren sich im Winterraum ein. Meine Wegstrecke zum Tscheyjoch (2600m) zieht sich gar sehr in die Länge, ich verliere die spärliche Markierung aus den Augen, gehe weglos weiter und erreiche das Joch auf unorthodoxen Pfaden.

In einem heißumkämpften Wettrennen gegen das Wetter steige ich Richtung Nauders (1394m) den Skiliften entlang ab, es ist nur eine Frage der Zeit, wann der sich ankündigende Regen losprasselt. Gerade noch gelingt es mir, im Laufschritt unter das Vordach einer kleinen Hütte zu flüchten, wo ich auf Holzscheiten liegend Unterschlupf finde. Nach dem heftigen Schauer entwickelt sich ein angenehmer, sonniger Tag. Nauders durchquerend steige ich weiter Richtung Grenzübergang Martina (1035m) ab.

Der markierte Weg endet im Nichts, ich muss über einen unangenehmen Zaun steigen klettern und gehe auf der Teerstraße weiter. Nach 76 Tagen, also fast genau der Hälfte meines Weges, verlasse ich an dieser Stelle Österreich und betrete im Kanton Graubünden erstmals Schweizer Boden. Schweizer Gipfel habe ich noch nie erklommen, was mit der größeren Entfernung, aber auch den höheren Preisen zu tun hat. Der geplante Endpunkt meiner heutigen Etappe, das Dörfchen Tschlin (1559m), erfordert nochmals einen anstrengende Anstieg, der mich an malerischen Almwiesen, auf denen zahlreiche Bauern ihr Tagwerk verrichten, vorbei führt. Einer von ihnen befördert mich den letzten Kilometer zum Dorf mit seinem kleinen Heuwagen. Laut Internet soll es im Hotel Macun ein Massenlager zu erschwinglichen Preisen geben. Im Ort herrscht großer Trubel, in den Gässchen wird Musik gespielt, ab morgen ein großes Fest gefeiert. Im zitierten Hotel weiß niemand von preiswerten Massenlagern, dem Chef scheint die viele Arbeit auf die Laune geschlagen zu haben, so dass ich mit etwas Wut im Bauch von dannen schreite, in der Hoffnung, weiter oben ein Nächtigungsplätzchen zu finden. Tschlin unterscheidet sich in seiner Beschaffenheit markant von denjenigen Dörfern, die ich in Österreich gesehen hatte: Hier in Graubünden sind die sehr alten Häuser dicht an dicht gebaut, es gibt keine großen, einzeln in weiter Entfernung voneinander postierten Bauernhöfe. In Plajazan (1866m), einer Alm mit einigen wenigen verstreuten Hütten, finde ich schließlich, es ist schon dunkel geworden, eine Unterkunft mit Dach über dem Kopf, da dem Wetter nicht zu trauen ist. Neben einem Häuschen mit geschlossenen Fensterläden befindet sich ein überdachtes Holzlager, auf das ich mich bette. Mit meiner Isomatte als Unterlage pieksen die Holzscheite nicht allzu stark in meinen Rücken.
Exakte Routenführung: Hohenzollernhaus (2120m) – Tscheyjoch (2600m) – Nauderer Skihütte (1913m) – Nauders (1394m) – Grenzübergang Martinsbruck (1035m) – Tschlin (1559m) – Plajazan (1866m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1440m; Abstieg: 1690m
Distanz: 25 km
Reale Gehzeit: 7,5 Std

77. Tag: Samstag, 24.7.04: Plajazan (1866m) – Hof Zuort (1711m)
Um Viertel nach Sechs beginne ich meinen Anstieg zum Muttler (3294m). Zunächst durchquere ich auf markierten Pfaden einige Almwiesen, sodann steige ich weglos an. Bald ist der charakteristische, antennenbewehrte Gipfel sichtbar, doch nur kurz: Es fängt an zu tröpfeln, der Regen wird stärker, und ich krieche für 45 Minuten in meinen Biwaksack.

