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Etappe 81-90

26
Nov
2006

Etappe 81-90

81. Tag: Mittwoch, 28.7.04: Linardhütte (2327m) – Grialetsch-Hütte (2542m)

Nach meinen gestrigen körperlichen Kapriolen schlafe ich mich heute gesund und fühle mich wieder einigermaßen fit. Zur Auffrischung meiner Vorräte begebe ich mich ins Inntal hinab.
Linardhütte (2327m) mit Piz Linard (3411m)
Da in Susch (1438m) alle Geschäfte Mittagsschlaf halten, nehme ich den Zug nach Zernez (1473m), versorge mich dort und fahre wieder zurück. Es folgt einer der von mir ungeliebten, unendlich langsam vonstatten gehenden Aufstiege: Ich folge einem Pfad neben der nach Davos führenden Flüelapassstraße, biege dann ins Grialetsch-Tal ab und spaziere unschwierig zur gleichnamigen Hütte (2542m). Als ich zu vorgerückter Stunde ankomme, herrscht reges Treiben, die Hütte ist komplett ausgebucht. Sie wird vom unfreundlichsten Wirt, der mir je begegnet ist, bewirtschaftet. Er bedeutet mir in unverschämtem Tonfall, dass kein Platz mehr frei sei und ich draußen übernachten solle. Dagegen habe ich nichts einzuwenden, das Wetter ist toll und ich spare die 20 SFR für die Übernachtung, jedoch macht der Ton bekanntlich die Musik. Auch den üblichen Eintrag ins Hüttenbuch, der nicht unwichtig sein kann, falls ich spurlos verschwinden sollte, verwehrt er mir. Nun verschärfe auch ich meinen Tonfall und verweise auf diesen Sachverhalt. Später meinen Schlafplatz in Augenschein nehmend fragt er mich dann doch, wohin ich morgen zu gehen gedenke. Die klare Nacht beschert mir einen einmaligen Reigen an Sternschnuppen: Niemals in meinem Leben fielen sie derart gehäuft vor meinen Augen vom Himmel.

Exakte Routenführung: Linardhütte (2327m) – Susch (1438m) – mit dem Zug nach Zernez (1473m) und zurück nach Susch (1438m) – Grialetsch-Hütte (2542m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1150m; Abstieg: 950m
Distanz: 18 km
Reale Gehzeit: 7 Std

Piz Linard (3411m) aus südlicher Richtung

82. Tag: Donnerstag, 29.7.04: Grialetsch-Hütte (2542m) – Es-Cha-Hütte (2594m)

Kurz nach Acht starte ich, wegen des starken nächtlichen Windes ist mein Schlafsack trocken geblieben. Nach einem kurzen Abstieg führt mich ein breiter Weg auf den Scalettapass (2606m), den auch ein alljährlich hier ausgetragener Bergmarathon passiert. Der Abstieg über die Alp Funtauna (2192m) zur Alp Pignaint (1898m) verläuft auf breiten (Fahr)Wegen.
Alp Funtauna (2192m)
Erst ab hier steigen die Anforderungen: Ich biege weglos ins Val Viluoch, überwinde zunächst den Grat zwischen Piz Viroula (3062m) und dem Pizzet (2910m), dann den Kamm zwischen Piz Virola (3062m) und Piz Belvair (2822m), und gelange schließlich zur Es-Cha-Hütte (2594m). Abends sitze ich mit einem jungen Pärchen am Tisch, beide stammen aus Hessen und leben nun in Zürich. Morgen wollen sie den Piz Kesch (3417m) erklimmen, als Vorbereitung für weitere Großtaten in der Bernina-Gruppe.
Bernina-Gruppe
Wir unterhalten uns, und ich, der ich mir nur eine Suppe geleistet habe, in die ich mein mitgebrachtes Brot streue, darf mich an den üppigen Resten ihres leckeren Abendmahls schadlos halten. Auf dem Speiseplan stand Schweinegeschnetzeltes.

