28
Mrz
2013

111. Tag

Freitag, 27.8.04: Rhônebrücke bei Fully (461m) – P. 1300m bei Les Assets

Tiefer kann ich nicht mehr sinken, wie ein Clochard kam ich mir vor, ausgestoßen, unter der Brücke gestrandet. Der Sand, in dem ich mich suhlte, drang in die Klamotten, in Ruck- und Schlafsack, nun kratzt und piekt er am ganzen Körper. Mein Eisgerät hatte ich griffbereit deponiert, jedes noch so unverdächtige Geräusch ließ mich empor schnellen, um dem Angreifer eins über den Schädel zu ziehen.
Mein Schlafplatz unter der Rhônebrücke (461m)
Doch jetzt ist Tag und die Gefahr gebannt, ich entsande mich und wandere nach Martigny (471m) hinüber. Vorher schlüpfe ich unter der A 9 hindurch und spaziere durch eine leidlich beleuchtete, schmutzige, stinkende, graffitibunt bemalte Bahnunterführung.
Edward Whymper, der Erstbesteiger des Matterhorns, kommentierte einst voller Häme, dass Martigny bei Tage einen ungünstigeren Eindruck als im Mondenschein hinterließe. Hätte er die lärmende Autobahn oder den schmuddeligen Tunnel gemeint, wäre ich einverstanden - doch die gab es zu seiner Zeit noch nicht. Er tut ihm Unrecht, dem malerischen 15.000-Seelen Ort mit seinen frankophilen Bars, Cafés, Alleen und den arabisch- und afrikanischstämmigen Migranten, die das Stadtbild prägen. Schon in meiner Schulzeit, bei der Lektüre von Julius Cäsars Opus Magnum De bello gallico („Der gallische Krieg“), begegnete mir die Siedlung Octodurus, wie Martigny damals genannt wurde, zum ersten Mal. Generationen von Lateinschülern werden genötigt, diesen sperrigen, trockenen, kriegslüsternen und dennoch stinköden Text zu übersetzen. Ein ganzes Kapitel lang erörtert Julius Cäsar darin die Schlacht von Octodurus, bei der im Jahre 57 vor Christus die Römer ihre Feinde, die Veragrer, in die Flucht schlugen und das Dorf in Schutt und Asche legten. All dies und noch viel mehr erführe ich im gallorömischen Museum, einem der zahlreichen Kunst- und Kulturtempel von Martigny.
Es gäbe so vieles zu sehen hier, doch was mache ich? Zu mehr als den existenziellen Basics reicht es nicht: Wäsche waschen, einkaufen, reparieren. Eine napolitanische Schneiderin erbarmt sich meiner und bringt die frischen Löcher in meiner Hose zum Verschwinden, das gute Ding gleicht inzwischen einem Flickenteppich und wiegt das Doppelte seines ursprünglichen Gewichts. Während die Waschmaschine ihren Dienst verrichtet, setze ich mich auf ein schattiges Bänklein und lese. Weit komme ich nicht damit: Kann ich die erste Welle von Jesus-Jüngern noch erfolgreich abwimmeln, so gehen sie beim zweiten Mal geschickter vor. Eine füllige ältere Dame nötigt mich zum Gespräch. Wo ich herkomme, wo ich hingehe, ob ich Hilfe benötige usw. usf. Sie zieht ein Päckchen löslichen Kaffees hervor und reicht es mir mit mitleidsvoller Miene. Besten Dank, ich lasse sie im Glauben an ein gutes Werk. Kaffee war mir schon immer zuwider, ich werde ihn entsorgen, heimlich, still und leise. Doch die Dame ist hartnäckig. Ob ich Geld brauche, setzt sie ihren Monolog fort. Für wen hält sie mich? Und sich? Sehe ich so schlimm und verwahrlost aus? Ça suffit, Madame! Zum Abschied haucht sie mir noch ins Ohr, dass ich mich, sollte ich weiterer Unterstützung bedürfen, gerne an sie und an Jesus Christus bzw. ihre Kirche als dessen irdische Stellvertreterin wenden könne. Ich wusste es von Anfang an, auch sie ist eine Getriebene des Allmächtigen, wie seit jeher das Wallis ein Hort des Klerus und der Reaktion war. Nach der französischen Revolution waren die Täler rings um den Großen Sankt Bernhard (2469m) bevorzugte Refugien für katholisch-royalistische Adlige aus der Vendée, die dem Schafott entkommen wollten. Und seit über 150 Jahren regiert die christlich-konservative CVP nunmehr den Kanton – da erblasst selbst die CSU vor Neid.
Gässchen in Martigny (465m)
Kein Wunder, dass mir noch nie eine schlechter besuchte McDonalds-Filiale begegnet ist, der Salat schmeckt trotzdem, und wieder fällt ein Almosen für mich ab. Ich sehe das freudige Zucken im Gesicht der Tresenkraft, als sie mir einen Joghurtbecher mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum entgegen streckt, man könne ihn noch essen, versichert sie mir treuherzig. Kurz nach fünf verabschiede ich mich von diesem beschaulichen Ort, streife durch schöne alte Gassen, überquere die Straße zum Großen Sankt Bernhard und wandere an Bahnstrecke und Dranse entlang. Hinter Le Borgeaud (603m) biege ich in ein Seitental nach Süden, stapfe gedankenverloren ein Asphaltsträßchen bergauf und halte Ausschau nach einem Biwakplatz. Nach 200 Metern Anstieg dämmert es mir, ich bin auf der „falschen“ Seite der Durnand-Schlucht gelandet. Sei’s drum, den Umweg nehme ich gerne in Kauf, denn hier ist keine Menschenseele unterwegs, kein Autobahnzubringer, nur ich und die Natur. Ich bette mich am Ende des Fahrwegs in eine lichte Sackgasse, mitten in den Wald, über mir nichts als Baumkronen und wolkenloser Himmel.
Mein Schlafplatz (1300m) bei Les Assets

Erkenntnis des Tages: Jesus Christus hat mich im Visier.

Exakte Routenführung: Rhônebrücke bei Fully (461m) – Martigny (471m) – Le Borgeaud (603m) - P. 1300m bei Les Assets
Höhenunterschied: Aufstieg: 850m; Abstieg: 0m
Distanz: 12 km
Reale Gehzeit: 4 Std
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In fünf Monaten von Wien bis ans Mittelmeer

Eine kleine Wanderung


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