Unbeirrt von diesem kleinen Schauer setze ich den Weg fort, der Gipfel ist mittlerweile tief in Wolken gehüllt. Wiederum kommt Regen auf, ich gehe weiter. Auf einer Höhe von 2800 Metern entscheide ich in dichtem Nebel, wegen der widrigen Bedingungen umzukehren. Der stärker werdende Regen dauert den ganzen Tag an, die Wettervorhersage kündigte eigentlich nur vereinzelte Schauer an. Die Schwierigkeiten setzen sich fort: Ohne jede Sicht steige ich weglos ab, zum Teil steiles Gelände querend, mein Höhenmesser leistet wertvolle Dienste. Ich atme auf, als ich endlich auf den Weg Richtung Vna (1602m) stoße. Das Dorf hinter mir lassend folge ich dem Fahrweg zum Gasthof Zuort (1711m). Trotz des strömenden Regens kommen mir viele MountainbikerInnen entgegen, die Strecke liegt auf einer beliebten MB-Alpen-Transit-Route. Am Gasthof erlebe ich die nächste unangenehme Überraschung: Die Übernachtung in einer 4-Bett-Kammer kostet 55 SFR, und auch die Essenspreise sind astronomisch, so dass ich lediglich einen Salat konsumiere. Insgesamt kostet mich der Spaß 75 SFR, was einsamen Rekord bedeutet, aber wegen des Sauwetters sind Alternativen Mangelware. Im weiteren Verlauf meiner Tour habe ich nie mehr eine vergleichbar teure Massenunterkunft in Anspruch genommen. Da dies jedoch meine erste Nacht in einer Schweizer Beherbergung ist, halte ich die Summe für das landesübliche Entgelt und bin schockiert...
Exakte Routenführung: Plajazan (1866m) – Aufstieg Muttler P. 2800m – Vna (1602m) – Gasthof Zuort (1711m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1200m; Abstieg: 1350m
Distanz: 16 km
Reale Gehzeit: 8 Std

78. Tag: Sonntag, 25.7.04: Hof Zuort (1711m) – Chamanna Cler (2476m)
Kurz vor Neun breche ich auf, meine durchnässte Kleidung ist zwar nicht gänzlich getrocknet, aber wenigstens bleiben heute Niederschläge aus. Zunächst folge ich einem Fahrweg, der später in einen Pfad übergeht, und gelange zur Fuorcla Champatsch (2730m), eine der allerunschwierigsten Scharten, die ich je überquerte. Auf der anderen Seite verbirgt sich ein kleines Skigebiet, ich quere einige der Pisten.

An der Alp Laret (2202m) steige ich weglos (der in der Karte eingezeichnete Pfad bleibt unauffindbar) ins Tasna-Tal (1800m) ab, wo ich während einer längere Pause für die bevorstehenden 600 Meter Aufstieg neue Kraft schöpfe. Die Aussicht auf einen Riesenumweg, um zur Chamanna Cler (2476m) zu gelangen, verdirbt mir die Laune.

Daher entscheide ich mich für die weglose „Direttissima“: Hinter der Alp Tasna (1896m) erklimme ich die äußerst steilen Grashänge mit Hilfe meiner Steigeisen, um einem Abrutschen, das einem Absturz gleichgekommen wäre, vorzubeugen. Die Chamanna Cler, eine unbewirtschaftete Skihütte des Skiclubs Ardez, ist wie erwartet verschlossen. Da das Wetter über Nacht Stabilität verspricht, nächtige ich unter freiem Himmel. Im Falle größter Not könnte ich mich unter das Vordach des Klohäuschens flüchten. Der Name der Hütte („Chamanna“) ist rätoromanischen Ursprungs, in ähnlicher Form existiert er im Französischen („cabane“) und im Italienischen („Capanna“).
Exakte Routenführung: Hof Zuort (1711m) – Fuorcla Champatsch (2730m) – Alp Laret (2202m) – Tasna-Tal (1800m) – Chamanna Cler (2476m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1750m; Abstieg: 1000m
Distanz: 20 km
Reale Gehzeit: 8 Std

79. Tag: Montag, 26.7.04: Chamanna Cler (2476m) – Chamanna Marangun (2023m)
Die Nacht bleibt klar, ab und zu erhellt ein Wetterleuchten den Himmel, und einige Sternschnuppen erfreuen mein Auge. Leider befeuchtete der Tau meinen Schlafsack nicht unerheblich, so dass ich ihn von der Morgensonne trocknen lasse und erst um Viertel vor Zehn meine Zelte abbreche. Weglos steige ich ins Val Tuoi (1880m) ab, und biege auf einen Panoramaweg hoch über dem Inntal ins Val Lavinuox ein, wo die Chamanna Marangun, eine offene Selbstversorgerhütte, in 2025 Metern Höhe errichtet wurde.