Exakte Routenführung: Grialetsch-Hütte (2542m) – P. 2100m – Scalettapass (2606m) – Alp Funtauna (2192m) – Alp Pignaint (1898m) – Grat Viroula-Pizzet P. 2823m – Es-Cha-Hütte (2594m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1550m; Abstieg: 1500m
Distanz: 20 km
Reale Gehzeit: 8,5 Std

Piz Kesch (3417m)

83. Tag: Freitag, 30.7.04: Es-Cha-Hütte (2594m) – Jenatschhütte (2600m)

Bei schönem Wetter steige ich um halb Sieben zum Albula-Pass (2312m) ab, der in 1800 Metern Höhe (also in 500 Metern Tiefe) von einer sechs Kilometer langen Röhre der Rhätischen Bahn untertunnelt wird.
Albula-Hospiz (2312m)
Der anschließende Weg zur Fuorcla Crap Alo (2466m) bietet genau wie der jenseitige Pfad ins Bever-Tal (2000m) schöne, steile Passagen ohne technische Schwierigkeiten. Als überaus nervenaufreibend empfinde ich das anschließende kilometerlange Gelatsche im Tal, in dem auch viele MountainbikerInnen unterwegs sind, sowie den endlosen, sehr flachen Aufstieg zur Jenatschhütte (2600m). Wie gestern begnüge ich mich mit der Suppe, wiederum fallen einige Rest-Krümel für mich ab.

Exakte Routenführung: Es-Cha-Hütte (2594m) – Albula-Pass (2312m) – Passtraße P. 2200m - Fuorcla Crap Alo (2466m) - Val Bever (2000m) - Jenatschhütte (2600m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1100m; Abstieg: 1100m;
Distanz: 23 km
Reale Gehzeit: 7,5 Std

Murmeltier am Albula-Pass (2312m)

84. Tag: Samstag, 31.7.04: Jenatschhütte (2600m) – Bivio (1769m)

Um Sieben bewege ich mich in Richtung Fuorcla d’Agnel (2983m), zuletzt über harten, nicht zu steilen Firn, der Gletscher befindet sich auf dem Rückzug. Im Val d’Agnel steige ich 400 Meter ab, verlasse die Markierung und marschiere weglos weiter.
Fuorcla d'Agnel (2983m)
Dabei gerate ich in das sumpfige Gebiet zwischen Piz Barscheinx (2617m) und Piz Bardella (2747m), und steige weglos in den steilen Rasenhängen von Craps, zum Teil unter Einsatz meiner Steigeisen, Richtung Bivio (1769m) ab. Das Verfehlen der Idealroute kostet mich mindestens eine Stunde Gehzeit. Auf der durch Bivio führenden Julierpasstraße (der Pass wurde bereits in der römischen Kaiserzeit angelegt) herrscht Hochbetrieb, dicht gedrängt schlängeln sich die Autos durch den Ort. Im Internet hatte ich die Telefonnummer einer Massenunterkunft in Bivio aufgetan, die ich nun anrufe. Die Frau am Apparat bedeutet mir zunächst, dass heute niemand da sei. Es gelingt mir, sie unter der Bedingung, dass ich im Gegenzug 20 SFR zurück lasse, zu überzeugen, mir das Schlüsselversteck zu verraten. So viel entgegengebrachtes Vertrauen enttäusche ich nicht und behandle die Unterkunft, in der ich alleine logiere, äußerst pfleglich. In einem nahegelegenen Hotel darf ich gegen ein kleines Entgelt meine Wäsche waschen, zum Trocknen breite ich sie in der Sonne aus. Am Abend leiste ich beim Hissen dreier Fahnen (Bivio, Graubünden, Schweiz) für den morgigen Nationalfeiertag Hilfestellung: Am 1.8.1293 wurde der Rütlischwur geleistet.

Exakte Routenführung: Jenatschhütte (2600m) – Fuorcla d’Agnel (2983m) – P. 2568m – P. 2671m – Rasenhänge von Craps – Bivio (1769m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 600m; Abstieg: 1450m
Distanz: 13 km
Reale Gehzeit: 5 Std

Bivio (1769m)

85. Tag: Sonntag, 1.8.04: Bivio (1769m) – Bandseen (2650m)


An Bivio ist ferner spannend, dass es zum einen über eine sehr interessante Sprachenmischung verfügt, sowohl italienisch als auch deutsch und romanisch wird hier parliert. Zum anderen ist es Knotenpunkt zweier alter Römerstraßen, die über den Julier- und den Septimerpass führen. Zur Feier des Tages (heute ist Schweizer Nationalfeiertag!) genehmige ich mir Ravioli zum Frühstück, und trockne anschließend meine immer noch feuchte Wäsche in der Sonne. Nach Ende des Gottesdienstes füllt sich der Ort. Mittags stattet die Besitzerin ihrer Unterkunft einen Besuch ab, ich zahle meine Schuld, und während ich mein Mittagessen wärme, reinigt sie die Räume, und wir kommen ins Gespräch.
Meine Unterkunft in Bivio (1769m)
Um halb Zwei wende ich mich in unschwierigem Terrain Richtung Stallerberg (2581m), ein etwas ungewöhnlicher Name für ein sanft geschwungenes Joch. Oben angekommen entscheide ich spontan aufgrund des herrlichen Wetters, nicht nach Juf, der mit 2126 Metern höchstgelegenen ganzjährig bewohnten Siedlung Europas, abzusteigen, sondern zu den Bandseen zu queren und dort im Freien zu biwakieren. Das Queren erweist sich als diffizile Angelegenheit, wegen der Abschüssigkeit der Grashänge benutze ich meine Steigeisen. Am Ufer des oberen Bandsees (2650m) finde ich einen herrlichen Biwakplatz.

Exakte Routenführung: Bivio (1769m) – Stallerberg (2581m) – P. 2350m – Bandseen (2650m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1150m; Abstieg: 250m
Distanz: 9 km
Reale Gehzeit: 4,5 Std

Biwakplatz am oberen Bandsee (2650m)

86. Tag: Montag, 2.8.04: Bandseen (2650m) – P. 2200m neben Passo del Scengio

In der sternenklaren, vollmondgetränkten Nacht war von den zum Nationalfeiertag angekündigten Höhenfeuern nichts zu sehen. Gegen sieben Uhr starte ich, nur mit dem allernötigsten ausgerüstet, zu einer kleinen Gipfelexpedition auf den Piz Platta (3392m).
Piz Platta (3392m)
Über losen Schutt erklimme ich die erste Scharte und folge den Steinmännchen auf das Tällihorn (3164m). Es folgt eine kurze, flache Gletscherpassage, und nach einfacher Kletterei stehe ich um neun Uhr auf dem Gipfel. Die schon reichlich vorhandenen Quellwolken sorgen mich, ich verweile nicht lange und kehre zu meinem Ausgangspunkt zurück.
Ich auf dem Piz Platta (3392m)
Nach einer längeren Pause steige ich bis Cresta (1960m) ab, wo der Volg-Laden meine Konsumwünsche befriedigt. Die anschließende Passage auf der alten Avers-Straße beeindruckt ob der Kühnheit, mit der der Weg dem steilen Fels abgetrotzt wurde. In Campsut (1668m) erreiche den tiefsten Punkt heute, steige wieder 600 Höhenmeter auf und treffe auf den italienisch-schweizerischen Grenzgrat (2200m), stets auf der Suche nach einer möglichst überdachten Nächtigungsmöglichkeit. Auf der anderen Seite des Grates erstreckt sich der Lago di Lei (1933m), ein Stausee von acht Kilometern Länge, mit einer 143 Meter hohen Staumauer. Ich passiere eine kleine, verschlossene Hütte, die dennoch als Unterschlupf fungieren könnte. Jedoch entdecke ich in der Nähe zwei Menschen, ihre mutmaßlichen Besitzer. Da ich keinen Ärger heraufbeschwören möchte, gehe ich einige Meter weiter und bette mich erneut unter freiem Himmel am Passo del Scengio (2200m). Im Schlechtwetter-Notfall wäre besagte Hütte in Reichweite, die beiden Personen sind inzwischen weggefahren, die Luft wäre rein.

Exakte Routenführung: Bandseen (2650m) – Piz Platta (3392m) – Bandseen (2650m) – Campsut (1668m) - P. 2200m neben Passo del Scengio
Höhenunterschied: Aufstieg: 1350m; Abstieg: 1800m
Distanz: 15 km
Reale Gehzeit: 9 Std