Im Tal begegne ich einigen Wanderern, auf der Hütte bin ich alleine. Trotz des aufkommenden Regens und der Kälte friere ich nicht, denn sie verfügt über einen bequem zu handhabenden Ofen. Die Toilette leitet ihre Abwässer direkt in den angrenzenden Bach und stellt in dieser Hinsicht bislang ein Unikat dar, in ganz Österreich habe ich ähnliches nicht erlebt. In der Schweiz sind derartige Praktiken nicht ganz so selten, wie ich noch erfahren werde...
Exakte Routenführung: Chamanna Cler (2476m) – Val Tuoi (1880m) – Punkt 2240m – Alp d’Immez (1953m) – Chamanna Marangun (2025m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 500m; Abstieg: 950m
Distanz: 12 km
Reale Gehzeit: 4,5 Std

80. Tag: Dienstag, 27.7.04: Chamanna Marangun (2023m) – Linardhütte (2327m)
Einen anspruchsvollen Tag verspricht mein heutiges Unterfangen, die Überschreitung des Piz Linard (3411m), des höchsten Gipfels der Silvretta. Über den sehr selten begangenen Nordostgrat (im Hüttenbuch finde ich keinen einzigen Eintrag, der dies als Ziel proklamiert hätte) will ich den Gipfel ersteigen, der Normalweg über die Südwand soll mich nach unten geleiten. Beide Routen enthalten reichlich IIer Kletterpassagen, der Nordostgrat bewegt sich die meiste Zeit auf diesem Niveau.

Wegen des schlechten Wetters starte ich erst um acht Uhr. Zunächst steige ich einige hundert Meter im Val Munarellas auf und versuche auf etwa 2600 Metern Höhe, den Grat zu erreichen, was sich im steilen, sehr brüchigen Gelände als äußerst heikel erweist. Mein prall gefüllter Rucksack erschwert das Klettern zusätzlich. Unter Einsatz all meiner Kräfte, die Steigeisen wegen der Schnee- und Eisreste mittlerweile angeschnallt, komme ich nur sehr langsam voran, Fehltritte hätten hier gravierende Konsequenzen. Später wird mir klar, dass ich den Grat schon viel weiter unten hätte anvisieren sollen, aber die Routenbeschreibung im Führer war so unpräzise, dass ich meinen Weg nach Sicht auswählte. Dadurch verliere ich sehr viel Zeit und gelange erst gegen 15 Uhr auf den Gipfel. Bislang hat das Wetter gehalten, jetzt rieselt leise der Schnee, verflüchtigt sich nach kurzem Intermezzo aber wieder. Körperlich pfeife ich aus dem letzten Loch, aufgrund der großen Anspannung und der Überanstrengung beim Aufstieg malträtieren Migräneschübe meinen Kopf. Der Abstieg verlangt nochmals höchste Konzentration, steile Schutt- und Schneefelder müssen passiert werden, zudem löst sich ab und an leichter Steinschlag. Ich lege sehr viele Pausen ein und erreiche um halb Neun absolut erschöpft die Hütte, kurz vorher übergebe ich mich. Sofort suche ich das Lager auf und sinke in den wohlverdienten Schlaf. Die heutige Etappe stellt eine der herausfordernsten Unternehmungen dar, die ich in den letzten Wochen in Angriff nahm.
Exakte Routenführung: Chamanna Marangun (2023m) – über Nord-Ost-Grat auf Piz Linard (3411m) – über Südwand zu Linardhütte (2327m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1400m; Abstieg: 1100m
Distanz: 7 km
Reale Gehzeit: 11 Std