Biwakplatz auf 2200 Metern neben Passo del Scengio

87. Tag: Dienstag, 3.8.04: P. 2200m neben Passo del Scengio – Berghus (2022m)

In der Nacht blieb mir das Glück hold: Kein Regen weit und breit, und die Temperaturen verharrten auf erträglichem Niveau. Am frühen Morgen steige ich in Serpentinen zur Staumauer (1933m) ab. Ein Wanderskollege erzählt mir, dass der Lago di Lei zwischen 1957 und 1962 von Italien erbaut, dann aber an die Schweiz verkauft worden sei, inklusive eines Gebietstausches an der Staumauer.
Staumauer am Lago di Lei (1933m)
An der Alpe del Cruot (1961m) vorbei erklimme ich weglos über Almgelände und steinerne Wüsten den Passo Crotto (2730m). Auf der jenseitigen Schweizer Seite versuche ich, einen Gegenanstieg zu vermeiden und zum Pass da Niemet (2294m) zu queren, was angesichts der Abschüssigkeit des felsigen Geländes nicht einfach ist und mir nicht ganz gelingt. Nach einem lauten Donnerschlag stürme ich schnellstmöglich zum Rifugio Bertacchi (2172m), das wiederum auf italienischem Boden beheimatet ist. Unmittelbar nach meiner Ankunft bricht ein heftiges Gewitter los. Mit dem umgänglichen Wirt unterhalte ich mich auf französisch. Er berichtet, dass auch er schon einmal zu Fuß und einmal auf Skiern die Alpen durchquert habe, spendiert mir eine große Flasche Cola und verlangt für die von mir ausgiebigst genossene Polenta mit Fleisch nur den halben Preis. Nach Ende des Gewitters setze ich meine Wanderung in Richtung Lago di Monte Spluga (1900m) fort.
Lago di Monte Spluga (1900m) mit Pizzo Tambo (3279m)
Gerade noch rechtzeitig entdecke ich einen Unterstellplatz, ehe der nächste Regenguss losprasselt. Nach Beendigung desselben durchlaufe ich den Ort Monte Spluga (1905m). Wie gestern schon ist mir vor Anstrengung ein bisschen schummrig, ich muss eine längere Pause einlegen. Der letzte Teil der heutigen Etappe geleitet mich auf einem alten Saumweg über den bereits von den Römern benutzten Splügenpass (2113m) zum nahen Berghus (2022m), womit ich wieder in der Schweiz angelangt wäre. Insgesamt überschritt ich heute vier Mal die Staatsgrenzen, ein Rekord, lasse ich die fünf Monate meiner Tour Revue passieren. Abends unterhalte ich mich mit einem Wandersmann aus Stuttgart, der von Bregenz nach Bologna unterwegs ist und dessen Schuhe Größe 48 aufweisen.

Exakte Routenführung: P. 2200m neben Passo del Scengio – Lago di Lei (1933m) – Passo Crotto (2730m) – P. 2200m – Pass da Niemet (2294m) – Rifugio Bertacchi (2172m) – Lago di Monte Spluga (1900m) – Splügenpass (2113m) – Berghus (2022m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1200m; Abstieg: 1400m
Distanz: 18 km
Reale Gehzeit: 7,5 Std

Splügenpass (2113m)

88. Tag: Mittwoch, 4.8.04: Berghus (2022m) – Lo Stallo (350m)

Da ich am Nachmittag in Lo Stallo (350m) mit meiner Schulfreundin Susi verabredet bin, verzichte ich aus Zeitgründen auf den vorgesehenen Pizzo Tambo (3279m) und umgehe ihn nördlich über die Tamboalp (2032m) und den Areuapass (2509m).
Zollhäuschen am Splügenpass (2115m)
Während des plötzlich steil abfallenden Abstiegs zur Alp de Rog (1812m) überrascht mich ein kurze Regenschauer. Als ebenso steil erweist sich der Aufstieg zur nächsten Passhöhe, der Strec de Vignun (2373m), deren jenseitige Flanke hochebenenartig flach verläuft. Lang und zäh gestaltet sich der Weg nach San Bernardino (1630m). Kurz vor dem Ort bringe ich mich vor einem weiteren Schauer in Sicherheit. In der Touristeninformation nehme ich mein nächstes vorher verschicktes Kartenpaket in Empfang, logistisch klappt alles wie am Schnürchen. In San Bernardino steige ich in den Bus, der mich mehr als 1000 Meter abwärts über Mesocco (769m) nach Lo Stallo (350m) bringt, wo mich Susi erwartet. Drei Monate lang war ich stets in viel höheren Gefilden unterwegs, die schwüle Hitze auf nur mehr 350 Metern über dem Meeresspiegel macht mir zu schaffen. Wir besuchen einen Skulpturenpark mit Werken unterschiedlicher KünstlerInnen, auch von Susi sind Foto-Installationen dabei: Sie gestaltete einen Raum zum Thema „Autobahn“. Die Nacht verbringe ich bei Jack, einem Künstlerfreund, in einer Kammer, die zwar gemütlich ist, aber vom Gestank offener Farben durchzogen wird. Jack erzählt, dass er früher 15 Jahre lang als Bergbauer gelebt habe.