Wie üblich verlasse ich um Sechs die Hütte, draußen finde ich heute schönstes Wetter vor, das den ganzen Tag über kontinuierlich anhält. Der erste Teil der Etappe führt mich über das Simmingjöchl (2754m), ein altes steinernes Zollhäuschen passierend, zur Nürnberger Hütte (2278m). Die vereinzelten Seilsicherungen und Trittstifte bereiten keine Probleme, ebensowenig die noch vereinzelt vorhandenen Schneefelder. Dasselbe gilt für den zweiten Teil der Strecke, den Übergang über das Niederl (2680m) zur Sulzenauhütte (2191m). Kurz vor der Hütte lege ich mich für drei herrliche Stunden auf meine Isomatte und genieße den Tag. Sie ist gut besucht, einige DAV-Summit-Club-Gruppen tummeln sich. Auch ein nepalesischer Sherpa arbeitet hier, wie schon auf einigen andere Hütten vorher, etwa auf der Erzherzog-Johann-Hütte am Großglockner.
Exakte Routenführung: Bremer Hütte (2411m) – Simmingjöchl (2754m) – Nürnberger Hütte (2278m) – Niederl (2680m) – Sulzenauhütte (2191m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 700m; Abstieg: 920m
Distanz: 13 km
Reale Gehzeit: 5,5 Std

72. Tag: Montag, 19.7.04: Sulzenauhütte (2191m) – Hildesheimer Hütte (2899m)
Über Nacht hat sich das Wetter verschlechtert, es nieselt ein bisschen. Bis zur Dresdner Hütte (2308m) muss ich keinerlei Schwierigkeiten überwinden, wie üblich treffe ich auf etwas Schnee und einige Seilsicherungen. Ich befinde mich inmitten des Stubaier Gletscherskigebietes, überall säumen Seilbahnen und diverse Gebäude den Weg (oder zugespitzter formuliert: sie trüben den Blick).

Die Landschaft besitzt im Vergleich zu den letzten Tagen einen gänzlich anderen Charakter, sie ist verschmutzter und viel mehr durch menschliche Eingriffe überformt und verunstaltet. Der Skibetrieb ist noch im Gange, inmitten einer Piste folge ich einem abgesteckten Pfad über den flachen Schaufelferner zum Eisjoch (3133m).

Jenseits steige ich auf dem ebenfalls sehr flachen Gaißkarferner zur Hildesheimer Hütte (2899m) ab. Nach und nach trudeln etliche Gruppen mit Bergführern ein, darunter zwei der Alpinschule Innsbruck, die beide von Innsbruck (574m) nach Meran (320m) wandern. Die eine Gruppe ist eher auf alpinen Pfaden unterwegs, die andere meidet Gipfel und ausgesetzte Wege.
Exakte Routenführung: Sulzenauhütte (2191m) – Belljoch (2672m) – Dresdner Hütte (2308m) – Eisjoch (3133m) – Hildesheimer Hütte (2899m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1300m; Abstieg: 600m
Distanz: 14 km
Reale Gehzeit: 5,5 Std

73. Tag: Dienstag, 20.7.04: Hildesheimer Hütte (2899m) – Braunschweiger Hütte (2759m)
Wegen eines furchtbaren Schnarchers verbringe ich die Nacht mit Stöpseln im Ohr, so dass ich den Wecker nicht höre. Jedoch funktioniert meine innere Uhr prächtig, ich erwache um Viertel vor Fünf. Eine Stunde später breche ich auf, ein anstrengender Tag steht bevor. In Sölden (1368m) treffe ich bereits vor neun Uhr ein, ich kann in Ruhe einkaufen.

Anschließend beginnt ein langer und zäher Aufstieg: Ziemlich schnell und steil erreicht man die 2000 Meter-Marke, dann aber zieht sich der Weg ins Rettenbachtal schier unendlich in die Länge. Meist marschiere ich in Sichtweite der Straße, die für die Skitouristen errichtet wurde. Nach einiger Zeit überholen mich die beiden Gruppen der Alpinschule Innsbruck im bequemen Reisebus.
Kurz vor dem Pitztaler Jöchl (2996m), das unter tiefem Schnee begraben liegt, überhole ich sie wieder. Von weitem grüßt die Wildspitze, mit ihren 3768 Metern der zweithöchste Berg Österreichs, den ich bereits vor einigen Jahren erklommen habe und diesmal ausspare. Die Braunschweiger Hütte (2759m) platzt aus allen Nähten. Viele Gruppen, die von Oberstdorf nach Meran unterwegs sind, übernachten hier. Mir wird ein Lager im engen Winterraum zugewiesen. Zum Abendessen kann bei der Gruppe von gestern unterschlüpfen, wir unterhalten uns angenehm, mir wird sogar ein Schnaps ausgegeben. Selbst im Winterraum ist man vor Schnarchern nicht gefeit, meine „Gehörschutzstöpsel“ sind unbezahlbar.
Nachtrag: Vor einigen Monaten traf mich die Nachricht wie ein Blitz, dass der Hüttenwirt Franz Auer im Winter 2004/2005 unweit seiner Hütte mit den Skiern in eine Gletscherspalte fiel und dabei ums Leben kam. Ich erinnere mich lebhaft daran, wie er, nett und hilfsbereit, versuchte, das Warmwasser wieder in Gang zu bringen, als ich, durchgeschwitzt, eine Dusche nehmen wollte, und die Technik ihren Dienst verweigerte.
Exakte Routenführung: Hildesheimer Hütte (2899m) - Sölden (1368m) – Pitztaler Jöchl (2996m) - Braunschweiger Hütte (2759m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1640m; Abstieg: 1780m
Distanz: 28 km
Reale Gehzeit: 9,5 Std