Exakte Routenführung: Berghus (2022m) – P. 2160m – Tamboalp (2032m) – Areuapass (2509m) – Alp de Rog (1812m) – Strec de Vignun (2373m) – San Bernardino (1630m) – mit Bus und PKW bis Lo Stallo (350m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1200m; Abstieg: 1600m
Distanz: 17 km
Reale Gehzeit: 7,5 Std

San Bernardino (1630m)

89. Tag: Donnerstag, 5.8.04: Lo Stallo (350m) – Zapporthütte (2276m)

Der Tag beginnt mit einem sintflutartigen Regenguss, der mich heimsucht, als ich mit Susi frühstücken und einkaufen gehe. Anschließend bringt mich der Bus zurück nach San Bernardino (1630m). Gegen Mittag streicht der Regen endlich die Segel, ich kann mich auf den Weg machen. Während des Anstiegs zum Passo del San Bernardino (2065m) lugen gar Sonnenstrahlen durch die Wolken. Auf der anderen Passseite steige ich auf einem unmarkierten Pfad ins Hinterrhein-Tal (1600m) ab. Besagter Pfad verliert sich nach einiger Zeit, und ich muss mich abwärts in buschigem Gelände im wahrsten Sinne des Wortes durchschlagen. Mir ist bekannt, dass sich im Tal ein Schießplatz der Schweizer Armee befindet, den ich zu durchqueren habe.
Schießplatz Hinterrhein (1600m)
Einerseits höre ich pausenlos ein lautes Knallen, andererseits wirkt der Schießplatz wie ausgestorben. Nach einigem Suchen finde ich einen versprengten Soldaten, der den Sachverhalt aufklärt: Der Lärm sei kein Schießlärm, denn der Schießplatz sei zu dieser Jahreszeit nicht in Betrieb, sondern er stamme aus einem nahegelegenen Steinbruch. Mit diesem Segen kann ich frohen Mutes an Munitionsresten und einem Panzerdenkmal vorbei zur Zapporthütte (2276m) wandern. Um sieben Uhr an der Selbstversorgerhütte ankommend werde ich von den drei bereits anwesenden Gästen zum Abendessen eingeladen. Voller Freude nehme ich an, eine angenehme Plauderei rundet den Abend ab.

Exakte Routenführung: Lo Stallo (350m) - mit Bus und PKW bis San Bernardino (1630m) – Passo del San Bernardino (2065m) – Hinterrhein-Tal (1600m) – Zapporthütte (2276m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 1150m; Abstieg: 500m
Distanz: 14 km
Reale Gehzeit: 5,25 Std

Zapporthütte (2276m)

90. Tag: Freitag, 6.8.04: Zapporthütte (2276m) – Läntahütte (2090m)

Da ich das in alle Richtungen gletscherbewehrte Rheinwaldhorn (3402m), den höchsten Gipfel des Tessin, nicht alleine in Angriff nehmen möchte, weiche ich von meiner eigentlichen Planung ab. Ich entscheide mich für den Übergang über die Canallücke (2839m) zur Läntahütte (2090m), der blau markiert ist. Diese Kennzeichnung bedeutet „schwierige Route“, während einfachere Wegstrecken rote Markierungen aufweisen, und weckt in mir eine gewisse Vorfreude. Zu meinem Verdruss ist das Terrain weitgehend unschwierig, nach eineinhalb Stunden erreiche ich den Scheitelpunkt. Das Eis des Canalgletschers auf der anderen Seite kann man auf losem Geröll mühsam umgehen. An der Canalalp (1976m) treffe ich auf die bekannten rot-weißen Markierungen. Rund um den Zervreila-Stausee (1862m) sind sehr viele Menschen unterwegs, was nichts Gutes verheißt, denn die Läntahütte ist mit ihren 33 Plätzen relativ klein.
Zervreilasee (1862m)
Der Hüttenwirt teilt mir mit, dass er schon 36 Anmeldungen habe, und weist mir ein Notlager auf einer Matratze im Flur zu. Kurz nach meiner Ankunft öffnet der Himmel seine Schleusen. Abends erläutert mir der Wirt mein morgiges Vorhaben, weglos die Bocchetta di Fornée (2887m) zu erklimmen, und bereits um Neun bette ich mich zur Nacht, mit Ohrenstöpseln versehen ob des ohrenbetäubenden Lärms.

Exakte Routenführung: Zapporthütte (2276m) – Canallücke (2839m) – Zervreilasee (1862m) – Läntahütte (2090m)
Höhenunterschied: Aufstieg: 800m; Abstieg: 1000m
Distanz: 13 km
Reale Gehzeit: 4,5 Std

Rheinwaldhorn (3402m) aus Richtung Läntatal
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