74. Tag: Mittwoch, 21.7.04: Braunschweiger Hütte (2759m) – Taschachhaus (2432m)
Nach den gestrigen Strapazen lasse ich es heute bedeutend ruhiger angehen. Am Morgen warte ich, bis sich der größte Trubel gelegt hat, dann steige ich mit Hilfe einiger Drahtseile bis Mittelberg (1736m) ab.

Bei schönstem Wetter schlendere ich das langgestreckte Taschachtal auf dem Fahrweg zur Materialseilbahn des Taschachhauses (2432m) entlang und nehme den anschließenden Aufstieg in Angriff. An der Hütte herrscht reger Betrieb, etliche Gruppen sind angemeldet. Das Haus firmiert als zentraler DAV-Ausbildungsstützpunkt, viele Gletscherkurse werden hier abgehalten. Ich wasche einige Kleidungsstücke und stelle fest, dass meine Hose auf der Rückseite Ermüdungslöcher aufweist. Als annähernd einziger Nicht-Gruppengast fühle ich mich beinahe etwas verloren...
Exakte Routenführung: Braunschweiger Hütte (2759m) – Mittelberg (1736m) – Taschachhaus (2432m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 750m; Abstieg: 1075m
Distanz: 14 km
Reale Gehzeit: 4,5 Std

75. Tag: Donnerstag, 22.7.04: Taschachhaus (2432m) – Hohenzollernhaus (2120m)
Die heutige Etappe schlaucht mich wegen ihrer Länge, technische Schwierigkeiten finde ich kaum vor. Bei sommerlichen Temperaturen sind die 600 Höhenmeter zum Ölgrubenjoch (3013m) rasch überwunden.

Auf der anderen Seite steige ich zum Gepatschhaus (1925m) oberhalb des gleichnamigen Stausees ab.

Als Übergang zum Hohenzollernhaus (2120m) bieten sich sowohl das Riffljoch (3146m) als auch das Rotschragenjoch (2965m) an. Von der Gehzeit her sind die Unterschiede minimal, ich wähle die Option mit der geringeren Anzahl an Höhenmetern, das Rotschragenjoch. Um dorthin zu gelangen, muss ich zunächst oberhalb des Stausees auf einigen Kilometern Länge den Hang queren und anschließend ins Kaiserbergtal einbiegen. Unterhalb des Jochs treffe ich einen älteren Herrn aus Schleswig-Holstein, der auf dem Zentralalpenweg 02 unterwegs ist. Er hat etwas die Orientierung verloren, ich helfe ihm wieder auf die Sprünge. Das Joch erfordert einen ungeahnten Kraftakt: Die letzten 200 Höhenmeter fallen extrem steil aus, es gibt keinen Pfad, sondern man ist gezwungen, sich in der Fallinie im Schutt nach oben zu quälen, zwei Schritten vorwärts folgt einer zurück. Am Hohenzollernhaus (2120m) wird man von den Wirtsleuten mit einem Schnaps begrüßt. Der Wirt erzählt von seinen Aktivitäten als „Bergläufer“, zu Übungszwecken stürmt er täglich in Rekordtempo auf den Glockenturm, mit 3353 Metern der höchste Gipfel in der nahen Umgebung. Etwas talaufwärts zeltet eine internationale Jugendgruppe, deren Mitglieder in der Hütte zu Abend essen und mich mit Fragen löchern. Die Mücken legen eine besondere Stechfreude an den Tag...
Exakte Routenführung: Taschachhaus (2432m) – Ölgrubenjoch (3013m) - Gepatschhaus (1925m) – Rotschragenjoch (2965m) – Hohenzollernhaus (2120m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1600m; Abstieg: 1950m
Distanz: 27 km
Reale Gehzeit: 9,5 Std

76. Tag: Freitag, 23.7.04: Hohenzollernhaus (2120m) – Plajazan (1866m)
Um fünf Uhr tobt draußen ein heftiges Gewitter, bald kommen die zeltenden Jugendlichen triefend angelaufen und quartieren sich im Winterraum ein. Meine Wegstrecke zum Tscheyjoch (2600m) zieht sich gar sehr in die Länge, ich verliere die spärliche Markierung aus den Augen, gehe weglos weiter und erreiche das Joch auf unorthodoxen Pfaden.

In einem heißumkämpften Wettrennen gegen das Wetter steige ich Richtung Nauders (1394m) den Skiliften entlang ab, es ist nur eine Frage der Zeit, wann der sich ankündigende Regen losprasselt. Gerade noch gelingt es mir, im Laufschritt unter das Vordach einer kleinen Hütte zu flüchten, wo ich auf Holzscheiten liegend Unterschlupf finde. Nach dem heftigen Schauer entwickelt sich ein angenehmer, sonniger Tag. Nauders durchquerend steige ich weiter Richtung Grenzübergang Martina (1035m) ab.

Der markierte Weg endet im Nichts, ich muss über einen unangenehmen Zaun steigen klettern und gehe auf der Teerstraße weiter. Nach 76 Tagen, also fast genau der Hälfte meines Weges, verlasse ich an dieser Stelle Österreich und betrete im Kanton Graubünden erstmals Schweizer Boden. Schweizer Gipfel habe ich noch nie erklommen, was mit der größeren Entfernung, aber auch den höheren Preisen zu tun hat. Der geplante Endpunkt meiner heutigen Etappe, das Dörfchen Tschlin (1559m), erfordert nochmals einen anstrengende Anstieg, der mich an malerischen Almwiesen, auf denen zahlreiche Bauern ihr Tagwerk verrichten, vorbei führt. Einer von ihnen befördert mich den letzten Kilometer zum Dorf mit seinem kleinen Heuwagen. Laut Internet soll es im Hotel Macun ein Massenlager zu erschwinglichen Preisen geben. Im Ort herrscht großer Trubel, in den Gässchen wird Musik gespielt, ab morgen ein großes Fest gefeiert. Im zitierten Hotel weiß niemand von preiswerten Massenlagern, dem Chef scheint die viele Arbeit auf die Laune geschlagen zu haben, so dass ich mit etwas Wut im Bauch von dannen schreite, in der Hoffnung, weiter oben ein Nächtigungsplätzchen zu finden. Tschlin unterscheidet sich in seiner Beschaffenheit markant von denjenigen Dörfern, die ich in Österreich gesehen hatte: Hier in Graubünden sind die sehr alten Häuser dicht an dicht gebaut, es gibt keine großen, einzeln in weiter Entfernung voneinander postierten Bauernhöfe. In Plajazan (1866m), einer Alm mit einigen wenigen verstreuten Hütten, finde ich schließlich, es ist schon dunkel geworden, eine Unterkunft mit Dach über dem Kopf, da dem Wetter nicht zu trauen ist. Neben einem Häuschen mit geschlossenen Fensterläden befindet sich ein überdachtes Holzlager, auf das ich mich bette. Mit meiner Isomatte als Unterlage pieksen die Holzscheite nicht allzu stark in meinen Rücken.
Exakte Routenführung: Hohenzollernhaus (2120m) – Tscheyjoch (2600m) – Nauderer Skihütte (1913m) – Nauders (1394m) – Grenzübergang Martinsbruck (1035m) – Tschlin (1559m) – Plajazan (1866m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1440m; Abstieg: 1690m
Distanz: 25 km
Reale Gehzeit: 7,5 Std

77. Tag: Samstag, 24.7.04: Plajazan (1866m) – Hof Zuort (1711m)
Um Viertel nach Sechs beginne ich meinen Anstieg zum Muttler (3294m). Zunächst durchquere ich auf markierten Pfaden einige Almwiesen, sodann steige ich weglos an. Bald ist der charakteristische, antennenbewehrte Gipfel sichtbar, doch nur kurz: Es fängt an zu tröpfeln, der Regen wird stärker, und ich krieche für 45 Minuten in meinen Biwaksack.

Unbeirrt von diesem kleinen Schauer setze ich den Weg fort, der Gipfel ist mittlerweile tief in Wolken gehüllt. Wiederum kommt Regen auf, ich gehe weiter. Auf einer Höhe von 2800 Metern entscheide ich in dichtem Nebel, wegen der widrigen Bedingungen umzukehren. Der stärker werdende Regen dauert den ganzen Tag an, die Wettervorhersage kündigte eigentlich nur vereinzelte Schauer an. Die Schwierigkeiten setzen sich fort: Ohne jede Sicht steige ich weglos ab, zum Teil steiles Gelände querend, mein Höhenmesser leistet wertvolle Dienste. Ich atme auf, als ich endlich auf den Weg Richtung Vna (1602m) stoße. Das Dorf hinter mir lassend folge ich dem Fahrweg zum Gasthof Zuort (1711m). Trotz des strömenden Regens kommen mir viele MountainbikerInnen entgegen, die Strecke liegt auf einer beliebten MB-Alpen-Transit-Route. Am Gasthof erlebe ich die nächste unangenehme Überraschung: Die Übernachtung in einer 4-Bett-Kammer kostet 55 SFR, und auch die Essenspreise sind astronomisch, so dass ich lediglich einen Salat konsumiere. Insgesamt kostet mich der Spaß 75 SFR, was einsamen Rekord bedeutet, aber wegen des Sauwetters sind Alternativen Mangelware. Im weiteren Verlauf meiner Tour habe ich nie mehr eine vergleichbar teure Massenunterkunft in Anspruch genommen. Da dies jedoch meine erste Nacht in einer Schweizer Beherbergung ist, halte ich die Summe für das landesübliche Entgelt und bin schockiert...
Exakte Routenführung: Plajazan (1866m) – Aufstieg Muttler P. 2800m – Vna (1602m) – Gasthof Zuort (1711m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1200m; Abstieg: 1350m
Distanz: 16 km
Reale Gehzeit: 8 Std

78. Tag: Sonntag, 25.7.04: Hof Zuort (1711m) – Chamanna Cler (2476m)
Kurz vor Neun breche ich auf, meine durchnässte Kleidung ist zwar nicht gänzlich getrocknet, aber wenigstens bleiben heute Niederschläge aus. Zunächst folge ich einem Fahrweg, der später in einen Pfad übergeht, und gelange zur Fuorcla Champatsch (2730m), eine der allerunschwierigsten Scharten, die ich je überquerte. Auf der anderen Seite verbirgt sich ein kleines Skigebiet, ich quere einige der Pisten.

An der Alp Laret (2202m) steige ich weglos (der in der Karte eingezeichnete Pfad bleibt unauffindbar) ins Tasna-Tal (1800m) ab, wo ich während einer längere Pause für die bevorstehenden 600 Meter Aufstieg neue Kraft schöpfe. Die Aussicht auf einen Riesenumweg, um zur Chamanna Cler (2476m) zu gelangen, verdirbt mir die Laune.

Daher entscheide ich mich für die weglose „Direttissima“: Hinter der Alp Tasna (1896m) erklimme ich die äußerst steilen Grashänge mit Hilfe meiner Steigeisen, um einem Abrutschen, das einem Absturz gleichgekommen wäre, vorzubeugen. Die Chamanna Cler, eine unbewirtschaftete Skihütte des Skiclubs Ardez, ist wie erwartet verschlossen. Da das Wetter über Nacht Stabilität verspricht, nächtige ich unter freiem Himmel. Im Falle größter Not könnte ich mich unter das Vordach des Klohäuschens flüchten. Der Name der Hütte („Chamanna“) ist rätoromanischen Ursprungs, in ähnlicher Form existiert er im Französischen („cabane“) und im Italienischen („Capanna“).
Exakte Routenführung: Hof Zuort (1711m) – Fuorcla Champatsch (2730m) – Alp Laret (2202m) – Tasna-Tal (1800m) – Chamanna Cler (2476m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1750m; Abstieg: 1000m
Distanz: 20 km
Reale Gehzeit: 8 Std

79. Tag: Montag, 26.7.04: Chamanna Cler (2476m) – Chamanna Marangun (2023m)
Die Nacht bleibt klar, ab und zu erhellt ein Wetterleuchten den Himmel, und einige Sternschnuppen erfreuen mein Auge. Leider befeuchtete der Tau meinen Schlafsack nicht unerheblich, so dass ich ihn von der Morgensonne trocknen lasse und erst um Viertel vor Zehn meine Zelte abbreche. Weglos steige ich ins Val Tuoi (1880m) ab, und biege auf einen Panoramaweg hoch über dem Inntal ins Val Lavinuox ein, wo die Chamanna Marangun, eine offene Selbstversorgerhütte, in 2025 Metern Höhe errichtet wurde.

Im Tal begegne ich einigen Wanderern, auf der Hütte bin ich alleine. Trotz des aufkommenden Regens und der Kälte friere ich nicht, denn sie verfügt über einen bequem zu handhabenden Ofen. Die Toilette leitet ihre Abwässer direkt in den angrenzenden Bach und stellt in dieser Hinsicht bislang ein Unikat dar, in ganz Österreich habe ich ähnliches nicht erlebt. In der Schweiz sind derartige Praktiken nicht ganz so selten, wie ich noch erfahren werde...
Exakte Routenführung: Chamanna Cler (2476m) – Val Tuoi (1880m) – Punkt 2240m – Alp d’Immez (1953m) – Chamanna Marangun (2025m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 500m; Abstieg: 950m
Distanz: 12 km
Reale Gehzeit: 4,5 Std

80. Tag: Dienstag, 27.7.04: Chamanna Marangun (2023m) – Linardhütte (2327m)
Einen anspruchsvollen Tag verspricht mein heutiges Unterfangen, die Überschreitung des Piz Linard (3411m), des höchsten Gipfels der Silvretta. Über den sehr selten begangenen Nordostgrat (im Hüttenbuch finde ich keinen einzigen Eintrag, der dies als Ziel proklamiert hätte) will ich den Gipfel ersteigen, der Normalweg über die Südwand soll mich nach unten geleiten. Beide Routen enthalten reichlich IIer Kletterpassagen, der Nordostgrat bewegt sich die meiste Zeit auf diesem Niveau.

Wegen des schlechten Wetters starte ich erst um acht Uhr. Zunächst steige ich einige hundert Meter im Val Munarellas auf und versuche auf etwa 2600 Metern Höhe, den Grat zu erreichen, was sich im steilen, sehr brüchigen Gelände als äußerst heikel erweist. Mein prall gefüllter Rucksack erschwert das Klettern zusätzlich. Unter Einsatz all meiner Kräfte, die Steigeisen wegen der Schnee- und Eisreste mittlerweile angeschnallt, komme ich nur sehr langsam voran, Fehltritte hätten hier gravierende Konsequenzen. Später wird mir klar, dass ich den Grat schon viel weiter unten hätte anvisieren sollen, aber die Routenbeschreibung im Führer war so unpräzise, dass ich meinen Weg nach Sicht auswählte. Dadurch verliere ich sehr viel Zeit und gelange erst gegen 15 Uhr auf den Gipfel. Bislang hat das Wetter gehalten, jetzt rieselt leise der Schnee, verflüchtigt sich nach kurzem Intermezzo aber wieder. Körperlich pfeife ich aus dem letzten Loch, aufgrund der großen Anspannung und der Überanstrengung beim Aufstieg malträtieren Migräneschübe meinen Kopf. Der Abstieg verlangt nochmals höchste Konzentration, steile Schutt- und Schneefelder müssen passiert werden, zudem löst sich ab und an leichter Steinschlag. Ich lege sehr viele Pausen ein und erreiche um halb Neun absolut erschöpft die Hütte, kurz vorher übergebe ich mich. Sofort suche ich das Lager auf und sinke in den wohlverdienten Schlaf. Die heutige Etappe stellt eine der herausfordernsten Unternehmungen dar, die ich in den letzten Wochen in Angriff nahm.
Exakte Routenführung: Chamanna Marangun (2023m) – über Nord-Ost-Grat auf Piz Linard (3411m) – über Südwand zu Linardhütte (2327m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1400m; Abstieg: 1100m
Distanz: 7 km
Reale Gehzeit: 11 Std

Almoehi - 25. Nov, 15:23

